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Der Skandal um die schwarze Baronin#

Tamara von Lützow, die attraktive „schwarze Baronin“, kam im Juni 1903 auf Sommerfrische nach Mürzzuschlag. Doch sie war eine Heiratsschwindlerin und Betrügerin. Ihr tragisches Opfer: Bezirkshauptmann Franz Hervay von Kirchberg, der „fesche Franz“.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


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Die Geschichte liest sich wie das Drehbuch einer kitschigen Seifenoper, ist aber bitterer Ernst: Als 1903 Mürzzuschlag zur Bezirkshauptstadt wurde, wurde der 33-jährige Jurist Franz Hervay von Kirchberg aus Stübing bei Graz deren erster Bezirkshauptmann. Das öffentliche Interesse an ihm war in der aufstrebenden Fremdenverkehrsregion sehr groß, denn viele Mürzzuschlager trauten dem „feschen Franz“ diesen hohen Posten nicht zu, „vermuteten Schiebung oder waren teilweise neidisch“, schreiben Thorsten Buhl und Franz Preitler in ihrem Buch „Toni Schruf - die Biographie“.

Doch der junge Mann agierte mit großem Geschick, auch der Besuch von Zar Nikolaus II. im Oktober 1903 in Neuberg und Mürzsteg bei Kaiser Franz Joseph war ein voller Erfolg, ebenso wie die Nordischen Spiele vom 31. Jänner bis 2. Februar 1904 in Mürzzuschlag. Im Juni 1903 aber änderte sich alles, als eine attraktive Dame aus Nizza auf Sommerfrische nach Mürzzuschlag kam. „Sie quartierte sich im Hotel Lambach ein und trug sich als Freifrau Tamara von Lützow und einem Alter von 28 Jahren in den Meldezettel ein. Sie war von mondäner Erscheinung, schmuckbehangen und machte von Anfang an keinen Hehl aus ihrem Vermögen und ihrer adeligen Herkunft“, berichten Buhl und Preitler. Damit machte sie sich aber keine Freunde unter den Einheimischen, die ein anderes Benehmen von Sommerfrischlern ihres Standes gewohnt waren.

Zur Überraschung aller begann sie sehr schnell ein Verhältnis mit dem jungen Bezirkshauptmann. Die Leute dachten, dass Franz Hervay auf ihr großes Vermögen spitzte, da fand auch schon am 15. Juli 1903 in der Kirche das Ehegelöbnis zwischen beiden statt. Schnell machten böse Gerüchte über das Vorleben der Baronin die Runde, der über beide Ohren verliebte Bezirkshauptmann kümmerte sich aber nicht darum. Auch dass sie in ihrem Hotelzimmer einen Oberleutnant empfing, wenn ihr Verlobter abwesend war, wollte er nicht wahrhaben.Um allen Verleumdungen ein Ende zu setzen, wollte Hervay möglichst schnell seine Angebetete, die er „Märchen“ nannte, heiraten. Also drängte er Pfarrer Karl Prangl, ihren Bund der Ehe möglichst bald zu schließen, auch wenn noch nicht alle Dokumente der Braut vorlagen. Am 9. August 1903 war es soweit, das festliche Hochzeitsdiner wurde im Hofwartesalon des Bahnhofs gegeben, die Hochzeitsreise führte das Paar in die Kaiserstadt Wien.

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Ab nun trat das Ehepaar Hervay bei allen Veranstaltungen gemeinsam auf und bald schon hatte sich Tamara mit dem Großteil der Mürzzuschlager Bevölkerung angefeindet. Die Leute waren sich schnell sicher, dass ihr Bezirkshauptmann auf eine Hochstaplerin hereingefallen war und verloren jedes Vertrauen in ihn. Hervays Mitarbeiter stellten Nachforschungen an und wollten Einsicht in die Papiere, die dem Pfarrer bei der Hochzeit vorgelegt worden waren - doch die hatte es nie gegeben. Also erstatteten sie Meldung an Graf Clary, Statthalter der Steiermark in Graz. Die Bombe aber platzte, als am 30. April 1904 im Mürzzuschlager Wochenblatt unter dem Titel „Ein uraltes Märchen“ ein Artikel über das Vorleben von Frau Hervay erschien. Alles, was Tamara über ihren Namen, ihre Herkunft, ihr Vermögen gesagt hatte, stimmte nicht. Nicht einmal ihr Alter hatte sie korrekt angegeben. Ein Skandal sondergleichen, über den weltweit berichtet wurde. Die Leute zerrissen sich den Mund, die Fremde wurde als „Hexe in Dessous“ verschrien, der Bezirkshauptmann bis zur endgültigen Aufklärung von seinem Amt beurlaubt. „Zu lange hat man sich diese Frau mit ihren besseren Manieren und ihrer besseren Unterwäsche gefallen lassen, zu lange hat sie ungestraft den Ort rebellisch gemacht. Nicht nur, daß sie den feschen Bezirkshauptmann gekapert hat, ist sie auch auf dem besten Wege, den anderen Ehemännern die Köpfe zu verdrehen“, ätzte Karl Kraus in „Die Fackel“ Nr. 165.

Dem Faß schlug es aber den Boden aus, als sich herausstellte, dass Tamara die Tochter eines jüdischen Jahrmarktzauberkünstlers war, die als Artistin und Tänzerin aufgetreten war. Und sich danach als Hochstaplerin durchs Leben geschlagen hatte. Und als Heiratsschwindlerin und Betrügerin. Ihre Ehe mit Franz Hervay von Kirchberg war bereits ihre fünfte Heirat gewesen. Erst drei Monate nach dieser Hochzeit hatte sie sich vom vierten Gatten scheiden lassen. Nun folgte eine Hetzjagd auf Tamara von Hervay, die sich völlig schuldlos als Opfer der Volkswut sah. Nur mit großer Mühe konnte die Betrügerin von der Polizei in den Zug zur Untersuchungshaft nach Leoben gebracht werden, zu groß war der Zorn der Mürzzuschlager, die am liebsten Selbstjustiz geübt hätten. „Die Mürzzuschlager konnten also nicht halten, was ihr Name versprach“, spottete Karl Kraus weiter.

Als der beurlaubte Bezirkshauptmann verbittert nach Mürzzuschlag zurückkehrte, stand er nicht nur vor den Trümmern seiner Liebe, sondern wurde auch mit der gehässigen Wut der Bevölkerung konfrontiert und nahm sich am 24. Juni 1904 in seiner Dienstwohnung das Leben. Das erschütterte Tamara aber nicht sehr, ihr wurde in Leoben der Prozess gemacht. Wegen Bigamie wurde sie zu vier Monaten Haft verurteilt, vom Verdacht des Betruges wurde sie freigesprochen, die Ehe mit Hervay wurde für ungültig erklärt.

1905 erschienen Tamaras Memoiren in Briefform, mit denen sie sich rehabilitieren wollte und heuer im Frühjahr hat Franz Preitler das Leben der Tamara von Lützow unter dem Titel „Die schwarze Baronin“ bei Leykam (Euro 15.90) als Roman herausgebracht. Jetzt fehlt nur noch die Verfilmung in Hollywood.

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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele