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Als die „Narrischen“ 1893 den Fußball nach Graz brachten #

Ein Prager wurde zum Studium nach Graz geschickt, damit er mit dem Fußballspiel aufhört – und so kam der Fußball auch zu uns.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Fußballer des Grazer ATRV
Die Fußballer des Grazer „Akademisch-technischen Radfahrvereins“ (ATRV) in ihrer typischen Sportkleidung.
Foto: © KK

Die ganze Geschichte klingt eher wie das Drehbuch für ein Lustspiel, ist aber echt. Georg August Wagner, genannt „Guschtl“, ein Gymnasiast aus Prag, war begeisterter Sportler. Er liebte das Rennrudern und Radfahren – und ganz besonders das neue Fußballspiel.

Aber seine Eltern waren in Sorge, dass August nach der Matura das Lernen an der Universität zu leicht nehmen und nur noch Fußball spielen würde. Daher schickten sie ihn im Herbst 1893 zum Medizinstudium möglichst weit weg von seinen Sportsfreunden in den Süden der Donaumonarchie, wo man das Fußballspielen noch nicht kannte – nach Graz.

In der „Verbannung“#

Aber der junge Mann freute sich über seine „Verbannung“, weil er hoffte, im steirischen Gebirge zum Bergsteigen zu kommen. Weil man aber damals in Graz außer Turnen, Radfahren und Bergsteigen kaum andere Sportarten kannte, vermisste „Guschtl“ seinen geliebten Fußballsport umso mehr. Also suchte er nach Sportlern, die er für das neue Spiel begeistern konnte, und fand sie in den Mitgliedern des Techniker-Alpenklubs. Auf einer Wiese innerhalb der Radrennbahn im Gelände des Industriehallenplatzes (heute Messegelände) nahmen sie mit einem heimlich aus Prag mitgebrachten Fußball erste Übungen vor, schildert Klaus Genser in seiner Diplomarbeit „Die historische Entwicklung des Fußballspiels in Österreich und besonders in der Steiermark“ (1998) an der Uni Graz.

Georg August Wagner
Georg August Wagner war später Gynäkologe in Prag und Berlin.
Foto: © KK

Die Narrischen kicken#

Wegen Unstimmigkeiten verlegte Wagner das Training auf die Spielwiese bei der Landesturnanstalt, wo sie aber auch nicht gern gesehen waren. Die Stadtparkbesucher schimpften über die „Narrischen mit ihren Bohnenstecken“, denn sie verwendeten zwei Stangen mit einer Schnur als Tor-Ersatz. Ihr größtes Handicap aber: Es gab nicht genug Spieler, denn das neue Reglement der „Football Association“ schrieb zweimal elf Spieler vor. Daher traten die Kicker dem Akademisch-technischen Radfahrverein (ATRV) bei, um zu weiteren Spielern zu kommen. Wagners Rechnung ging auf und 1894 konnte eine Fußballabteilung im ATRV gegründet werden.

Der 18. März 1894 wurde dann zum historischen Tag für den Fußballsport. Da fand das erste offizielle Fußballmatch auf dem Gebiet des heutigen Österreich statt. Zwei Mannschaften des ATRV standen sich auf dem Platz der Landesturnanstalt gegenüber, wobei Wagners Team triumphierte – das Ergebnis ist aber nicht überliefert. Unter den Kickern der unterlegenen Mannschaft war auch der spätere Nobelpreisträger für Chemie, Fritz Pregl. Eine Gedenktafel erinnert dort an diesen allerersten Kick.

Am 22. August 1894 kam es auch in Wien zur Gründung des „First Vienna Football Club“, und am 15. November folgte das erste offizielle Fußballspiel in der Residenzstadt. Wagner bemühte sich mit seinen Freunden um ein Spiel in Wien, was aber erst gelang, als man nach alter Studentensitte die Vienna herausforderte. Aber die Fahrt nach Wien nahm für die Grazer kein gutes Ende. Denn am 20. Oktober 1895 bezogen sie eine saftige 0:5-Niederlage. Im Grazer Rückspiel trotzten sie dann der Vienna immerhin ein rühmliches 1:1 ab.

Im Mai 1899 wurde der „Grazer Fußballverein“ gegründet. Nach Zwistigkeiten im ATRV traten dessen Fußballer dem neuen Verein bei, der sich nun „Akademischer Sportverein (ASV) nannte.

1901 schloss Wagner sein Medizinstudium ab, ging als Assistenzarzt nach Wien, habilitierte sich als Gynäkologe, wurde Professor in Prag und dann an der Charite in Berlin – seine Fußballer-Ära aber war zu Ende.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele