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Gegen „das verdummende Wirtshausleben“#

Der lange Kampf gegen den Alkoholmissbrauch: In Graz begann er 1517, ab 1892 bildeten sich in allen politischen Lagern Österreichs Vereine zur Bekämpfung des Alkoholkonsums - und die ersten alkoholfreien Lokale kamen auf.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Eines der ersten alkoholfreien Speisehäuser in Graz befand sich am Bischofplatz 1
Eines der ersten alkoholfreien Speisehäuser in Graz befand sich am Bischofplatz 1
(KK)

Seit dem Mittelalter galten Bier und Wein in Europa als Alltagsgetränke für alle. Ihr Alkoholgehalt war aber viel niedriger als heute. Überdies war Wasser häufig verunreinigt und konnte nicht pur getrunken werden. Dazu galten Wein und Bier nicht als Genussmittel, sondern als stärkende Lebensmittel. Natürlich war da die Gefahr der Trunksucht groß, so dass 1517 Landeshauptmann Sigismund von Dietrichstein in Graz einen Orden der Nüchternheit und Mäßigkeit gründete. Mitte des 16. Jahrhunderts entstand sogar eine Bruderschaft „Zum goldenen Kreuz“, die vor allem gegen das beliebte „Zutrinken“ auftrat. Denn in Trinkrunden war es üblich, Trinksprüche auf Anwesende anzubringen, die darauf „Bescheid“ geben und ihr Glas leeren mussten. Da war die Ausartung in Saufgelage eine große Gefahr. Diese Versuche zur Mäßigung gerieten aber bald in Vergessenheit und wurden erst wieder um 1800 aktuell. Denn damals war in Europa alles im Umbruch. Die traditionelle Ständegesellschaft löste sich auf, die Napoleonischen Kriege überzogen den Kontinent, die frühe Industrialisierung hatte begonnen. Die verarmte Landbevölkerung strömte in die Städte und wurde zu billigen Arbeitskräften der neu entstandenen Fabriken. Doch der Lohn eines Arbeiters reichte nicht aus, um eine Familie zu ernähren, also mussten auch Frauen und Kinder arbeiten. Zu dieser Zeit löste der Branntwein Wein und Bier als Alltagsgetränk ab, weil seine Herstellung viel billiger wurde. Begriffe wie „Branntweinpest“ als Volkskrankheit und Elendsalkoholismus kamen auf. Um 1880 gab es allein im kleinen Graz 104 Branntweinschenken. Jetzt bekamen die Abstinenzbewegungen wieder Aufwind, aber nun forderten sie ein striktes Alkoholverbot. So wurde 1892 einer der ersten radikalen Vereine Mitteleuropas gegründet, der nationalliberale „Verein zur Bekämpfung des Alkoholgenusses in Graz“. Von Dezember 1901 bis November 1902 erschien auch eine „Österreichische Abstinenten-Zeitung“, die Guido Ritter von Gebell, der Leiter der ersten steirischen Trinkerheilstätte, des Sanatoriums „Tannhof“ in Gratkorn, herausgab. Eine weitere deutschnationale Initiative gegen den Alkoholkonsum ging vom Guttemplerorden aus, der 1909 in die Steiermark kam, berichtet Reinhard Farkas in „Die Anfänge der steirischen Abstinenzbewegung“ (2010). Dessen erste Grazer Ortsgruppe Nephalia betrieb als Loge Nr. 5 ein Reformspeisehaus in der Sackstraße 14. Bereits 1911 entstanden zwei weitere Logen in Leoben und Marburg. Die dritte Säule deutschnationaler Abstinenzkultur bildete der „Österreichische Wandervogel“, der in Graz 1912 eine Buben- und seit 1913 auch eine Mädchengruppe betreute. 1913 bildete sich eine Gruppe in Leoben mit Verbindungen nach Knittelfeld und Bruck, wo 1917 kleine Ortsgruppen entstanden.

Johannes Ude
Zwei strikte Antialkoholiker: Der Priester, Philosoph und Lebensreformer Johannes Ude...
(KK)
Vinzenz Muchitsch
... und der spätere Grazer Bürgermeister Vinzenz Muchitsch
(KK)

Dem Zeitgeist gemäß agierten die Alkoholgegner bei uns streng getrennt nach politischer Gesinnung. 1912 wurde ein „Landesverein für das Herzogtum Steiermark des Katholischen Kreuzbündnisses gegen Alkoholismus in Österreich“ durch Johannes Ude (1874-1965) gegründet. Noch im selben Jahr zählte der Verein 821 abstinente und 491 mäßige, insgesamt also 1.312 Mitglieder. Ude war damals die markante Erscheinung des katholischen Widerstands gegen den Alkoholismus. Der Priester, Philosoph und Lebensreformer war Vegetarier, Pazifist und Totalabstinenzler und wurde als „Savonarola von Graz“ berühmt. 1936 und 1937 lehrte er an der Universität Graz, engagierte sich 1938 gegen die NS-Herrschaft und wurde aus der Steiermark verwiesen, 1944 wurde er verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde aber nicht vollstreckt, weil das NS-Regime rechtzeitig zusammenbrach. Udes Kreuzbündnis gelang es, auch in ländlichen Gemeinden Fuß zu fassen, so entstanden Gruppen in Maria Lankowitz, St. Ruprecht, St, Radegund und Eggenberg bei Graz. Mit ihren Zeitschriften „Österreichs Kreuzfahrer“ und „Schutzengel“ erreichten sie auch Kinder und Jugendliche. Ude trat für die absolute Abstinenz ein, daher bildete er 1915 den Verein um und verlegte den Vereinssitz kurzerhand von Wien nach Graz. Damit wurde der Verein innerhalb der katholischen Kirche immer mehr isoliert, 1917 verurteilte die Bischofskonferenz den Abstinenzstandpunkt sogar als „Häresie“ und „Gotteslästerung“.

Als dritte Bewegung gegen den Alkoholmissbrauch war 1901 der „Arbeiter-Antialkoholisten-Verein für Steiermark“ entstanden, der 1905 im AAB, dem „Arbeiter-Abstinentenbund in Österreich“, aufging. Leiter war der Mediziner Michael Schacherl, der als Kassenarzt der Grazer Arbeiterkrankenkasse, als Redakteur des „Arbeiterwillen“, ab 1911 sogar als Reichstagsabgordneter tätig war. Der AAB konzentrierte sich in seinen Aktivitäten vor allem auf die Industriegebiete des Grazer Beckens, der West- und Obersteiermark. An der Parteibasis gab es aber zahlreiche Proteste gegen die Enthaltsamkeitsbewegung und Berichte des ABB betonen, dass sich „die Arbeiter durch unsere Agitation beleidigt und herausgefordert fühlten“. Die Parteiführung hingegen unterstützte den Abstinenzstandpunkt, vor allem der selbst abstinente Parteigründer Victor Adler und andere prominente Sozialdemokraten wie der spätere Grazer Bürgermeister Vinzenz Muchitsch (1873-1942) und der Naturfreunde-Gründer Anton Afritsch.

In Ausstellungen, Vorträgen und Kongressen machten alle politischen Vereine gegen den Alkoholismus mobil, vor allem gegen den Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen. 1908 untersagte der Steiermärkische Landesschulrat den Ausschank von alkoholischen Getränken an Schulkinder bei Ausflügen und Festen. Da die Nationalliberalen und Sozialdemokraten nicht in Schulen werben durften, erhielt der Schutzengelbund dort eine Art Monopolstellung.

Seit 1900 kamen in den Städten alkoholfreie Lokale auf, in denen Rauchverbot herrschte und die auch vegetarisches Essen anboten. Die Abstinenzbewegung wollte damit nach Schweizer Vorbild Bollwerke gegen das „verdummende Wirtshausleben“ schaffen. Johannes Ude gründete am 17. Februar 1913 in Graz ein alkoholfreies Speisehaus in der Herrengasse 13/II, das später an den Bischofplatz 1 übersiedelte. Der Publikumserfolg war überwältigend. Am Eröffnungstag drängten 1.200 Gäste in die Säle, 500 Personen konnten nicht mehr eingelassen werden.


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele