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Die Insignien des österreichischen Kaisertums#

von Peter Diem

Buchtext S. 175ff.

--> Es wird dringend empfohlen, vor oder nach Lektüre dieses Beitrags die Schatzkammer zu besuchen (tägl. außer Dienstag, 9-17,30 Uhr)

Wir haben bei der Behandlung der Geschichte des Doppeladler-Wappens die Gründe dargelegt, die zur Errichtung des österreichischen Erbkaisertums 1804 und zur Niederlegung der römischen Kaiserkrone durch Franz II. im Jahre 1806 führten.
Als offizielle Insignien des neuen österreichischen Kaiserreiches, das die gesamten Erblande und Königreiche der Habsburger umfasste, wurden die als „Hauskrone" geschaffene Krone Kaiser Rudolfs II. (1552-1612) sowie der Reichsapfel und das Zepter seines Bruders und Nachfolgers Matthias (1557-1619) gewählt. Durch ihr Alter und ihre Symbolik sollten diese Insignien Elemente aus der Tradition des Heiligen Römischen Reiches auf das neue habsburgische Kaisertum übertragen. In dieser Absicht wurde ja auch der kaiserliche Doppeladler weitergeführt. Eine formelle Krönung des österreichischen Kaisers mit den neuen/alten Insignien war zwar vorgesehen,
wurde aber nie vollzogen.

Die österreichische Kaiserkrone#

Rudolfskrone, Foto:Gryffindor - Aus: Wikicommons unter CC
Rudolfskrone
Foto:Gryffindor - Aus: Wikicommons unter CC
Bei der für das Kaisertum Österreich gewählten Krone, die sich in Tausenden und Abertausenden Abbildungen und plastischen Darstellungen in Wien, in Österreich und darüber hinaus manchmal noch auf dem Gebiet der ehemaligen Donaumonarchie wiederfindet und daher bis heute tief im Bewusstsein der Österreicher verankert ist, handelt es sich um die einzige erhaltene „Privatkrone" eines römischen Kaisers. Da die Insignien des Reiches seit 1424 in Nürnberg aufbewahrt und nur mehr bei der Krönung verwendet wurden, mussten sich die Herrscher für den gewöhnlichen Gebrauch eigene Kronen anfertigen lassen. Ferdinand II. (1578-1637) erklärte Krone, Reichsapfel und Zepter zu „Hauskleinodien" und entzog sie dadurch auf Dauer der freien Verfügung durch den einzelnen Herrscher.

Die österreichische Kaiserkrone wird dem niederländischen Goldschmied und Juwelier Hans Vermeyen zugeschrieben, der sie zwischen 1598 und 1602 in der Prager Hofwerkstatt herstellte. Hans (Johan) Vermeyen war der Sohn des Jan Cornelisz Vermeyen (genannt Barbalonga), eines in Beverwijk bei Haarlem um 1500 geborenen Malers, der im Dienste Karls V. stand. Er begleitete den Kaiser 1535 auf seiner Tunis-Expedition und dokumentierte diese auf zwölf Teppichen. Die großen, mit Wasserfarben gemalten Kartonentwürfe hiezu befinden sich im Wiener Kunsthistorischen Museum, die Teppiche in Schönbrunn. Vermeyen der Ältere starb 1559 in Brüssel. Sein Sohn Hans Vermeyen war aus Antwerpen nach Frankfurt am Main gekommen, wo er sich als Goldschmied niederließ. Er übersiedelte 1597 zunächst nach Wien und ging von da als Kammergoldschmied und Hofjuwelier Rudolfs II. nach Prag. Gleich seinem Vater war Hans Vermeyen ein geschickter Zeichner - leider ist nur eine Kreidezeichnung („Mutter mit Kind", 1603, Kupferstichkabinett der Universität Göttingen) von ihm erhalten. Neben der Kaiserkrone schuf Hans Vermeyen auch eine Anzahl überaus kostbarer Hofgefäße, darunter einen Narwalhornbecher, einen Bezoar-Becher (Bezoare sind als heilkräftig angesehene Magensteine von Ziegen oder Lamas), eine Chalzedon-Schale und eine Prasemschale, alle im Besitz des Kunsthistorischen Museums Wien.

--> Rudolf Distelberger, Die Kunstkammerstücke. In: Prag um 1600. Kunst und Kultur am Hofe Kaiser Rudolfs II. 2 Bände, Freren 1988, 437 ff. sowie Kat. Nr. 280

Hans Vermeyen, dessen Geburtsdatum unklar ist, starb im Jahre 1606. Wie die meisten historischen Herrscherkronen weist auch die von Rudolf II. gestiftete und daher „rudolfinisch" genannte österreichische Kaiserkrone ein „Programm" mit hohem Sinngehalt auf. Die Krone besteht im wesentlichen aus drei Teilen:

- dem Kronreif mit Lilienaufsätzen, der schon als solcher eine Königskrone bildet,
- dem kaiserlichen Hochbügel von der Stirn zum Nacken, der der Reichskrone nachempfunden ist,
- der Mitra, die das hohepriesterliche Gottesgnadentum des Kaisers symbolisiert.

Hugo Gerard Ströhl vermutete, dass die Krone Friedrichs III. auf dessen Grabmal im Wiener Stephansdom erstes Vorbild der Rudolfskrone gewesen sei (Mitte und links):

Bild 'stroehl_krone_200h'
Bild 'friedrichskrone'
Bild 'Duerer_Krone_Max_200h'
Bild 'funeralkrone_300h'

Friedrichs Krone lt. Ströhl | Am Friedrichsgrabmal in St. Stephan | Detail aus Dürer-Bild | Funeralkrone

Hermann Fillitz hingegen meint, dass die durch Albrecht Dürer überlieferten Privatkronen Maximilians I. die Form vorgegeben hätten. Rudolf II. schätzte ja Dürer und sammelte dessen Werke.

Betrachtet man die aus feuervergoldetem Kupfer bestehende Funeralkrone, die Rudolf II. 1576 für seinen in Regensburg verstorbenen und 1577 im Prager Veitsdom bestatteten Vater Maximilian II. anfertigen ließ, so erkennt man in dieser bereits viele Züge der bis 1602 geschaffenen Kaiserkrone, von den - hier mauresken - Zierbändern an der Mitra über die angedeuteten Perlenreihen bis hin zur Imitation des Rubins über der Stirn. Diese im Prager Domschatz verwahrte Plattnerarbeit muß daher ebenfalls als Vorlage für die rudolfinische Kaiserkrone angesehen werden.

--> Prag um 1600, a. a. O., 560, 569 ff.

Mit freundlicher Genehmigung des KHM für das, Buch 'Die Symbole Österreichs'
Mit freundlicher Genehmigung des KHM für das
Buch "Die Symbole Österreichs"
Das Programm:

Der Kronreif besitzt acht mit Diamanten besetzte und durch Perlenpaare getrennte Flächen: die Achtzahl, die ja auch der römischen Reichskrone zugrundeliegt, gilt seit alters her als Symbol der kosmischen Ordnung und Vollkommenheit.
Das Achteck symbolisiert die acht Hauptrichtungen der Windrose (vgl. den „Turm der Winde" in Athen)
Durch das Übereinanderlegen von zwei Quadraten (das Quadrat ist das Symbol des Irdischen) nähert man sich der Kreisform an (der Kreis ist das Symbol des Ewigen). Christliche Taufbecken sind deshalb oft achteckig. Das Achteck gilt auch als perfekter Grundriß in der Architektur. So ließ Karl der Großedie zu seiner Grablege bestimmte Pfalzkapelle in Aachen als Oktogon errichten. Auch die berühmte Stauferburg „Castel del Monte",
1240 durch Friedrich II. erbaut, versinnbildlicht durch ihren klaren achteckigen Aufbau den universellen Anspruch des römischen Kaisers.

Die acht großen Diamanten des Kronreifs sitzen in strengen Gevierten, so als wollten sie acht blühende Hauptstädte mit uneinnehmbaren Festungsmauern symbolisieren. Das Wort „Diamant" kommt ja vom griechischen „Adamas", d. h. der Unbezwingliche. Der härteste aller Steine steht damit für Christus, drückt aber auch allgemein positive Werte wie Licht, Leben, Aufrichtigkeit und Unschuld aus.

Eine Reihe von kleinen Löchern im Gold des Reifs wird von den Kunsthistorikern als Indiz dafür gesehen, dass Rudolf II. diesen Teil von einer Krone Kaiser Ferdinands I. (1503-1564) übernommen hat. Die vier großen und die vier kleinen Lilienaufsätze des Kronreifs werden von Rubinen und Spinellen dominiert und sind durch besonders große, birnenförmige Perlen gekrönt. Ihre Zahl und Ausführung greift auf mittelalterliche Vorbilder zurück.

Die sphärisch geschwungene Mitra ist im Gegensatz zur kirchlichen Inful (Bischofsmütze) um 90 Grad gedreht. Sie stellt den Träger dieser Kopfbedeckung damit bewusst in die Nachfolge des Hohepriesters im alten Testament. Die Mitra der Rudolfskrone weicht jedoch von der im Mittelalter (auch bei der ottonischen Reichskrone) üblichen Praxis ab, indem sie nicht aus Stoff, sondern aus purem Gold ohne Edelsteinbesatz gefertigt ist und einen integralen Bestandteil der Krone bildet.

Emailbänder u. a. mit zierlichen Vogel- und Schmetterlingsdarstellungen auf weißem Grund und Perlen umsäumen ein wenig spielerisch die Mitra und teilen sie in vier sphärische Dreiecke. Die rechte und linke Seitenansicht zeigt die folgenden Motive: Rudolf als IMPERATOR und REX BOHEMIAE sowie als AUGUSTUS und REX HUNGARIAE.

  • Auf dem ersten Dreieck vorne (über der rechten Schläfe) wird Rudolf als Sieger über die Türken gefeiert. Er wird mit dem Lorbeerkranz als dem Symbol der Unbesiegbarkeit des christlichen Kaisertums gekrönt.
  • Links vorne ist die Krönung Rudolfs zum Kaiser am 1. 11. 1575 im Dom zu Regensburg dargestellt. Der Erzbischof von Mainz setzt Rudolf im Kreise der Kurfürsten die Krone aufs Haupt. Verdeckt von einer Lilie symbolisiert der Herold mit dem Doppeladler auf seinem Tappert das Römische Reich.
  • Im Dreieck rechts hinten sieht man Rudolf beim Krönungszug in Prag am 22. 1. 1575. Ihm wird das Kleid des legendären Vorfahren der . Könige, des Ackermannes Premysl, vorangetragen. Von der Lilie verdeckt ist der Schild mit dem böhmischen Löwen.
  • Das Dreieck links hinten zeigt Rudolf nach seiner Krönung zum König von Ungarn in Pressburg, wie er am 16. September 1572 auf den Krönungshügel hinaufreitet, um je einen Schwertstreich in die vier Himmelsrichtungen zu führen, als Zeichen, dass er das Königreich gegen alle seine Feinde verteidigen wolle. Der ungarische Wappenschild links unten wird ebenfalls von einem Fleuron verdeckt.
Die Mitra der Rudolfskrone stellt - siehe oben - den wohl einmaligen Fall in der Kunstgeschichte dar, dass die Krone bereits die Vita des Gekrönten trägt. Nach Ansicht der Experten zeugt dies einerseits vom privaten Charakter der Krone, andererseits aber auch von der starken Identifikation Rudolfs II. mit seinen Ämtern, symbolisiert die Krone doch bildlich alle drei monarchische Würden. Die Darstellung erinnert damit ein wenig an die „Ehrenpforte" und den „Triumphwagen" von Maximilian I.

Während am Kronreif neben dem reichen Perlenschmuck der Diamant und an den Lilien der Rubin dominiert, zeigt der kaiserliche HochK eine harmonischen Abfolge aller drei edlen Steine: Am Scheitelpunkt sitzt ein geradezu respektlos kleines griechisches Kreuz mit Dreipassenden, welches von einem großen dunkelblauen Saphir überragt wird.

Foto: KHM
Foto: KHM
Beachte:

Dieser wahrscheinlich aus Kaschmir stammende wunderschöne Edelstein ist eine weitere Besonderheit der Rudolfskrone, denn auf allen sonstigen Mitrenkronen und Darstellungen solcher Kronen ist das Kreuz dem Rest der Krone übergeordnet. Entweder findet es sich - in Anlehnung an die Reichskrone - über der Stirnlilie, oder es sitzt - meist auf einem kleinen Orb - auf dem Scheitelpunkt des (beziehungsweise der) , wie etwa beim österreichischen Erzherzogshut von 1616). Anders bei der Privatkrone des zeit seines Lebens Papst und Kirche nicht sonderlich verbundenen Kaisers Rudolf II. - hier erhebt sich der blaue Stein hoch über alles Andere (diese Anordnung mag auch Vermeyen besonders geschätzt haben - vgl. seine beiden edlen Gefäße in den Bildern oben).


Rudolf, der seine Edelsteinsammlung sehr liebte, weil er vielleicht in den Gemmen einen Abglanz der Macht Gottes sah, hat zusammen mit seinen Hofhumanisten sicher viel über das ikonographische Programm der Krone nachgedacht. Sein Leibarzt, Anselm Boetius de Boodt, war ja nicht nur Botaniker, sondern gilt auch als einer der ersten Verfasser einer systematischen Mineralogie. Alchimie und neuzeitliche Chemie, Astrologie und Astronomie, Kosmologie und Mathematik, Mythologie, Literatur und Musik, Mechanik und Architektur blühten Seite an Seite in Prag, das ab 1583 kaiserliche Residenzstadt war. Alle diese Strömungen wurden jedoch von der „Pansophie" überhöht: dem Bestreben zu erkennen, wie der Mikrokosmos Mensch in den Makrokosmos Natur eingeordnet ist. Nach anderer Lesart stellt der Saphir den Himmel dar, der nur über das Kreuz zu erreichen ist. Dem widerspricht aber der Umstand, dass sich ein Saphir auch an der Spitze des Zepters befindet.

Das symbolpublizistische Programm der österreichischen Kaiserkrone drückt sich zunächst in Form und Material aus, bestimmt sich aber auch stark durch die Art, Größe, Menge und Anordnung der verwendeten Edelsteine. Dabei fällt zunächst die starke Betonung der Farben Rot und Weiß (bei gänzlichem Fehlen des grünen Smaragds!) auf. Ist es völlig auszuschließen, dass die Farben des österreichischen Bindenschildes, der ja gerade im 16. Jahrhundert von den Wiener Humanisten sehr blumig vom blutigen Waffenrock Leopolds V. vor Akkon abgeleitet wurden, dieser dualen Farbkombination zugrunde lagen?

  • Das Rot des Rubins signalisiert Königtum, Würde, Macht, Feuer und Liebe - vorwiegend Dinge, die wir bereits bei Behandlung der Purpurfarbe als Symbole von Macht und Männlichkeit kennengelernt haben.
  • Das glänzende Weiß der Perle hingegen steht für das weibliche Prinzip, steht für Wasser, Unschuld, Demut und Fruchtbarkeit.
  • Das Rot der obeliskenartigen Auftürmung aus Rubinen könnte das Feuer der männlichen Weisheit darstellen, die dahinter stehende schoßartig geöffnete Lilie aus weißen Perlen hingegen könnte Symbol weiblicher Weisheit sein - ein passendes Dualsystem, wenn es gilt, jene absolute Vollkommenheit zu signalisieren, die man einst mit dem Kaisertum verbunden hat.

Die zwischen 1598 und 1602 angefertigte Rudolfskrone trägt aber nicht nur den Prinzipien der Geometrie und Symmetrie Rechnung, sondern lässt auch in der Harmonie ihrer Formen, insbesondere jedoch im Verlauf ihrer Perlenreihen die Gesetze der Astronomie anklingen. Das kann deshalb kein Zufall sein, weil die Krone in jener kurzen Zeitspanne (1599-1601) entstand, in welcher der bedeutendste Astronom seiner Zeit, der aus Dänemark zugewanderte Tycho de Brahe (1546-1601), am Hofe Rudolfs II. wirkte. Sein Assistent und Nachfolger war der berühmte Johannes Kepler (1571-1630), der als Protestant aus Graz vertrieben worden war und 1600 an den toleranten Prager Hof kam, wo er Brahe traf. Kepler beschrieb aufgrund der Beobachtungen Brahes 1605 die elliptische Marsbahn. Seine Bemühungen, zu einer Weltharmonik zu gelangen, sprechen vor allem aus seinem freilich erst 1619 erschienenen Hauptwerk „Harmonices mundi libri quinque", in dem er nicht nur die Planetenbahnen darstellt, sondern sich auch mit den Zahlen der Bibel, der Form der Schneeflocken und den Harmonien der Töne beschäftigt.

Die vollständige Entschlüsselung des geistigen Konzepts der österreichischen Kaiserkrone ist uns damit aber noch nicht gelungen. Denn das schwierigste Rätsel gibt uns wohl der große, tiefblaue Saphir an der Spitze der Krone auf. Im ersten Augenblick wird man das Blau des obersten Steines vermutlich als die Himmelsfarbe interpretieren: über das Kreuz führt der Weg zur ewigen Herrlichkeit. Die Bibel kennt ja auch den Saphir als Baumaterial für das himmlische Jerusalem (Jesaja 54,11 und Offenbarung 21,19). Doch kommt ihm dort neben einem Dutzend anderer Edelsteine keineswegs ein führender Rang zu. Vielleicht hat Hans Vermeyen mit der besonderen Positionierung des großen Saphirs für den edelsteinbegeisterten Auftraggeber auch nur einen ästhetisch besonders wirkungsvollen „Schlussstein" setzen wollen.

Skizze Dürers
Skizze Dürers

Die böhmischen Insignien
Die böhmischen Insignien
Der Künstler und sein kunstsinniger Auftraggeber müssen alle wichtigen Kronen des Mittelalters genau gekannt haben, vor allem natürlich die Reichskrone (Skizzen und Gemälde Dürers aus der Zeit um 1510 - sieh Abb. links). Im Detail auseinandergesetzt werden sie sich wohl mit jenen Insignien haben, mit welchen Rudolf II. 1572 und 1575 selbst gekrönt wurde: mit der böhmischen und der ungarischen Königskrone.

Als „programmatische Gedankenskizze" wird wohl die oben erwähnte Funeralkrone für Maximilian II. aus dem Jahre 1577 gedient haben. Die aus der Regierungszeit Karls IV. (1347-1378) stammende Form der Wenzelskrone mit ihren herrlichen Saphiren, Spinellen und Rubinen hat auch sicher ihre Wirkung nicht verfehlt, wenn es darum ging, Edelsteinen Aussagekraft zu verleihen.

Die heilige Stephanskrone#

Mit frdl. Genehmigung des Ungarischen Nationalmuseums, für das Buch 'Die Symbole Österreichs'
Mit frdl. Genehmigung des Ungarischen Nationalmuseums
für das Buch "Die Symbole Österreichs"
Die ungarische Stephanskrone war ja unter Rudolf II. um 1580 nach Prag gelant und verblieb dort bis zu dessen Abdankung. Sie trägt auf ihrem byzantinischen Reif vorne und hinten ebenfalls je einen großen Saphir. Der vordere, ältere, ist dreieckig-gewölbt und von lichtblauer Farbe. Der hintere, dunkelblaue, ist achteckig geschliffen. Er ist der wertvollste Stein der Krone, dürfte aber erst Anfang des 17. Jahrhunderts eingesetzt worden sein. Auch an den seitlichen Polen des Kronreifs sitzt je ein kleinerer Saphir. Rudolf II. und sein Kammerjuwelier werden sich auch mit dem Programm der Reichskrone, ihrem Aufbau auf die Zahl Acht und der Anordnung der Edelsteine genau auseinandergesetzt haben. Die „Privatkrone" von 1601 stand ja stellvertretend für die Reichskrone. Die Beteiligten wussten vermutlich weit mehr über die Symbolik der Reichskrone als wir und waren daher wohl auch mit den Legenden vertraut, die sich um den „Waisen", den geheimnisumwobenen Leitstein auf ihrer Stirnplatte rankten. Dieser Stein fehlt in der Zeichnung Dürers um 1510 bereits; er war durch einen herzförmigen, für die Fassung eine Spur zu kleinen Edelstein ersetzt worden. So enthielt die Reichskrone zur Zeit Rudolfs II. als „ranghöchste" Edelsteine vorne und hinten zwei einander ziemlich ähnliche, dreieckige, gemugelte Saphire.

Wäre es unter diesen Umständen nicht denkbar, dass sich der sichtlich perfektionistische Niederländer Vermeyen und sein für Astronomie und Astrologie, Alchimie und Edelsteinkunde im Rahmen der pansophischen Wissenschaften schwärmender kaiserlicher Auftraggeber entschlossen, dem als „unvollkommen" empfundenen Programm der damals in Nürnberg aufbewahrten Reichskrone sowie den „archaischen" Systemen der Steine auf der Stephanskrone und der Wenzelskrone ein neues, „vollkommeneres" Programm entgegenzusetzen?

Den Schöpfern der rudolfinischen Krone musste sich geradezu der Gedanke aufdrängen, dass ein großer blauer Saphir, der sich über alle anderen Steine erhebt, ein Symbol höherer Weisheit darstellt als zwei blaue Saphire, die sich nur auf halber Höhe befinden. Überdies war es vermutlich auch dem Kaiser nicht möglich, genügend Edelsteine von jener Größe und Güte aufzutreiben, wie sie den drei anderen Kronen eigen sind. Nach unserem Dafürhalten ist der für das Auge fast frei schwebende, durch sein sattes und doch durchsichtiges Dunkelblau geheimnisvoll, ja mystisch wirkende Saphir der österreichischen Kaiserkrone als ein Symbol besonderer Art gedacht worden - gewissermaßen als die Apotheose der gesamten Krone. Als ein „um sich blickender" und damit die Universalität des Kaisertums betonender „Stein der Weisheit" sollte er einen „Brennpunkt göttlicher Tugend" bilden. Vergessen wir nicht, dass die Farbe Blau durch ihre Assoziation mit dem Himmelslicht schon seit alters her auch die Farbe Jupiters und der Götter ist. Deshalb gilt der Saphir auch als Symbol der Universalität: Gott im Menschen, der Mensch in Gott. Die Kraft des Saphirs lässt den Menschen das Licht der Wahrheit sehen, beseitigt Verwirrung und bringt Klarheit in die suchende Seele. Letztlich mag der Saphir auch als ein „ultimativ", an höchster Stelle stehendes Apotropäum gedacht gewesen sein, das Unheil vom Reich, vom Herrscher und von seinen Untertanen abwenden sollte. Blau wird ja im Orient noch heute als Mittel gegen den bösen Blick eingesetzt. (Es ist nicht auszuschließen, dass das Blaulicht unserer Rettungsautos deswegen so beliebt ist, weil es den unheilvertreibenden Charakter der Farbe Blau unbewusst weiter vermittelt.)

Zusätzlich soll noch darauf verwiesen werden, dass sich seit dem Mineralienbuch von Albertus Magnus aus der Zeit zwischen 1250 und 1260 die Legende herausgebildet hatte, dass der „Waise" der Reichskrone in Wirklichkeit ein (roter) Karfunkelstein gewesen sei. Und was findet sich auf der rudolfinischen Kaiserkrone an jener Stelle, wo auf der ottonischen Reichskrone der „Waise" positioniert war? Ein herausragender roter Edelstein! (Es ist ein Spinell, den man für einen Rubin hielt.) Und auch an den korrespondierenden Stellen im Nacken, rechts und links, sitzen gleichermaßen prominent rote Edelsteine (hinten und rechts Rubine, links wieder ein Spinell). Auch in dieser Hinsicht konnte also die „offizielle" Reichskrone durch die „private" übertroffen bzw. perfektioniert werden: Sollte der verlorengegangene „Waise" tatsächlich ein feuerroter Edelstein mit geheimnisvollen Kräften gewesen sein - so mag man sich in Prag insgeheim gedacht haben -, hatte die neue Krone einen solchen nicht nur über der Stirn des Kaisers aufzuweisen, sondern auch rechts, links und im Nacken, gerade so wie die „Corona loci", die St. Wenzelskrone, mit ihrer unnachahmlichen, sehr archaischen Edelsteinpracht.

„Fulget caesaris astrum" - "Es leuchtet des Kaisers Gestirn" - war der Wahlspruch Rudolfs II. Seine Privatkrone mit dem großen, einsamen Saphir an der Spitze (der einsame Weise hoch oben auf dem Hradschin?) ist, näher betrachtet, die geglückte Umsetzung dieser Devise mit den Mitteln der Goldschmiedekunst.

Dennoch: allen Spekulationen und symbolkundlichen Erklärungsversuchen zum Trotz wird sich uns das wahre Programm der um 1600 entstandenen österreichischen Kaiserkrone wohl nie ganz erschließen - der geniale Niederländer und sein kunstsinniger Auftraggeber haben es als ihr Geheimnis mit ins Grab genommen. Jedenfalls blieb der Mythos der Krone erhalten, wie er auch aus dieser Abbildung aus dem "Austria-Kalender 1847" spricht.


Bild 'Rudolfskrone_500h'
Franz II. -, Gemälde von Friedrich von Amerling Aus: Wikicommons unter CC
Franz II. -
Gemälde von Friedrich von Amerling Aus: Wikicommons unter CC
--> Anmerkung: Etwas seltsam mutet die fast „photographische" Darstellung der Rudolfskrone, mit der Franz I. bekanntlich nie gekrönt wurde, durch Friedrich von Amerling auf seinem bekannten Kaiserporträt aus dem Jahre 1832 an. Hier scheint es, als säßen nicht Diamanten, sondern Saphire oder andere dunkle Steine in den Kastenfassungen des Kronreifs.)










Reichsapfel und Zepter#

Foto: KHM
Foto: KHM
Kaiser Matthias, zu dessen Gunsten sein Bruder hatte abdanken müssen, ließ Reichsapfel und Zepter zur Rudolfskrone fertigen.

Auch der Laie sieht auf den ersten Blick die stilistische Verwandtschaft der beiden jüngeren Kleinodien mit der Krone, obwohl der Künstler ein anderer war: höchstwahrscheinlich fertigte der Kammergoldschmied des Kaisers, Andreas Osenbruck, die Handinsignien nach dem Muster der Krone zwischen 1612 und 1617 an.

Wie in der Krone wurden auch beim Reichsapfel Emailbänder auf große Goldflächen gesetzt; neben Perlen schmücken Rubine und Diamanten Sphäre und Kreuz. Und wie bei der Krone erhebt sich über alles ein in Gold gefaßter tiefblauer Saphir. Die Form entspricht dem zur Reichskrone gehörenden Reichsapfel, der um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert in einer westdeutschen Werkstätte entstanden war. Das Insigne lehnt sich aber in Details auch an den Reichsapfel Rudolfs II. an, der sich heute beim ! Kronschatz befindet.

Die Kugel ist am Äquator von einem breiten und an den vier symmetrischen Meridianen mit schmalen, reich verzierten Emailbändern überzogen. Vier Diamantfelder entsprechen den acht Feldern mit Diamanten an der Krone. Das wuchtige Kreuz mit den Dreipassenden trägt vier Tafeldiamanten und vier Rubine - wieder ergibt diese rot-weiß-rote Kombination die Achtzahl der Vollkommenheit: hier wurde offenbar ganz bewusst auf die sich im Kreuz anbietende Fünfzahl der Wundmale Christi verzichtet. Während die Vorderseite des Kreuzes ernst und schwer wirkt, macht das reiche Emaildekor mit Fruchtbündeln auf der Rückseite einen sehr gelösten und heiteren Eindruck, der durch die sechs großen Eckperlen ins Feierliche gehoben wird. Zur Krönung des Reichsapfels wurde ein gemugelter Saphir von schöner Farbe gewählt, der aus dem Mittelalter oder der Spätantike stammen dürfte, was die Kunsthistoriker daraus ableiten, dass er durchbohrt ist.



Foto: KHM
Foto: KHM
Das Zepter (griech. skeptron = Stab) geht auf den ägyptischen Hirtenstab, den Vorläufer der heutigen Bischofsinsignie, des Krummstabes, zurück, der in der Hieroglyphenschrift soviel wie „herrschen" bedeutete. Die Funktion des Zepters als Herrschaftssymbol wird auch dadurch deutlich, dass Jesus in der Passion ein Schilfrohr als Spottzepter in die Hand gedrückt wurde - zusammen mit der Dornenkrone als Symbol „quasi-königlicher" Macht. Das Zepter ist (phallisches) Symbol der Macht, das König und Kaiser bei bestimmten Zeremonien mit der Hand umfassen. Heiliggesprochene Herrscher (z. B. Stephan von Ungarn) tragen auf bildlichen Darstellungen das Zepter als Zeichen ihrer ewig währenden Würde. Aus dem Knoten (Sphaira) des Zepters entwickelte sich der Reichsapfel, der den Erdball symbolisiert; mit dem Kreuz versehen, bedeutet er die Herrschaft des Christentums über die gesamte Erde.

Gefertigt aus Narwalzahn und reich mit den gleichen Edelsteinen besetzt wie Krone und Reichsapfel, stammt das Zepter des österreichischen Kronschatzes von Andreas Osenbruck, der das Insigne mit seinem Namen und mit der Jahreszahl 1615 signierte.(Der Narwalzahn wurde im Mittelalter „Ainkhürn" genannt, weil er für das „Hörn" des Fabelwesens Einhorn gehalten wurde. Da man mit dem Einhorn Christus und die von Gott legitimierte Herrschaft verband, übertrug sich diese Symbolik auch auf das Zepter.)

Griff und Knauf des österreichischen Zepters sind mit kräftigen Diamantringen zwischen Perlen versehen. Der Knauf - hier eine wirkliche „Zepterblume" - erweckt im ersten Augenblick den Eindruck eines wirren Knäuels. Auf dem etwas nach oben verschobenen Äquator der „Sphaira" sitzen gemugelte Rubine und eindrucksvolle Tafeldiamanten. Zahllose Voluten, Rosetten und Edelsteinfassungen verraten höchste Goldschmiedekunst. Die Bekrönung des Zepters bildet wieder ein blauer Saphir, der zwar ursprünglich nur gemugelt war, aber dann doch zum Teil facettiert wurde. Auch bei diesem, von Kaiser Matthias beauftragten Zepter nimmt die virtuose Kunst seines Hofjuweliers Anleihen beim allerdings wesentlich einfacheren Zepter Rudolfs II. Dieses befindet sich wie der rudolfinische Reichsapfel ebenfalls bei den Die Krönungsinsignien

Wie bereits erwähnt, wurden die österreichischen Krönungsinsignien Krone, Reichsapfel und Zepter nie offiziell verwendet. Gelegenheit hiezu hätte die Krönung von Ferdinand zum jüngeren König Ungarns am 8. September 1830 geboten, doch Franz II. ließ sich eine sogenannte „substitutorische Kaiserkrone" anfertigen - offenbar auch deshalb, weil ihm die rudolfinische mit ihren vier Kilogramm zu schwer war. Neu angefertigt wurde auch ein Mantel aus kirschrotem Samt, bestreut mit goldenen Doppeladlern mit dem Bindenschild, heute ein Prunkstück der Schatzkammer. Das Vorbild für diesen Mantel war freilich nicht das traditionelle Pluviale der römischen Kaiser, sondern - Ironie der Geschichte - der Ornat Napoleons. Während man also noch 1804 die Staatssymbolik sehr ernst nahm, war sie ein Vierteljahrhundert später offenbar bereits zur leeren Form erstarrt. Daraus dürfte auch der Verzicht Kaiser Franz Josephs auf jede Krönung und Inthronisation zu erklären sein.

--> siehe Hermann Fillitz, Die österreichische Kaiserkrone. Wien 1959,

Für die Zeremonien des Jahres 1830 wurde schließlich noch ein Heroldsrock für das Erbkaisertum Österreich angefertigt. Dieser zeigt auf Goldstoff den schwarzen Doppeladler mit je einer Königskrone auf seinen Häuptern, auf der Brust das genealogische Hauswappen. Der Schild ist von den Kollanen der fünf wichtigsten Orden umschlungen und von den Wappen der Kronländer umgeben. In der Eile der Ereignisse irrte sich der Sticker und machte aus dem Tiroler Wappen das römisch-deutsche Königswappen, indem er statt Rot und Silber Schwarz und Gold wählte.

Es gab also schon in der „guten alten Zeit" das Problem der Irrtums- Anfälligkeit österreichischer Staatssymbole!

Das Reichsschwert#

Foto: KHM
Foto: KHM


Dass man es im alten Österreich in Fragen der Heraldik und Staatsymbolik einerseits sehr genau nahm (wo es nämlich um Besitzansprüche ging), andererseits aber sehr großzügig vorging, lässt sich an der Frage des österreichischen Reichsschwertes belegen. Da man in dem von Rudolf II. übernommenen Kronschatz ein Schwert nicht vorfand (obwohl ein solches im Nachlassinventar von Matthias 1619 beschrieben wird), entlehnte man bei feierlichen Anlässen (so zum Beispiel zur Reichstagseröffnung oder zur Krönung von Kaiser Karl zum König von Ungarn 1916) einfach das Reichsschwert aus dem Kronschatz des Römischen Reiches der ja nur wenige Meter weit entfernt vorhanden war. An seiner Parierstange liest man bei zu den Zeremonien aufgerichteter Klinge: CHRISTUS VINCIT, CHRISTUS REIGNAT, CHRIST(US) INPERAT. Unter dieser nicht eben im besten Latein abgefassten Inschrift aus der Zeit Ottos IV. (1198-1218) findet sich ein früher Reichsadler.

--> Sie sind eingeladen, zur Abrundung der Lektüre dieses Beitrags die Schatzkammer zu besuchen (tägl. außer Dienstag, 9-17,30 Uhr)

Redaktion: P. Diem