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Die große Völkerwanderung#

Germanische Kriegsverbände und Volksgemeinschaften waren auf der Flucht vor den Hunnen unterwegs ins Römische Reich. Sie alle wollten am römischen Wohlstand teilhaben - und die Region des heutigen Österreich war ihr Durchzugsgebiet.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Als die Völker in Europas Süden und Westen drängten, um am Wohlstand des Römischen Reiches teilzuhaben
Als die Völker in Europas Süden und Westen drängten, um am Wohlstand des Römischen Reiches teilzuhaben (Sansculotte/German Wikipedia)

Man könnte das Römische Reich der Spätantike fast mit der EU von heute vergleichen - eine große Idee, aber unbeweglich und zerstritten. Auch damals war alles im Umbruch. Klimaverschlechterungen (es wurde kälter), Überschwemmungen an der Nordseeküste, Überbevölkerung und Hungersnöte ließen schon vor der sogenannten Völkerwanderung ganze Volksgruppen und Kriegsverbände der Germanen aus ihrer Heimat im Norden wegziehen - alles Verfolgte und Wirtschaftsflüchtlinge. Sie alle wollten am römischen Wohlstand teilhaben; was durch riskante Beutezüge oder durch Dienst im römischen Heer möglich war. Und so siedelten die Römer viele germanische Volksgruppen als Bundesgenossen an den Grenzen des Reiches an, um einen Puffer zu feindlichen Stämmen zu haben. Oder sie wurden als „Foederati“ im Reich aufgenommen und mussten Rom vertraglich garantierte Waffenhilfe leisten. Rom hatte alles im Griff - bis überraschend die wilden Reiterhorden der Hunnen aus dem Osten auftauchten und etwa im Gebiet der heutigen Ukraine die Alanen und Ostgoten unterwarfen. Die Donaugoten ergriffen die Flucht und baten unter ihrem Anführer Fritigern im Jahr 376 den römischen Kaiser Flavius Valens um die Erlaubnis, sich auf römisches Gebiet begeben zu dürfen. Valens gestattete dies und die Goten setzten mit Schiffen, Flößen und hohlen Baumstämmen Tag und Nacht über die Donau. Auf römischer Seite hatte man aber offenbar die Zahl der Flüchtlinge unterschätzt und auch verabsäumt, sie zu entwaffnen, denn der Kaiser wollte sie möglichst schnell im Krieg gegen die Perser als willkommene Hilfstruppe einsetzen. Die römischen Nahrungslieferungen für die Westgoten gerieten durch Versäumnisse und Schlamperei ins Stocken, überdies hielten die Römer sie zwei Jahre lang hin und verweigerten ihnen die versprochenen Siedlungsgebiete. Der griechische Geschichtsschreiber Zosimos formulierte das in seiner „Historia nea“ so, dass man unwillkürlich an die gegenwärtige Situation in Europa erinnert wird: „Die Administration ist überfordert.“ Da griffen die Westgoten zu den Waffen. Mit der nun folgenden Schlacht von Adrianopel, in der 378 das römische Heer geschlagen wurde und Kaiser Valens sein Leben verlor, setzt die Geschichtsschreibung den Beginn der Völkerwanderung an.

Hunnen im Kampf mit Alanen. Holzstich nach einer Zeichnung von Johann N. Geiger, 1873
Hunnen im Kampf mit Alanen. Holzstich nach einer Zeichnung von Johann N. Geiger, 1873
gemeinfrei
Tremisses (römische Goldmünze) des Romulus Augustulus 475/76
Tremisses (römische Goldmünze) des Romulus Augustulus 475/76
gemeinfrei
Zu dieser Zeit war das Gebiet des heutigen Österreich diesseits und jenseits der Donau bereits überwiegend Siedlungsgebiet der germanischen „Foederati“ geworden, also römischer Bundesgenossen, die hier als Besatzung der Grenzgarnisonen dienten. Überdies wurde Österreich zum klassischen Durchzugsgebiet der Völkerwanderung auf dem Weg nach Süden und Westen. Nicht viel weniger wirr war die Situation in der tiefsten römischen Provinz, also beispielsweise in dem Gebiet, das heute Steiermark heißt. Hier zogen Westgoten und Ostgoten, Rugier, Langobarden und Hunnen nacheinander durch oder blieben gleich eine Zeitlang. Später folgten Slawen, Bayern und Awaren. Um 405 wurde Flavia Solva nahe Leibnitz durch die Ostgoten unter ihrem König Radagais zerstört und viele Provinzialrömer verließen das Land, in dem nur eine geringe Restbevölkerung zurückblieb. Diese Menschen zogen sich aus den ungeschützten Talsiedlungen in leichter zu verteidigende Höhenlagen zurück. Solche Siedlungen sind in Gröbming, vom Kugelstein im mittleren Murtal, vom Heiligen Berg bei Bärnbach oder vom Frauenberg bei Leibnitz bekannt, der wahrscheinlich das Rückzugsgebiet der Stadtbewohner von Flavia Solva darstellte. „Die Aufforderung von Roms König Odoaker im Jahre 488 an alle Romanen, die Provinz Ufernoricum zu verlassen, kommt einer offiziellen Aufgabe des Gebietes gleich, doch blieb sicher ein Teil der Bevölkerung im Land zurück“, schreibt Erich Hudeczek in der Landeschronik Steiermark. Die Provinz Pannonien (inklusive Vindobona, Carnuntum und Flavia Solva) wurde nun von den Römern an die Hunnen abgetreten. Obwohl diese 451 auf den Katalaunischen Feldern im heutigen Frankreich vernichtend besiegt worden waren, kam Attila im Jahr darauf (452) wieder: „Ueberall Verderben verbreitend, stürmt der Hunnenkönig wieder durch die steirischen Länder und stürzt sich auf Italien, wo er Aquileia, Mailand, Pavia, Verona, Padua und viele andere Städte zerstört“, schreibt Wilhelm von Gebler in seiner „Geschichte des Herzogthums Steiermark“ von 1862. Und sozusagen als Schmankerl der Geschichte berichtet er. dass ein „Altsteirer“ der letzte Imperator des Weströmischen Reiches wurde - der aus Pettau stammende Flavius Momyllus Augustus war als Romulus Augustulus von 475 bis 476 machtloser letzter römischer Kaiser. Und das Steirerland wartete öde und verlassen auf seine neuen Bewohner...



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele