unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Der Herzog von Windsor lernt am Semmering Schifahren#

Eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Dreißigerjahre war der englische König Edward VIII., der wegen seiner Liebe zur verheirateten Wallis Simpson auf den Thron verzichtete. Er wartete in Österreich auf ihre Scheidung und lernte inzwischen das Schifahren.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Das glückliche Liebespaar wirbelte die englische Thronfolge ganz schön durcheinander
Das glückliche Liebespaar wirbelte die englische Thronfolge ganz schön durcheinander

In Mürzzuschlag und dem benachbarten Spital am Semmering hat bekanntlich der mitteleuropäische Schilauf begonnen. Nach ersten Rutschversuchen des Grazers Max Kleinoscheg am Ruckerlberg und mehreren Versuchen bei Mürzzuschlag bestiegen am 8. Februar 1892 Kleinoscheg, der Mürzzuschlager „Postwirt“ Toni Schruf und der Brucker Postbeamte Walter Wenderich mit aus Norwegen importierten Schiern das 1782 Meter hohe Stuhleck, den höchsten Berg der Fischbacher Alpen. Es war der erste Berggipfel Österreichs, der im Winter mit Schiern bestiegen wurde. „… es galt den Bremsstock tüchtig einzusetzen, um nicht völlig die Herrschaft über die Ski zu verlieren... In sausender Fahrt glitten wir den steilen Bergrücken hinab“, berichtete Toni Schruf im Obersteirerblatt. Schnell wurde am 19. Februar der erste Schiverein Mitteleuropas gegründet - der „Erste Semmeringer Skiverein Spital am Semmering“. Schlag auf Schlag ging es dann weiter und im Herbst 1896 wurde auf dem Stuhleck die erste Schutzhütte der Alpen für Schifahrer errichtet, die Touren im Gebirge unternehmen wollten. Bei den Arbeiten war aber auch gleich der erste tödlich verunglückte Schifahrer der Alpen zu beklagen.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten sich Steinhaus und Spital am Semmering zu Zentren des Schisports und der Semmering wurde zum Mittelpunkt der Bob- und Schisprungelite Europas. Die Rolle Mürzzuschlags als Schiort hingegen verblasste immer mehr.

Und in den aufstrebenden Schiorten Steinhaus und Spital lernte im Jänner und Februar 1937 eine der schillerndsten und umstrittensten Persönlichkeiten der Zwischenkriegszeit das Schifahren - Edward, Herzog von Windsor, der erst kurz zuvor als englischer König Edward VIII. nicht freiwillig abgedankt hatte. Grund dafür war Edwards Liebe zur verheirateten Amerikanerin Wallis Simpson, denn es war in Großbritannien undenkbar, dass der König, der auch Oberhaupt der anglikanischen Kirche war, eine geschiedene Frau heiraten könnte. Auf Druck der konservativen Regierung und der Kirche verzichtete Edward zugunsten seines jüngeren Bruders Albert (als König George VI.) auf den Thron und unterzeichnete am 10. Dezember 1936 - nach nur einem knappen Jahr der Regentschaft - die Abdankungsurkunde. Aber auch seine offenkundige Sympathie zu Nazi-Deutschland könnte dabei eine Rolle gespielt haben. Auf jeden Fall musste sich Edward verpflichten, für mindestens zwei Jahre England zu verlassen und nahm eine Einladung des befreundeten Barons Rothschild nach Schloss Enzesfeld bei Wien an. Dort wollte er warten, bis Wallis geschieden und wieder frei für die Ehe mit ihm war. Doch die Wartezeit dauerte lang und so suchte sich Edward eine Beschäftigung - das Schifahren.

Werbeplakat des Hotels Erzherzog Johann am Semmering, wo Edward stets seine Schi abstellte
Werbeplakat des Hotels Erzherzog Johann am Semmering, wo Edward stets seine Schi abstellte

Dafür engagierte er den Schilehrer Walter Dellekarth, der damals die Schischule des mondänen Südbahnhotels am Semmering leitete, schildert Bernhard A. Reismann in „Blätter für Heimatkunde“ (2015). Doch am Semmering herrschte ein derartiger Trubel, dass der Herzog nicht unerkannt üben konnte und so fuhr man von 9. Jänner bis 8. März fast täglich zum Schifahren ins Gemeindegebiet von Spital am Semmering. Begleitet wurde der hohe Gast von einem Adjutanten, einem Wiener Polizeikommissär und zwei Kriminalbeamten. Das Gendarmeriepostenkommando der Expositur Mürzzuschlag verfasste dazu eingehende Berichte. Darin heißt es: „Die Überwachung wurde laut teleph. Auftrag der Dienstbehörde von 3 Beamten des hiesigen Postens in ziviler Wintersportausrüstung durchgeführt.“ Nur einmal habe es ein Fotograf als Bauer verkleidet geschafft, sehr dicht an den Herzog heranzukommen. Aber einer der Gendarmeriebeamten erkannte die Situation und beschlagnahmte die Kamera. Ansonsten gab es keine Aufregungen zu vermelden. Die Übungsfahrten in Steinhaus fanden auf dem Grund der Familie Handler vulgo Wagenbauer statt. „Am Hof selbst besuchte er nach höflicher Anfrage bei den Eigentümern auch das „Englische Klosett“ neben dem Schweinestall, das daraufhin von den Eingeweihten und Verwandten der Besitzerfamilie noch jahrzehntelang humorvoll als ,Herzögliche Toilette' bezeichnet wurde“, schreibt Reismann.

Täglich fuhr der Edward in seinem privaten Buick von Schloss Enzesfeld nach Spital zum Schifahren, wo er um 11 Uhr eintraf. „Gegen 14 Uhr 30 fuhr er stets nach Steinhaus a.S. und setzte dort auf den sonnigen Skiwiesen bis zum Sonnenuntergang fort. Auf der Rückreise nach Enzesfeld deponierte er die Ski im Hotel Erzherzog Johann in Semmering“, heißt es im Gendarmeriebericht. Edward galt als leutselig und den jungen Damen der Region gegenüber sehr kontaktfreudig. Noch 50 Jahre später berichtete Frau Hilda Glaser aus Spital, dass der Herzog sie und ihre Schwester Fini, eine exzellente Schifahrerin, in „steirischer Nationaltracht“, also im Dirndl, in den Spitaler Gasthof Delitz zu Kaffee und Kuchen eingeladen habe. Vor allem den Apfelstrudel habe der charmante ex-König und vormals berüchtigte Playboy geliebt. Aber auch das Schifahren ging von Tag zu Tag besser, so dass Edward es sich bald zur Gewohnheit machte, vom Hotel „Erzherzog Johann“ auf der Passhöhe die drei Kilometer lange Abfahrt nach Steinhaus zu nehmen. Vom 11. Februar bis zum 8. März weilte der Herzog fast täglich auf der sogenannten „Schieferwiese“ in Spital, um mit Privatlehrer Dellekarth seine Fahrkünste zu perfektionieren. Als die Schisaison Ende März 1937 durch einen frühen Wärmeeinbruch zu Ende ging, übersiedelte er von Schloss Enzesfeld in ein idyllisch gelegenes Landhaus am Wolfgangsee im Salzkammergut. Am 3. Mai 1937 trat Wallis Simpsons Scheidung in Kraft und bereits am 4. Mai war das Paar wieder glücklich vereint in Paris.


Der Herzog und die Herzogin von Windsor 1937 zu Gast bei Adolf Hitler am Berghof
Der Herzog und die Herzogin von Windsor 1937 zu Gast bei Adolf Hitler am Berghof
Edward mit Wallis Simpson 1935 auf dem Weg zum Schifahren
Edward mit Wallis Simpson 1935 auf dem Weg zum Schifahren



zur Übersicht
© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele