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Ganz Mariazell versank im Flammenmeer #

In der Allerheiligennacht 1827 fiel fast ganz Mariazell einem Flammenmeer zum Opfer. Sogar der Mittelturm der Basilika stürzte ein und neun Menschen starben. Doch der Ort wurde wieder aufgebaut. #

Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Brand von Mariazell/zeitgenössische Darstellung
Der verheerende Brand von Mariazell in einer zeitgenössischen Darstellung. Fast alle Häuser, auch die Basilika, brannten ab, neun Menschen starben.
© KK

Es war ein kalter Novemberabend, frühzeitig ging man zur Ruhe, doch ein unerklärliches Rauschen und Knistern, welches sich in das Gebrause des Sturmwindes mischte, weckte die Bewohner.“ So beschreibt eine alte Chronik die Allerheiligennacht 1827, in der fast ganz Mariazell einer Feuersbrunst zum Opfer fiel.

„Lichterloh brannten ganze Häuserzeilen“, schildert Immaculata Waid in „Mariazell und das Zellertal“. Zuerst die Gräzergasse, dann die Neustädter Gasse, dann die Kirche mit all ihren Stifts- und Amtsgebäuden. Viele Bewohner flüchteten auf den neuen Friedhof am unteren Ende der Gräzergasse, auf dem noch viel freier Platz war. Von 111 Häusern waren um die hundert vom Feuer betroffen.

Das Chaos des Flammenmeers war so gewaltig, dass die zu Hilfe geeilte Gußwerker Werksfeuerwehr nicht einmal in den Markt einfahren konnte. Auch die flüchtenden Bewohner verstopften die Straßen. Nur der Bäckermeister Franz Xaver Ott holte seine Familie und Bediensteten in die gewölbte Stube seines Hauses, weil er glaubte, dass sie hier Schutz finden würden. Doch schnell brannte das ganze Stiegenhaus lichterloh. Da die Fenster stark vergittert waren, wurden alle sieben Personen ein Opfer der Flammen. Insgesamt kamen neun oder zehn Menschen bei der Brandkatastrophe ums Leben.

Mariazell nach der Renovierung
Die Basilika Mariazell, wie sie heute nach der Renovierung aussieht, auffallend ist die geänderte Dachneigung.
© KUSS

Gnadenstatue gerettet #

Dann stürzte der Mittelturm der Kirche unter dröhnendem Krachen ein. Trotz der drohenden Gefahr gelang es einigen mutigen Männern, die Orgel und die Gnadenstatue zu retten. Das Kirchendach und der obere Teil der Türme wurden aber zerstört. Sogar die Glocken waren geschmolzen. Auch das Herrschaftsgebäude wurde stark zerstört, völlig niedergebrannt sind auch Schule, Rathaus und Apotheke.

Für die vielen Verletzten wurde im Meierhof ein Hilfsspital eingerichtet. Doch es fehlte an allem. Als Helfer in der Not sprangen sofort die Nachbargemeinden Gußwerk, Rasing und St. Sebastian ein.

Wie aber war es zum Flammeninferno gekommen? Frühe Recherchen ergaben, dass das Feuer in der Kegelstatt des Kugel-Traxler- Hauses am unteren Hauptplatz ausgebrochen war. „Diese Kegelstatt dürfte auf dem heutigen P.-Hermann-Geist-Platz gestanden sein“, mutmaßt Immaculata Waid. Mitten durch die Kegelstatt, die durch ihr Dach mit einer Holzhütte verbunden war, führte ein öffentlicher Durchgang. Und ein Gast, der beim Kegeln sein gesamtes Geld verspielt hatte, soll aus Wut den Brand gelegt haben. Im Stadtamt Mariazell schüttelt man über diese Spekulation den Kopf und erklärt, dass der verheerende Brand mit größter Wahrscheinlichkeit durch eine Schmiede in der Gräzergasse ausgelöst worden sei.

Mariazell vor dem Brand
So sah Mariazell vor dem großen Brand aus.
© KK

Wiederaufbau #

Kaum war der ärgste Schrecken überstanden, machten sich die fleißigen Mariazeller sofort an den Wiederaufbau. Noch vor Winterbeginn wurden 43 Notdächer gezimmert, sodass die Häuser notdürftig bewohnt werden konnten.

Auch die Kirche, das Pfarr- und die Herrschaftsgebäude erhielten Notdächer. Mit dem eigentlichen Aufbau konnte erst nach dem Winter 1828 begonnen werden, die Arbeiten dauerten schließlich bis 1832. Beim Wiederaufbau von Mariazell wollte man aber die alten Fehler vermeiden – Ställe und Stadel sollten nun in Distanz zu den Häusern errichtet werden und Mauersicherungen erhalten.

Eine beispiellose Hilfswelle setzte ein. Kaiser Franz I. übersandte rasch eine hohe Summe aus seiner privaten Schatulle und ordnete eine allgemeine Geldsammlung in der gesamten Monarchie an. Dennoch sahen viele Familien hier keine Zukunft und zogen aus Mariazell weg, andere siedelten sich an und bauten auf den Brandruinen eine neue Existenz auf.

Das neue Satteldach der Kirche erhielt einen viel flacheren Dachstuhl als das abgebrannte steile Walmdach. Das wiederum führte zu einer starken formalen und optischen Änderung der heutigen Basilika – das Dach des Querschiffs erscheint nun nicht mehr mit dem Dach des Hauptschiffs zu einer kreuzförmigen Anlage verbunden zu sein. Dafür wurden aber erstmals Blitzableiter installiert.


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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele