unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

Mit Urin zum Höllerhansl #

Der Naturheiler Johann Reinbacher vulgo Höllerhansl war im ganzen Land bekannt. An manchen Tagen stellten sich an die 500 Menschen bei ihm an. #

Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung

Höllerhansl mit Besuchern aus den USA
Eine der letzten Aufnahmen des Höllerhansl (Mitte mit Stock) mit Besuchern aus den USA vor seiner Kapelle. Die Patienten kamen mit dem „Flascherlzug“
© KK, STEFAN KRATZER (2)

Steil ging es den Hohlweg von Marhof hinauf nach Rachling zum Höllerhansl, wie der legendäre, tiefgläubige Naturheiler Johann Reinbacher (1865–1935) mit Vulgonamen hieß. Jeder musste zu Fuß gehen, für viele Städter eine ungewohnte Anstrengung – aber schon Teil von Höllerhansls Therapie. Denn „ban Gehn wird ma miad und mott, do schaßt a und scheißt a!“, wusste er schlau. Man konnte den Weg gar nicht verfehlen, weil er rechts und links gesäumt war von weggeworfenen Flaschen, in denen die vielen Besucher ihren Urin mitgebracht hatten. Denn seine Diagnosen stellte der Naturheiler stets aus dem Harn. Da die meisten seiner Patienten mit ihrem Urinflascherl aus Graz zwei Stunden lang mit der Eisenbahn nach Stainz fuhren, wurde der Zug bald schon ironisch „Flascherlzug“ genannt.

Der Höllerhansl saß im Keller seines Hauses an einem langen Tisch, an beiden Seiten standen Bänke, dort nahmen seine „Patienten“ Platz, berichtet Bernd E. Mader in „Der Höllerhansl“ (1997). Einer nach dem anderen reichte dem Höllerhansl sein Fläschchen mit Urin, der schüttelte und beäugte es und stellte aus Farbe und Geruch seine Diagnose. Eine Mitarbeiterin notierte diese ebenso wie die empfohlene Medizin, meist Tee, der in zwei großen Kesseln gebraut wurde. Bei Bedarf wurde der Tee in Flaschen gegossen und mit pflanzlichen Destillaten angereichert, je nach Leiden des „Patienten“. Immer dabei war aber „Bittersalz“ (Magnesiumsulfat), ein starkes Abführmittel.

Auf der Kellerstiege standen alle anderen, die auch zum Naturheiler wollten, in einer langen Schlange von Hunderten Leuten. An manchen Tagen mussten sogar Zählkarten ausgegeben wer den. Der Andrang war so groß, dass der Höllerhansl und seine Helfer schließlich viele Anfragen per Post erledigten. Sogar ein indischer Fürst soll ihn aufgesucht haben. Und laut Zeitungen waren 1928 zwei ägyptische Prinzessinnen beim Höllerhansl.

An der Ausgangstüre des Kellerlokals stand stets ein umgedrehter Hut für Spenden, berichtet Mader. Als Naturheiler durfte Reinbacher ja kein Geld verlangen, dann wäre er wegen Kurpfuscherei angeklagt worden. Aber seine zahlreichen Spenden versteuerte er brav. Die Finanzbeamten, die damals noch persönlich die Steuer eingetrieben haben, hätten den Höllerhansl „stets mit einem ganzen Rucksack voll von Banknoten“ verlassen. Zusätzlich zu seinen Tees wies er seine Patienten immer an, für ihre Heilung zu beten – und für seine Kapelle zu spenden.

Wer war aber dieser Naturheiler? Am 8. Dezember 1865 wurde er als Sohn des Josef Reinbacher am Fuße des Rosenkogels geboren. 1870 übersiedelten seine Eltern auf das Anwesen vulgo Höller in Rainbach 25. Schon Vater Reinbacher, ein gelernter Schneider, trat als Naturheiler auf, wobei die ganze Familie eifrig half. Immer wieder wurde er als Kurpfuscher verurteilt. Johann erlernte ebenfalls das Schneiderhandwerk, hatte aber einen starken Hang zum Religiösen. So trat er 1890 in Graz in den Karmeliterorden ein, wurde dort Pförtner. Doch schon zwei Monate später verabschiedete er sich wieder und baute in Rachling eine Kapelle nach dem Vorbild von Lourdes.

1911 heiratete er die Witwe Cäzilia „Cilli“ Bruchmann, die zur Managerin des späteren Naturheilers wurde. 1914 musste er mit 49 Jahren zum Militär einrücken – und nach seiner Rückkehr begann die steile Karriere des Naturheilers Höllerhansl. Am Beginn standen gleich zwei Prozesse: 1920 wurde er in Stainz wegen Kurpfuscherei zu 500 Kronen Strafe verurteilt, 1921 in einem emotional aufgeschaukelten Prozess in Graz zu 10.000 Kronen. Mit diesem Prozess wollten ihm seine Gegner das Handwerk legen – aber dadurch wurde er nur noch bekannter.

Doch dem gewaltigen Ansturm von Hilfesuchenden war der Höllerhansl nicht gewachsen, er vernachlässigte seine Mahl- und Ruhezeiten und begann zu trinken. Ende der 1920er-Jahre war er mittags schon oft so betrunken, dass er lieber in seine Kapelle zum Beten ging. Langsam blieben die Patienten aus, er wurde krank und starb am 20. Jänner 1935.

Weiterführendes#


zur Übersicht
© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele