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Der Fürst in der Villa Hartenau #

Wie der deutsche Prinz von Battenberg zum Fürsten von Bulgarien wurde, wieder abdanken musste, eine Sängerin aus Linz heiratete, seinen Titel ablegte und als Graf Hartenau in Graz sesshaft wurde – ein romantisches Märchen.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Villa Hartenau
Die Villa Hartenau im Grazer Univiertel dämmert im Dornröschenschlaf bis zu ihrem Verkauf dahin. Zur Zeit des Grafen Hartenau herrschte reges Treiben. © ENGELE

In der Leechgasse 52 (Hartenaugasse 20) steht die Villa Hartenau und verfällt langsam. Hier lebte im 19. Jahrhundert ein bedeutender Mann des europäischen Hochadels, der als der „schöne Alexander von Battenberg“ in die Geschichte einging, ein abenteuerliches Leben führte – und ein Paradebeispiel für das aristokratische Netzwerk ist.

Der Neffe des Zaren#

Zum besseren Verständnis der verwirrenden Ereignisse beginnen wir lieber mit Alexanders Vater, dem Prinzen Alexander von Hessen. Dieser war nach der Hochzeit seiner Schwester mit Alexander II., dem späteren Zaren von Russland, in russische Militärdienste getreten. Da er aber eine Hofdame seiner Schwester (nicht standesgemäß) heiratete, musste er den Hof verlassen, trat in den österreichischen Militärdienst ein und kam nach Graz. Hier wurde 1854 sein ältester Sohn Ludwig geboren, der in England Karriere machte. Er heiratete eine Enkelin von Königin Victoria und brachte es bis zum Lord der Admiralität, schreibt Peter Wiesflecker in der „Geschichte der Stadt Graz“, Band 2. Und jetzt wird es spannend, denn im Ersten Weltkrieg verzichtete Ludwig auf Rang und Namen eines Prinzen von Battenberg, schließlich waren die Deutschen ja Kriegsgegner. Er nahm den Namen Mountbatten an, die englische Übersetzung von Battenberg. Sein Enkel, Prinz Philipp Mountbatten von Griechenland, heiratete 1947 die damalige englische Kronprinzessin und jetzige Königin Elisabeth II. – womit der Mann der Queen einen Grazer Großvater hat.

Sehr ungewöhnlich verlief auch der Werdegang von Ludwigs Bruder Alexander, genannt der „schöne Battenberg“ (1857- 1893). Als Neffe des russischen Zaren nahm er 1877/78 am Russisch- Türkischen Krieg teil. Auf Vorschlag seines Onkels, Zar Alexander II., wurde Battenberg am 25. April 1879 mit 22 Jahren von der neu geschaffenen bulgarischen Nationalversammlung in Tarnowo zum Fürsten von Bulgarien gewählt. Als er aber versuchte, den russischen Einfluss in Bulgarien zurückzudrängen, wurde Alexander durch eine von Russland angezettelte Offiziersverschwörung zur Abdankung gezwungen. Aber der „schöne Battenberg“ hatte mächtige Gönnerinnen. Die englische Königin Victoria wollte für ihn eine Ehe mit der Tochter von König Friedrich III. von Preußen, Viktoria, einfädeln. Schließlich war sie ja ihre Enkelin. Alles ein bisschen verzwickt und sehr dicht verwoben, nicht wahr? Der Eheanbahnungsversuch scheiterte aber am Veto des deutschen Reichskanzlers Bismarck und an Viktorias Bruder, Wilhelm II.

Prinz Alexander von Battenberg
Prinz Alexander von Battenberg als Fürst von Bulgarien. © KK

Die Villa Hartenau#

Alexander von Battenberg trat nun in österreichische Dienste und lebte als Offizier in Graz. In der Darmstädter Oper aber hatte er die Kammersängerin Johanna Loisinger aus Linz kennengelernt. Als er sie 1889 (nicht standesgemäß) heiratete, verzichtete er auf Namen und Titel und nannte sich ab nun Graf von Hartenau. So lebte der ehemalige Prinz von Battenberg und Fürst von Bulgarien in Graz als Kommandant einer Brigade, und seine kunstsinnige Gattin führte in der Villa Hartenau ein großes Haus, in dem zahlreiche interessante Persönlichkeiten ein- und ausgingen. Doch die glückliche Ehe dauerte nur vier Jahre, da der Graf mit 36 Jahren, am 17. November 1893, im Rang eines k.u.k. Generalmajors an Tuberkulose starb. Er wurde mit einem „in Graz noch nie gesehenen Gepränge“ auf dem St.-Leonhard- Friedhof bestattet, bald aber schon in die St. Georgs-Kapelle nach Sofia überführt. Seine Frau überlebte ihn um unglaubliche 58 Jahre und starb 1951 in Wien.

Was aber wurde aus der Villa Hartenau? Ab 1938 zog dort die SS ein, 1945 folgten die Sowjets, danach die Engländer, bevor sie ins Eigentum der Stadtgemeinde kam. Lange war sie ein Schülerinnenheim, heute gehört sie einer St. Pöltener Grundstückserschließungsfirma und wird langsam zum Dornröschenschloss.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele