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Ein neues Tor für das Kälberne Viertel#

Als das Kälberne Viertel in die Stadt einbezogen wurde, musste das „Neutor“ errichtet werden. Und 1835 baute man schließlich zur Dekoration auch noch das Franzenstor.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Neutor
Das 1883/84 abgetragene Neutor.
© KK

Das Leben in Graz nach 1600 war ständig von der Gefahr durch Türkeneinfälle, von Seuchen und Hungersnöten bedroht. Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) war in unseren Breiten zwar nicht unmittelbar zu spüren, aber durch hohe Steuerlasten und Lebensmittelknappheit litt auch Graz sehr darunter. Das Land verarmte und mit ihm die Landeshauptstadt. Da die Hauptlast der Verteidigung im Südosten des Reiches dennoch auf der Steiermark lag, setztemanaber trotz aller Geldknappheit den Ausbau des Grazer Bastionengürtels fort.

Das neue Tor#

Im Zuge dieses Ausbaus wurde 1620 im Südwesten der Stadt das Neutor errichtet. Das war notwendig geworden, weil man nun das Kälberne Viertel – das Gelände zwischen der mittelalterlichen Ringmauer und dem Murufer – in das Stadtgebiet einbezog. Etwa dort, wo sich heute Kalchberggasse und Neutorgasse kreuzen und die frisch renovierte Hauptpost steht (in der neuerdings auch das AMS Graz Ost untergebracht ist), wurde ein Tor gebaut. Vorerst recht klein angelegt,wurde es in der Folge zu einem mächtigen Torhaus ausgebaut, dessen zwei Stockwerke später sogar bewohnt waren. Die äußere Seite erhielt 1780/90 eine klassizistische Fassade mit Zopfdekorationen. Die stadtseitige Ansicht war reich gestaltet und besaß im Erdgeschoss drei Öffnungen: das große Tor mit dem mächtigen Rustikaportal (ähnlich dem noch vorhandenen Paulustor), das kleinere mittlere Portal, das ins Innere des Torraumes führte, und ein vermauertes Scheinportal. Die dunkle Tordurchfahrt verlief aus strategischen Gründen aber nicht gerade, sondern in einer s-förmigen Krümmung und galt lange Zeit als Schrecken aller Kinder.

Mitte des 19. Jahrhunderts muss das Neutor einen idyllischen Anblick geboten haben, da es auf beiden Seiten von Grünanlagen umgeben war. Östlich lag als öffentliches Erholungsgebiet der botanische Garten des Joanneums, auf der Westseite stand noch die alte Neutorbastei. Darauf befand sich der Merangarten, der seit 1853 eine beliebte „Kaffeewirtschaft“ beherbergte.

Prestigebauten entstehen#

Das Franzenstor
Das Franzenstor, das direkt an die steirische Realschule (die spätere LOR, Landesoberrealschule) angebaut war.
© KK

Um 1860 beschlossen Land und Stadt, das Joanneum um eine Landesbibliothek und ein kunsthistorisches Museum zu erweitern,wofürmanaber dringend Geld benötigte. Also wurden die Gärten verkauft und das Neutor 1883 endgültig abgetragen. So entstanden hier die Prestigebauten der Grazer Hauptpost, des Neuen Joan neums und des Justizpalastes. An das alte Neutor erinnern heute nur noch der Name der Gasse sowie ein Café und eine Apotheke.

Zum Abschluss unserer Kurzserie über die Grazer Stadttore möchte ich ein ganz besonderes Unikum von Tor erwähnen, das erst 1835 erbaut wurde - das Franzenstor. An der Ausmündung der Burggasse in den heu- tigen Opernring wurde es ohne jeden praktischen Nutzen errichtet. Einzig die Vorliebe des damaligen Zeitgeistes für derartige Zierbauten war dafür verantwortlich, ähnlich wie beim Wiener Burgtor am Ring.

Das Franzenstor war ein schlichter klassizistischer Torbogen, der die gesamte Breite der Burggasse abschloss und zu Ehren des „guten Kaisers Franz“ nach ihm benannt wurde. 1804 hatte Franz I. den erblichen Titel eines „Kaisers von Österreich“ angenommen und war 1835 kurz vor dem Torbau verstorben. In der Kürze lag anscheinend die Würze - denn bereits 1856 fiel dieses jüngste Grazer Tor der Ringstraßenregulierung und damit der modernen Zeit zum Opfer und wurde wieder abgetragen.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele