unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Bauboom in der Gründerzeit #


Der historische Stil der Wiener Ringstraße beeinflusste Mitte des 19. Jahrhunderts den Bauboom in Graz. Jakob Bullmann und sein Sohn Josef waren führende Baumeister dieser Zeit. #


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Jakob Bullmann
Gipsbüste des erfolgreichen Baumeisters Jakob Bullmann
© PRIVAT
Jakob Bullmann und seine Familie
Jakob Bullmann und seine Familie um 1878, links von ihm seine Frau Marie. Dritter von rechts hinten Sohn Josef
© PRIVAT, SOMMER
Seifenfabrik
Heute ein beliebter Veranstaltungsort: die Seifenfabrik
© KK

Wer schätzt sie nicht, die schönen alten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, die Gründerzeitvillen und Wohnhäuser mit ihren repräsentativen Straßenfassaden? Gerade ihr Mix mit Gebäuden aus Barock und Renaissance macht das Flair von Graz aus. Aber sie sind immer häufiger bedroht, weil zu oft kurzsichtiges Gewinnstreben die großen Gärten dieser Villen verbauen und die Häuser selbst verfallen lässt.

Wie aber konnten diese schönen Gebäude in solcher Dichte entstehen? Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich in Graz die gründerzeitliche Baukonjunktur voll durch. Begünstigt durch eine neue Bauordnung von 1856 bzw. 1867 hatte die Stadtverwaltung direkten Einfluss auf die städtebauliche Entwicklung. Sie bestimmte nun, dass neu anzulegende Straßen möglichst gerade verlaufen sollten. Auch auf das äußere Erscheinungsbild wurde größter Wert gelegt, so war „jede geschmacklose Verzierung zu vermeiden“. Auf diese Art wurden ganze Straßenzüge und Bezirke mit hoher Lebensqualität errichtet. Daran könnte sich die heutige Stadtverwaltung ein Beispiel nehmen – Stichwort Reininghausgründe.

Bauboom

Wiener Ringstraßenstil #

Durch die rege Bautätigkeit kam damals nicht nur der Berufsstand der „Hausbesitzer“ auf, sondern veränderte sich auch der Baumeisterstand entscheidend, berichten Gertrude Celedin und Wiltraud Resch in „Die Altstadt-Fassade am Beispiel der Stadt Graz“. Weil alle in Graz lehrenden Architekturprofessoren in Wien geschult worden waren, waren sie Schüler der großen Ringstraßenarchitekten.

„In reduzierter Form bestimmte somit der historische Stil der Wiener Ringstraße weitgehend auch das Erscheinungsbild von Graz im ausgehenden 19. Jahrhundert.“ Ein gutes Beispiel für die „neuen“ Baumeister in Graz war Jakob Bullmann, der 1845 22-jährig von Novi Vrbas, einer deutschen Sprachinsel in der Batschka (heute Ungarn bzw. Serbien), nach Graz kam.

Er war gelernter Maurer und muss sehr fleißig und vor allem geschäftstüchtig gewesen sein, berichtet seine Ururenkelin Gudrun Bullmann. Denn „auf seinem Trauschein bezeichnete er sich schon als Maurerpolier und Hausbesitzer, 1855 hatte er die größte Baufirma in Graz und baute viele Jugendstilhäuser. Sein Sohn Josef Bullmann baute die späten Gründerzeithäuser – insgesamt hat meine Familie etwa 50 bis 60 Prozent der Häuser dieser Epoche gebaut.“

Innerhalb kurzer Zeit wurde Jakob Bullmann Stadtbaumeister. Sitz seiner Firma war in der Zwerggasse 6, später in der Leonhardstraße 14. „Der Lagerplatz seiner Baufirma war in der Mariengasse gegenüber dem Kloster, dort, wo heute ein Kinderspielplatz ist“, erzählt die Ururenkelin. Aber Bullmann hatte auch den richtigen Riecher für gute Geschäfte, nutzte die expansive Stadtentwicklung und kam durch Grundstücks- und Hausspekulationen schnell zu großem Reichtum. Er kaufte ausgedehnte Grundstücke, parzellierte sie und erschloss sie durch Straßen, wie z. B. die Beethovenstraße. Auf eigene Rechnung baute er Villen und Zinshäuser, die er wiederum verkaufte. Öffentliche Gebäude errichtete er reihenweise, Institutsgebäude der Grazer Uni ebenso wie die Schule in der Elisabethstraße. Auch die als interessantester Industriebau von Graz bezeichnete „Seifenfabrik“ baute Bullmann und kaufte sie sogar nach dem Konkurs als Poudrettefabrik. Später wurde daraus die „Podewilsche Fäkalextraktfabrik“ und 1946 die Seifenfabrik Lettner. „Seine Villen- und Hausfassaden sind stilistisch großteils dem frühen Historismus, seine späteren öffentlichen Bauten vorwiegend dem strengen Historismus zuzuordnen“, schreiben Celedin und Resch.

1854 heiratete Bullmann die Postmeisterstochter Marie Knopper aus St. Margarethen bei Lebring. Die sehr katholischen Eltern der Braut haben ihrer Tochter die „Missheirat“ mit einem evangelischen Maurerpolier sehr übel genommen. Als Bullmann später zum angesehenen Stadtbaumeister und Träger des „Goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone“ wurde, änderten sie doch ihre Meinung – aber jetzt lehnte Bullmann jeden Kontakt ab. Als angesehener Grazer Bürger starb Jakob Bullmann am 15. Dezember 1881 im 59. Lebensjahr in Graz. Er liegt mit seiner Gattin in der selbst entworfenen Familiengruft auf dem evangelischen St.-Peter-Friedhof begraben.



zur Übersicht
© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele