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Das seltsame Reisebüro des Herrn Schleich #

Die unglaubliche Geschichte von Josef Schleich, der 1938 bis 1941 Tausende Juden rettete, indem er sie als Schlepper über die Grenze brachte.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Josef Schleich mit Gestapo-Mann
Josef Schleich (links) mit einem Gestapo-Mann(Mitte) auf dem Flughafen
© KK

Josef Schleich war eine schillernde Persönlichkeit. Der 1902 geborene Grazer besaß in Liebenau eine Hühnerfarm und eine Gärtnerei – aber er war auch ein Lebemann, der Luxus, Frauen und große Feste liebte. Da dieses Leben sehr teuer war, besserte er sein Einkommen durch illegale Geschäfte auf.

Schmuggeln war seine Spezialität, die Grenze zum Königreich Jugoslawien war nicht weit, und Saccharin und Feuersteine waren in Österreich sehr gefragt. Bis 1938 wurde Schleich 16 Mal erwischt und bestraft. Dann kam der Anschluss an Nazi-Deutschland. Für die einen ein neuer Anfang, für die anderen brach eine Welt zusammen – vor allem für die jüdische Bevölkerung. Sie wurde gedemütigt und diskriminiert, sodass viele freiwillig das Land verlassen wollten. Das war bis Oktober 1941 ganz im Sinne der NS-Behörden – solange die Juden Abgaben wie die Landesfluchtsteuer entrichteten. Das jüdische Vermögen sollte eingezogen werden, das erlaubte Reisegeld betrug nur zehn Reichsmark pro Person. In dieser Notsituation erklärten sich die USA bereit, 60.000 Juden aufzunehmen – aber nur, wenn sie landwirtschaftlich geschult waren.

Da jetzt die Zeit drängte, wandte sich der jüdische Dentist Klein als Mitglied der Grazer Kultusgemeinde an seinen Patienten Josef Schleich und schlug ihm vor, auf seiner Hühnerfarm Juden landwirtschaftlich auszubilden. Schleich erklärte sich bereit dazu.Am11. Juli 1938 suchte er offiziell bei der NSDAP an, Schulungskurse für auswanderungswillige Juden abhalten zu dürfen. Am 29. Juli erhielt Schleich die Erlaubnis, musste sich aber verpflichten, seine „Schüler“ bei der Staatspolizei zu melden. Der in Graz geborene Jude David Grünschlag erinnerte sich später, dass man die gleiche Umschulungsaktion für Auswanderer nach Palästina „Rassco-Transfer“ nannte. „Graz sei die einzige Stadt gewesen, die dieses Projekt durchführen wollte“, gab er zu Protokoll.

Schnell waren die sechsmonatigen Kurse des Josef Schleich für 800 Reichsmark (RM) überall bekannt und Juden aus dem ganzen deutschen Sprachraum kamen nach Graz. Der Andrang war so groß, dass Schleich mit seinen Kursen nicht mehr nachkam.

Zeugnisse ohne Kurs #

Daher stellte er für eine Reichsmark jedem ein Kurszeugnis aus – ohne Kurse abzuhalten. Auf diese Weise sollen 15.000 bis 20.000 Juden legal das Deutsche Reich verlassen haben. Doch bald kam es der US-Einwanderungsbehörde verdächtig vor, dass Schleich so viele Menschen sechs Monate ausgebildet hatte. Kurzerhand akzeptierten sie Schleichs Zeugnisse nicht mehr, er verlor seine „Schüler“ und sein Einkommen.

Aber Schleich fand umgehend ein neues Betätigungsfeld – er arbeitete mit dem jüdischen Palästina- Amt in Wien und den Behörden Adolf Eichmanns zusammen. Nun wurde Schleich offiziell „Reisebegleiter“ ausreisewilliger Juden. Das heißt, er brachte jüdische Kleingruppen als Schlepper über die Grenze nach Jugoslawien – illegal war nur die Einreise dort. Die Flüchtlinge meldeten sich in Schleichs Wohnung am Glockenspielplatz 7 und wurden dort oder in Schleichs Hühnerfarm bis zum Weitertransport an die Grenze untergebracht und versorgt. Die Fahrt selbst erfolgte per Bahn oder mit Taxi – diskret in kleinen Gruppen, wie es die Behörde verlangt hatte. Schleich musste allerdings beiderseits der Grenze Schmiergelder zahlen.

Carolinenhaus heute
Im „Carolinenhaus“ am Glockenspielplatz 7 wohnte die Familie Josef Schleich
© ENGELE
arisiertes Kaufhaus Rendi
Typisches Schicksal 1938: Das Kaufhaus Rendi am Joanneumring wurde sofort „arisiert“
© UMJ
Josef Schleich mit einer Mitarbeiterin
Der Grazer „Reisebüroleiter“ Josef Schleich (1902-1949) mit einer Mitarbeiterin
© KK

Wettlauf gegen die Zeit #

Das Geld dafür streckte er selbst vor, denn bezahlt wurde Schleich erst, wenn seine „Reisegäste“ ihre geglückte Ankunft in Agram (Zagreb) per Post der Kultusgemeinde in Wien mitteilten. Kein Wunder, dass ein „Grenzübertritt“ mit dem Reisebüro Schleich 670 Reichsmark pro Person kostete. Billig war das nicht, wenn man bedenkt, dass ein Kilo Schwarzbrot 0,34 RM kostete. Aber gratis war nur der Polentransport, lautete der gängige Spruch jener Tage. Denn die ersten Transporte rollten bereits in die KZ-Lager. Josef Schleich war nun dauernd unterwegs. Er hatte die größte Organisation als „Judenschlepper“ aufgebaut und reiste elegant als Geschäftsmann durch Europa, um neue Wege für seinen Menschenschmuggel zu finden. Zwölf Mal soll er von der Gestapo verhaftet worden sein, kam aber immer wieder frei. Bis zum 12. März 1941 florierte sein Geschäft bestens. Schleich brachte auch immer wieder „privat“ kostenlos Leute über die Grenze. Dann aber wurden er und seine Mitarbeiter von der Staatspolizei verhaftet und seine Organisation zerschlagen. Die Nazis hatten neue Pläne: Nun wollten sie die Juden nicht mehr bloß vertreiben, jetzt sollten sie systematisch vernichtet werden. Auch deshalb wurde das letzte Schlupfloch ins Ausland versperrt und Jugoslawien besetzt.

Schleich kam vor Gericht und wurde wegen Devisenvergehen schuldig gesprochen. Nach zehn Monaten Haft kam er zur Wehrmacht. Seine jüdische Sekretärin, Berta Horiner, wurde nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert, wo sie 1944 in der Gaskammer umkam. 1945 kehrte Josef Schleich nach Graz zurück und wohnte wieder am Glockenspielplatz 7. Jetzt wurde er abermals angeklagt – diesmal nach dem Kriegsverbrechergesetz, weil er die Notlage von Juden ausgenützt habe. Mangels an Beweisen wurde Schleich aber am 15. Dezember 1948 freigesprochen. Am 7. Februar 1949 starb er an Leberzirrhose.


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele