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Judenburger Fernhandel#

Vom 13. bis zum 15. Jahrhundert betrieb Judenburg den überregionalen Handel mit Venedig, gab den Judenburger Golddukaten heraus, hatte das Monopol auf den weltweiten Speikhandel und wurde reich.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig wurde 1505 nach einem Brand völlig neu errichtet
Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig wurde 1505 nach einem Brand völlig neu errichtet.
Foto: DIDIER DESCOUENS

Seit dem 13. Jahrhundert war Venedig das größte Handelszentrum im östlichen Mittelmeerraum und Umschlagplatz für alle Waren aus dem Orient. Diese wurden auf der wichtigen Handelsstraße über Udine, Gemona, quer durch Kärnten und über den Neumarkter Sattel nach Judenburg gebracht. Das war etwa die Hälfte des Weges, der über Bruck und den Semmering weiter nach Wien führte. Judenburg war schon früh ein bedeutender Handelsort, der bereits 1074 als „mercatum Judinburch“ erstmals erwähnt wurde und das erste Stapelrecht Österreichs hatte. Judenburg hieß der Ort deshalb, weil Juden damals eine wichtige Rolle im transalpinen Handel spielten und mehrere Handelsposten in der Region gegründet hatten.

Stapelrecht oder Niederlassungsrecht, eigentlich Marktrecht, war im Mittelalter das Privileg einer Stadt, von durchziehenden Kaufleuten zu verlangen, dass sie ihre Waren eine Zeitlang zum Verkauf anboten. Die Handelsbedeutung Judenburgs wurde noch größer, als Herzog Albrecht II. um 1350 die erste und lange Zeit wichtigste Goldmünze Österreichs in Judenburg prägen ließ - den Judenburger Golddukaten. Und 1460 verlieh Kaiser Friedrich III. Judenburg das Monopol für den weltweiten Handel mit Speik, den die Stadt über 100 Jahre halten konnte. Die Wurzeln des Echten Speik (Valeriana celtica, Keltischer Baldrian) enthalten besonders viel ätherisches Baldrianöl, wurden damals massenhaft ausgegraben und als begehrtes Parfum in den Orient exportiert. Ein Handelsweg, der im frühen Hochmittelalter den Christen nicht offen stand und zumeist von Juden genützt wurde. Also wiederum ein Vorteil für Judenburg und seine internationale Vernetzung.

Aber zurück zur Fernstraße Venedig - Wien. Diese durfte auf österreichischem (damals waren damit das heutige Niederösterreich und Teile Oberösterreichs gemeint), steirischem und Kärntner Gebiet nur von Kaufleuten für Warentransporte benutzt werden, die aus Wien und den Anrainerstädten der Handelsstraße stammten. Wie lebhaft der Judenburger Warenhandel mit Italien war, bezeugen auch die Privilegien, die Wiener Neustadt in den Jahren 1239 und 1244 erhielt. Damals wurden nämlich die Mautgebühren bestimmt, welche die Judenburger für jede Saumlast Feigen, Öl und Seife, für jeden Wagen Getreide und für jedes Fass Wein zu entrichten hatten, berichtet Fritz Popelka in seiner Aufsatzsammlung „Verklungene Steiermark“. Aber auch in Venedig selbst gibt es klare Hinweise auf die Bedeutung der obersteirischen Stadt. „Außer Judenburg hat es keine einzige deutsche Stadt gegeben, die jemals im Fondaco eine eigene Kammer besessen hat“, schreibt Popelka. Gemeint ist damit der Fondaco dei Tedeschi am Canale Grande direkt neben der Rialtobrücke, der als Warenbörse der deutschen Kaufleute diente. Denn damals herrschten strenge Sitten. Bis Venedig durften die deutschen Kaufleute (als Deutsche wurden alle Bewohner des Deutschen Reichs bezeichnet, also auch Ungarn, Flamen und Österreicher) kommen, weiter nach Süden verboten es die Venezianer. Und nur im ihnen zugewiesenen Fondaco durften sie unter behördlicher Aufsicht wohnen und ihre Geschäfte abwickeln. Für die Mahlzeiten gab es im Fondaco zwei Tafeln, die auch die Rangfolge der Händler widerspiegeln. Die Nürnberger Tafel stellte die erste Liga dar, der die Bewohner von Köln, Basel, Straßburg, Frankfurt und Lübeck angehörten. An der Regensburger Tafel wurde die zweite Liga bewirtet, hier saßen die Händler aus Augsburg, Ulm, Wien, Linz, Salzburg, Judenburg und Laibach. Selbst die Verpackung und der Transport der Waren wurden streng kontrolliert. Und die kleine Stadtgemeinde Judenburg oder eine Gruppe von Judenburger Bürgern besaß im 15. Jahrhundert eine Kammer im Fondaco dei Tedeschi, die stets von ihren Kaufleuten aufgesucht wurde. Am stärksten waren die Judenburger aber unter den Ballenbindern oder Ligatori des Fondaco vertreten. Diese bildeten eine eigene Zunft und hatten in den Höfen die Waren zu verpacken und transportfähig zu machen. 1418 war Nikolaus von Judenburg sogar Zunftmeister, in seiner Ära nahm Judenburg in Venedigs Handelsleben eine besonders bedeutende Stellung ein. Ab 1500 erlahmte aber der Handel mit Italien, die Judenburger Kammer im Fondaco wurde an das Handelshaus der Fugger vermietet und die großen Welthandelswege verschoben sich immer weiter nach Westeuropa und Amerika. Eine neue kapitalistische Epoche hatte begonnen.


Judenburg, Holzschnitt aus einem Kalender von 1582
Judenburg, Holzschnitt aus einem Kalender von 1582
Judenburg aus Vischers Topographia Ducatus Styriae, 1681
Judenburg, wie es in Vischers Topographia Ducatus Styriae, 1681, gezeigt wird (KK)


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele