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Wie die Grazer Straßen zu ihren Namen gekommen sind #

Was hat es mit der Plüddemanngasse auf sich? Wie werden Hausnummern vergeben? Und warum werden Straßennamen wieder geändert?#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Straßenschilder
Straßenschilder
Foto: © SAMMLUNG KUBINZKY

Am Anfang war das Chaos. Na, vielleicht nicht ganz, aber der mittelalterliche Wildwuchs an Lagebeschreibungen der Grazer Gassen und Straßen wurde – ebenso wie die ersten Nummerierungsversuche im 17. Jahrhundert – erst 1770 durch ein Patent von Maria Theresia etwas systematischer geordnet. Doch nicht nur der Wunsch nach besserer Orientierung für die Bürger war der Grund – sondern der Drang nach Ordnung, um die Steuerabgaben und Militäraushebungen wirkungsvoller durchführen zu können.

Am Damm um 1900
Am Damm um 1900: Im Hintergrund ein Haus mit zwei „Trockenböden“ am Dachgeschoss.Foto: © SAMMLUNG KUBINZKY

Mit diesen Namen und Nummerierungen der Häuser folgte auch die Idee, zusätzliche Informationen zu transportieren. Wohin führt diese Straße (z.B. Kirchgasse) oder welche Funktion hat dieser Platz (z. B. Hauptwachplatz)? Das alles erläutern Karl A. Kubinzky und Astrid M. Wentner ausführlich und reich illustriert in der 2009 erschienenen Neuauflage von „Grazer Straßennamen. Herkunft und Bedeutung“ (Euro 24,90, Leykam).

Bei den Bezeichnungen kommen jedenfalls sehr stark der jeweilige Zeitgeist und die politische Intention der Namensgeber ins Spiel. So wurden 1918 die Namen der Monarchie großteils geändert, 1938 jene des Ständestaates und nach 1945 die Namen, die zu eng mit dem NS-Regime verbunden waren. Denn damals hatte etwa die Annenstraße „Krefeldergasse“ geheißen nach der von den Nazis verordneten deutschen Schwesterstadt. Sofort nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie aber wieder zur „Annenstraße“ umbenannt.

Imker in der Bienengasse#

Dreihackengasse um 1900
Dreihackengasse um 1900: Erweiterungsbau des Hotels Dreihacken.
Foto: © APA/PFARRHOFER

1870 erhielt die Bienengasse ihren Namen, weil dort mehrere Imker arbeiteten. Zuvor hatte sie weit weniger attraktiv Flohgasse geheißen. 1870 war überhaupt ein entscheidendes Reformjahr für die Grazer Straßen. Da wurde nämlich das in Wien bereits 1862 erfolgreich erprobte „Winkler’sche System“ eingeführt. Der Wiener Schilderfabrikant Michael Winkler hatte festgelegt, dass bei allen Straßen rechts die geraden und links die ungeraden Hausnummern zu sein hätten. Auch sollten Hinterhäuser die Nummern der straßenseitigen Gebäude erhalten, ergänzt durch Buchstaben (17a). Ebenso mussten die Hausnummern von der Stadtmitte zum Stadtrand führen.

„Wenn man in der Plüddemanngasse im Stau steht, sollte man doch wissen, wer der Herr Plüddemann war,“ meint Buchautor Kubinzky launig – und liefert die Antwort gleich mit: Martin Plüddemann aus Kolberg (Preußen) wollte Sänger werden und studierte in Leipzig. „Nach einem Schaden an seiner Stimme scheiterte die Laufbahn. Er kam 1890 nach Graz und gründete eine Balladenschule.“

Hatte es 1912 in Graz circa 600 Straßenbezeichnungen gegeben, so kommen Kubinzky und Wentner heute auf fast 1800 – nur 20 davon sind nach Frauen benannt.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele