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Das „große Zittern“ vor 40 Jahren #

Vor 40 Jahren wurde in der Grazer Innenstadt die Fußgängerzone eingeführt – mit sehr viel Zittern, weil die Verantwortlichen nichtwussten, wie die Umstellung funktionieren würde. #


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Straßenverkehr beherrschte die Herrengasse
Der Straßenverkehr beherrschte die Herrengasse vor Einführung der Zone
© AMSÜSS

Heute kommt für alle das große Zittern“, schrieb die Kleine Zeitung vor fast genau 40 Jahren am 15. November 1972 als Titel über die Story, die ganz Graz bewegte – denn an diesem verregneten Novembertag wurde in der Innenstadt die Fußgängerzone eingeführt. Und Verantwortliche und Betroffene fragten sich bange, wie die Zone in Graz in der täglichen Praxis funktionieren würde.

„Mit Punsch, Regenwetter und großer Disziplin begann gestern die Fußgänger-Ära in Graz“, schrieben am Tag danach Karl-Heinz Herper (er war SP Gemeinderat und bis April 2011 Stadtrat, einst auch Redakteur der Kleinen Zeitung) und Gerhard Torner. „Nach zehn Uhr nahmen die ,Pflaster-Treter‘ Besitz von ,ihrer Zone‘, als hätten sie es schon mehrmals geprobt. Menschentrauben überfluteten die Herrengasse, was der Innenstadt ein ganz neues Gepräge gab. Dazu kam ein Verkehr, wie er in dieser flüssigen Form selten zuvor registriert wurde ... Neben dem Verzicht der Autofahrer, ins Zentrum zu drängen, waren aber auch Regenwetter und Verkehrspolizei, die sehr geschickt regulierte, für diese wohl für alle überraschende Premiere verantwortlich.“

Herrengasse nach Einführung der Fußgängerzone
Ganz anders sah die Herrengasse nach Einführung der Fußgängerzone aus.
© AMSÜSS

Trotz aller Ankündigungen waren aber sehr viele Menschen überrascht, als sie in der Früh – wie immer – in die Innenstadt fahren wollten und gestoppt wurden. „Die Autofahrer sind etwas geschockt!“, befand Rayonsinspektor Werner Spiesmayr, der am Vormittag an der Kreuzung Landhausgasse/ Schmiedgasse Dienst machte und die Durchfahrt in die Herrengasse verhinderte.

Die neue Fußgängerzone umfasste Hauptplatz, Sporgasse, Färbergasse, Herrengasse, Frauengasse, Jungferngasse, Stempfergasse, Hans-Sachs-Gasse, den Platz am Eisernen Tor und den Jakominiplatz. Hässliche Betonwannen und Betonfertigteile dienten als Sperre des Fußgängerbereichs, auf den Asphalt wurden Markierungen gesprüht, Verkehrstafeln wurden aufgestellt und Sitzbänke montiert. Wo früher Autos fuhren, entstanden Kinderspielplätze.

Eine neue Ära bricht an #

Einzig die Straßenbahn durfte weiter durch die neue Fußgängerzone fahren. Ein großes Manko, das aber durch die Geschwindigkeitsbeschränkung auf 20 km/h gemildert wurde. An diesem 15. November 1972 brach in Graz eine neue Ära an, auch wenn die Fußgängerzone anfangs nur bis Mai 1973 als „Provisorium“ eingerichtet war.

Faksimile der Kleinen Zeitung
Unten Faksimile der Kleinen Zeitung
© Kleine Zeitung

Die Grundlage für die „große Grazer Fußgängerzone“ bildete eine von Verkehrsplaner Hermann Knoflacher ausgearbeitete Verkehrsstudie für die Grazer Innenstadt. Zur Sicherheit hatte das Stadtplanungsamt an zwei Tagen im September eine Passantenbefragung durchgeführt, die eindeutig ausgefallen war – 96,5 Prozent waren für die Zone.

Die Idee von Fußgängerzonen in den Innenstädten war in Österreich ein typisches Kind der frühen 1970er-Jahre, als die Freude über die absolute Vorherrschaft des Autoverkehrs ins Gegenteil zu kippen begann. Die erste Fußgängerzone Österreichs entstand bereits 1961 in der Klagenfurter Kramergasse, die den Neuen mit dem Alten Platz verbindet. In Wien kam die Chance zur Realisierung mit demBau der U-Bahn. 1971wurde die Kärntner Straße provisorisch zum „Weihnachtskorso“ umgestaltet – doch das Provisorium war so erfolgreich, dass es unbefristet verlängert wurde.

In Deutschland wurden Fußgängerzonen schon früher eingeführt. Dort hatte man aus der Not des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg eine Tugend gemacht: Die zerbombte Innenstadt von Kassel wurde 1953 Fußgängerzone, im selben Jahr noch folgten Kiel und Stuttgart. Alle aber hatten dasselbe Ziel: Die alten Innenstädte auch gestalterisch ihrer neuen Funktion anzupassen und eine Meile zum Flanieren, Einkaufen und gemütlichen Verweilen in Straßencafés zu schaffen. Anders könnte man sie sich heute gar nicht mehr vorstellen.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele