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Mit einer Blutvergiftung fing alles an#

Vor 400 Jahren rettete ein Wiener Arzt der Barmherzigen Brüder in letzter Minute das Leben von Erzherzog Maximilian Ernst. Aus Dankbarkeit holte dieser den Orden nach Graz, um hier ein Spital zu gründen.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Porträt von Erzherzog Maximilian Ernst von Joseph Heintz d. Ä., 1604.
Porträt von Erzherzog Maximilian Ernst von Joseph Heintz d. Ä., 1604.

In der Grazer Burg herrschte helle Aufregung, denn es stand sehr schlecht um Erzherzog Maximilian Ernst, den jüngeren Bruder des späteren Kaisers Ferdinand II. Die Hofärzte wollten seinen rechten Arm amputieren. Nach einem missglückten Aderlass, der zu einer Blutvergiftung geführt hatte, sahen sie keine andere Möglichkeit mehr. „...durch eine unglückselige Aderlaß eine solchen Schaden an dem Armb, daß von den löblichen Collegio Medicorum der Schluß ergangen, den Armb von den Leib zur Erhaltung fernerer Gesundheit ihm abzunehmen...“, verzeichnete die Ordenschronik der Barmherzigen Brüder.

Der Erzherzog wollte aber seinen Arm retten und schickte in höchster Not nach dem berühmten italienischen Chirurgen und Barmherzigen Bruder Pater (Graf) Gabriel Ferrara, der seit 1614 im neuen Wiener Krankenhaus des Ordens tätig war. Und wirklich, Pater Ferraras Behandlung rettete dem Erzherzog den Arm. Aus Dankbarkeit für diese als Wunder angesehene Heilung beschlossen die Landesfürsten, dem Orden der Barmherzigen Brüder eine Niederlassung in Graz zu ermöglichen. Ein geeigneter Platz für ein Konventspital wurde schnell „enthalb der Pruggen auf dem Anger abwerths bey der Mur“, also jenseits der Murbrücke am Beginn der heutigen Annenstraße ausfindig gemacht. Und dank einer Spende von Ferdinand II. auch gekauft. Die Gegend wurde im Volksmund „zum Lotterbunnen“ genannt, denn hier hatte sich bis 1461 die Richtstätte befunden, die Stelle, wo die Malefizpersonen (Verbrecher) geköpft und verbrannt wurden. Hier waren auch die „Lotter und meisterlosen Bueben“ in einen Kotter gesperrt worden. Der in der Nähe befindliche Brunnen, der erst 1785 zugeschüttet worden ist, wurde daher „Lotterbrunnen“ genannt. Ein Kruzifix, das sich ebenfalls dort befunden hat, hängt noch heute im Refektorium der Barmherzigen Brüder in der Annenstraße.

Am 20. Juni 1615 - vor fast genau 400 Jahren - fand die feierliche Kreuzaufrichtung und Grundsteinlegung für das Hospital und Kloster im Beisein von Pater Bernhard Fyrdram, dem späteren Prior, statt. Ein umgestalteter, einfacher Stadel, der bereits auf dem Grundstück gestanden war, diente als Krankenzimmer.So wie alle Brüder-Hospitäler hatte auch das Grazer Haus anfänglich zwölf Betten - im Gedenken an die zwölf Apostel. Am 16. März 1616 wurden die ersten Patienten aufgenommen, die von drei italienischen Ordensbrüdern unter der Leitung des ersten Priors Pater Gabriel Rudolfo betreut wurden.

Der Saal war langgestreckt und mit vielen Fenstern versehen, die Betten standen an den Längsseiten. Es waren sogenannte Kastenbetten, heute besser bekannt als „Himmelbetten“, mit Gestänge und Vorhängen, um den Patienten ihre Intimsphäre zu bewahren. Alle Kranken erhielten ein eigenes Bett, saubere Bettwäsche und eine eigene Krankenbekleidung, sie wurden nach Krankheit und Geschlecht getrennt und respektvoll behandelt. Vor ihrer Aufnahme wurden sie gereinigt und von Ungeziefer befreit. Für damalige Verhältnisse eine Revolution der Krankenpflege, die Johannes von Gott, der Gründer des Ordens, ab etwa 1540 aufgrund eigener schlechter Erfahrungen in Granada eingeleitet hatte. „Den Barmherzigen Brüdern verdanken wir auch die ältesten Krankenaufzeichnungen der Steiermark“, berichtet Fr. Richard Binder von den Grazer Barmherzigen Brüdern. „Also die Berichte, wer wann und wie lange im Krankenhaus war, sein Berufsstand und die soziale Situation.“ Schon ab 1619 wurde die Lage für das neue Spital wieder schwieriger, da die großen Gönner starben und Erzherzog Ferdinand als Kaiser nach Wien ging. So zogen die Ordensleute bettelnd durchs Land, um den Fortbestand zu sichern. Denn ein „Siftungsbrief“ des Kaisers hatte dem Orden das Privileg verliehen, öffentlich Almosen sammeln zu dürfen. Darauf gründet übrigens heute noch die sogenannte „Haussammlung“. 1632 fand die Grundsteinlegung einer einfachen Kirche neben Hospital und Kloster statt, die aber bereits 100 Jahre später wieder baufällig wurde. Johann Georg Stengg, der auch die Stiftskirche von Rein und die Wallfahrtskirche von Maria Trost errichtet hat, ist der Erbauer der neuen Kirche „Mariä Himmelfahrt“ in der Annenstraße.

Zug um Zug wurden dann Kloster und Spitalanlage erweitert und auch das erste Grazer Waisenhaus gegründet. 1781 hatte das Spital bereits 40 Krankenbetten. Doch der aufgeklärte Absolutismus von Kaiser Joseph II. bescherte den Barmherzigen Brüdern auch in Graz schwere Probleme. Zwar besuchte der Kaiser das Spital zweimal und lobte die wertvolle Arbeit der Brüder, aber seine Reformen zog er trotzdem durch. Erst das Konkordat von 1857 zwischen Kaiser Franz Joseph und dem Papst hob die Reformen Josephs wieder auf und ließ den Orden aufleben. 1866 entstand die Niederlassung in Graz-Eggenberg (zuerst als Heim für Rekonvaleszente, ab 1936 als Krankenhaus), 1875 in Kainbach und 1876 in St. Veit a.d. Glan. Heute werden die Planungen für den Ausbau des Standortes in der Grazer Marschallgasse samt Rückführung des Eggenberger Spitals zügig vorangetrieben.

Erzherzog Ferdinand übergibt Pater Gabriel Ferrara am 20. Juni 1615 den Stiftungsbrief für das Grazer Spital der Barmherzigen Brüder.
Erzherzog Ferdinand übergibt Pater Gabriel Ferrara am 20. Juni 1615 den Stiftungsbrief für das Grazer Spital der Barmherzigen Brüder.
alter Plan der Spitals
alter Plan der Spitals



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele