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„I will mit ana Jüdin net unta an Doch leben“#

Der Leidensweg der Irene Ransburg: Als Kleinkind die Eltern verloren, mit 16 Jahren völlig blind und taub, findet sie in der Odilien-Blindenanstalt in Handwerk und Lyrik neuen Lebenssinn, wird von einer „Kollegin“ verraten und 1944 im KZ vergast.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


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Das Schicksal hatte Irene Ransburg ein besonders hartes Los zugeteilt. Kurz nach der Geburt des Mädchens am 20. November 1898 in Graz starben ihre Eltern, das jüdische Ehepaar Ludwig und Dora Ransburg. Das Kind wurde zur Adoption freigegeben und kam zur Familie Brix, die in St. Ruprecht a. d. Raab ein Feinkostgeschäft führte und Irene im christlichen Glauben erzog. Nach der Pflichtschule ermöglichten ihr die Zieheltern den Besuch der Handelsschule in Graz, die das Mädchen erfolgreich absolvierte. Mit 16 Jahren erkrankte Irene jedoch an einem schweren Leiden, das schließlich zur vollkommenen Taub- und Blindheit führte.

1915 kam die junge Frau als erste sogenannte „Dreisinnige“ an die damalige Odilien-Blindenanstalt in Graz, wo sie die Meisterprüfung im Sessel- und Möbelflechten sowie im Bürsten- und Besenbinden ablegte. Ihre Fachlehrerin Sr. Ludmilla Eder schrieb 1931 zur 50-Jahrfeier der Institutsgründung: „Meine erste Arbeit war, meinen Zögling in das Verständnis der Tastsprache und in das Blindenwesen einzuführen … ein Menschenkind, dessen Hoffnungen und Pläne vernichtet und das, erdrückt von der Wucht des Schicksals, den Tod als den einzigen Retter herbeirief.“

Dass Irene bereits Schulbildung genossen und sogar die Handelsschule abgeschlossen hatte, erleichterte das Umlernen sehr. Die entscheidende Wendung zurück zum Leben aber war für die äußerst sensible, künstlerisch begabte Taub-Blinde das Erlernen der Blindenschrift. „Meinen Kopf in beide Hände bergend, um nicht gesehen zu werden, weinte ich zum erstenmal wieder Freudentränen, denn der Gedanke, niemals mehr ein Buch lesen zu können, hatte mein Unglück verdoppelt.“ So beschrieb Irene diese Stunde, erinnerte sich ihre Lehrerin. Sofort startete das Mädchen erste poetische Versuche, die natürlich sein Schicksal zum Inhalt hatten:

„Und wär' die ganze Welt in Flammen,

Und würden Sterne wanken, fallen,

Ich säh' es nicht, ich hört' es nimmer,

Wenn auch Posaunen dröhnend schallen.

- - -

O könnt' ich nur ein Wort vernehmen,

Nur einen Ton, wie würd' ich lauschen

Und wär's auch nur ein leises Flüstern,

Wie Windesweh'n und Waldesrauschen!“

Ihrer starken Begabung folgend beschäftigte sie sich intensiv mit Lyrik und trat auch mit bekannten Literaten ihrer Zeit, wie Gustinus Ambrosi, in Kontakt.

„Was dem Menschen im fremden Lande der Laut der Muttersprache, das ist für mich die Sprache durch die Hand“, sagte Irene über die Tastsprache, die ihr die Möglichkeit der Kommunikation mit anderen Menschen gab. Sie lernte Strick- und Knüpfarbeiten, Sesselflechten, Buchbinden, Bücherabschreiben für die Blindenbibliothek und Bürstenbinden.

„Merkwürdigerweise liebt sie besonders das letztere“, stellte Sr. Eder fest. Nach sechs Jahren kam ein zweites taubblindes Mädchen in die Anstalt, die ebenfalls bereits die Volksschule besucht hatte und mit 13 Jahren erkrankt war. Irene wurde ihre liebevolle Freundin und half den Erzieherinnen bei der Ausbildung dieses Mädchens. Auch sie erlangte in Handarbeiten große Fähigkeiten. „Das Ertragen der ewig stillen Nacht, ohne Ablenkung durch Arbeit, reibt die Nervenkraft auf, denn es führt zur Konzentration auf das Schicksal und das verstimmt“, erkannte Sr. Eder. „Kein Lichtstrahl, kein Laut dringt in den Kerker meiner Nacht, die Hand allein ist die freundliche Erlöserin meiner Taubblindheit“, formulierte es Irene Ransburg in ihrem poetisch-romantischen Stil.

Bis zum Herbst 1944 konnte der Priester Ernst Kortschak, der damals Direktor der Blindenanstalt und auch Abt des Stiftes Rein war, verheimlichen, dass hier eine taub-blinde, getaufte Jüdin untergebracht war. Dann aber wurde Irene verraten. In den Worten der blinden Frau Striny, welche die Geschehnisse als Zeitzeugin miterlebt hat, hört sich das folgendermaßen an: „Do homma do a a Jüdin ghobt, die zum Christenglauben übertreten woar, eh scho tauft und olls, und a Kollegin homma ghobt, de hot's net mögn, die Ida Pfeiffer, de hot gsogt, sie will mit ana Jüdin net unta an Doch leben und hot's ihrer Schwester gsogt. De hot's donn bei der Gestapo onzagt.“ Am 21. September wurde Irene Ransberg von der Gestapo abgeholt und ins KZ Theresienstadt verschleppt. Am 23. Oktober wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überstellt und vergast. In ihrem Abschiedsbrief „hot sie oba allen verziehen, die holt schuld san“ an ihrem Verrat, gab eine andere Zeitzeugin zu Protokoll.


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele