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Treibstoff gab’s in der Apotheke #

Das waren noch Zeiten, als 1899 die ersten Automobile durch Graz rollten – und die Gemüter erregten.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Werbung für die Puch-Voiturette
Werbung für die Puch-Voiturette, wie man das Auto wegen seiner leichten Bauweise nannte.
© GERNOT EDER

Man schrieb das Jahr 1899, als die ersten Motorwagen, wie man Autos damals bezeichnete, durch Graz fuhren. Sie sahen noch sehr den alten Kutschen ähnlich, Windschutzscheiben – Glasfront genannt – gab es nicht, die kamen erst 1906/07 in Gebrauch. Die feinen Herrschaften hatten einen Chauffeur, nur die Sportlichen fuhren selbst. „Herrenfahrer“ nannte man die reichen Mitglieder der Oberschicht, die ihre Fahrzeuge selbst lenkten und sich einen Sport daraus machten.

„H“ stand für Steiermark#

Kein Zufall also, dass sehr viele der ersten Autolenker aus den Reihen der Radfahrvereine kamen. Aber ihre Autoleidenschaft fand nicht überall Beifall. So wetterte die Tagespost bereits am 24. Mai 1900: „Die Automobilwagen treiben wieder einmal ihr Unwesen in unserer Stadt. Sie sausen durch die Straßen, verpesten die Luft und bringen Fußgänger in Gefahr.“ Da derartige Klagen sich häuften, war es höchste Zeit, dass erste Verkehrsordnungen erlassen wurden. In Graz war das 1902 der Fall. Dabei wurden auch Kennzeichen verordnet, um den „Autowildlingen“ das Handwerk legen zu können. Die Steiermark erhielt den Landesbuchstaben „H“ und eine ein- bis dreistellige Kennzahl, vor die man später eine römische Ziffer stellte, als immer mehr Automobile zugelassen wurden.

Mercedes-Gordon-Bennett
Ein Mercedes-Gordon-Bennett mit 120-PS-Vierzylindermotor, 1906
© STUHLHOFER

Aber ein Problem blieb bis 1938 bestehen: In allen Kron- und später Bundesländern kam keine einheitliche Regelung der Fahrtrichtung zustande. So mussten Autofahrer aus der Steiermark, wo (wie heute noch in England) die Linksfahrregel galt, nach der Grenze zu Kärnten die Straßenseite wechseln – und rechts weiterfahren. Denn dort war – wie in Tirol, Vorarlberg und im Küstenland – die Rechtsfahrregel gültig.

Ein früher prominenter Gegner des Autoverkehrs in der Steiermark war Peter Rosegger, berichtet Hilde Harrer im Historischen Jahrbuch der Stadt Graz, Band 26. Schon 1903 hatte er sich über die anfangs sehr pannenanfälligen „Selbstlaufer“ lustig gemacht. Rosegger bezeichnete sie als „wahnsinnige Maschinen“ und „Automobilteufel“. Ja, er forderte sogar eine hohe Besteuerung für das „staubige Vergnügen“ dieser „Automobilfexen“, da sie die Häuser an den Straßen unbewohnbar machten und das angrenzende Gelände mit Staub bedeckten. Als Rosegger aber selbst zu einer größeren Ausfahrt eingeladen wurde, änderte sich seine Einstellung. Der Dichter genoss den Panoramablick aus dem offenen Wagen und bewunderte die Schnelligkeit des Fahrzeugs. Rosegger wurde zum Autofreund und nannte diese Vehikel ab 1913 „Zauberwagen“. Der Siegeszug des Autos war nun auch in Graz nicht mehr aufzuhalten.

Puch-Zweizylinder vom Typ A1
Ein Puch-Zweizylinder vom Typ A1 aus dem Puch- Museum.
© ENGELE

Wer aber waren die ersten Autofahrer, die sich so ein teures Gefährt leisten konnten? Am 14. Jänner 1900 regte Hans von Reininghaus die Gründung des „Steiermärkischen Automobil-Klubs“ an. 1903 zählte man in Graz 28 Motorfahrzeuge, darunter 17 Automobile und elf Motorräder. Unter den stolzen Autobesitzern findet man bekannte Namen wie den Auto-Pionier und Fabrikanten Johann Puch, den Huthersteller Josef Pichler, den Kaufmann Georg Koch und den Ziegeleibesitzer Georg Eustacchio.

Johann Puch
Johann Puch (Janez Puh) aus der Untersteiermark war in Graz Autofahrer der ersten Stunde.
© K.K.

Im Juni 1905 erließ der Gemeinderat die „Straßenpolizeilichen Bestimmungen für den Verkehr der Automobilwägen und Motorfahrräder“ – mit einem totalen Fahrverbot für Mur- und Sporgasse, die als viel zu eng betrachtet wurden, heißt es in „Geschichte der Stadt Graz“, Band 2.

Treibstoff aus der Apotheke#

Mit der Verkehrszunahme musste aber auch die ganze Infrastruktur an die neuen Verkehrsmittel angepasst werden. Denn die Straßen waren in einem furchtbaren Zustand: Nur notdürftig mit Schotter ausgebessert, von tiefen Wagenrinnen und quer verlaufenden Wasserrinnen durchfurcht. Von Asphalt war keine Spur, der wurde bei uns erst ab 1908 in Form von Stamm- oder Gussasphalt aufgebracht. Vor Schulen, öffentlichen Gebäuden und Brücken kam Holzstöckelpflaster zum Einsatz. Reparaturwerkstätten wurden errichtet. Und Tankstellen. Denn um 1900 war Treibstoff in Österreich noch in Kaufläden, Apotheken und Gasthäusern verkauft worden. Die ersten Benzinzapfsäulen gab es 1923 in den USA. Aber schon 1924 erhielt Graz am Joanneumring die erste Tankstelle Österreichs, Wien folgte erst ein Jahr später 1925.

Inzwischen hatte der Untersteirer Johann Puch in der Strauchergasse erfolgreich Fahrräder und Schlittschuhe produziert. 1899 gründete er eine Fabrik in Puntigam („Einserwerk“), wo er ab 1901 auch Motoren und ab 1904 Autos baute. Im Zweiten Weltkrieg folgte dann in Thondorf das „Zweierwerk“. Graz war zur Autometropole geworden.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele