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Wohin selbst der Kaiser zu Fuß ging#

Heute ist eine Toilette mit Wasserspülung bei uns ganz selbstverständlich. Doch es war ein langer und geruchsintensiver Weg von der Latrine und dem Plumpsklo bis zum heutigen WC. (1. Teil).#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Plumpsklo
Plumpsklo in einer mittelalterlichen Burg – mit erneuertem Sitzbrett.
Foto: © KK

Wie sich die Zeiten doch ändern. Heute ist es nur noch peinlich bis lächerlich, wenn jemand öffentlich über seine Verdauung und Ausscheidung spricht. Auch ein geselliges Beisammensein auf der Toilette ist nicht mehr in, es könnten ja die Schamgefühle verletzt werden. Früher war das ganz anders.

Die alten Römer erleichterten sich mit ganz besonderer Vorliebe in Gesellschaft. Das belegen Gemeinschaftslatrinen mit bis zu 25 Marmorsitzen nebeneinander. Und noch am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. von Frankreich galt es als besonderes Privileg, eine Audienz bei der königlichen Sitzung am Nachttopf zu erhalten. Zeiten und Geschmäcker ändern sich eben. So konnte Martin Luther seine Gäste nach dem Essen noch ungeniert fragen: „Warum rülpset und furzet Ihr nicht? Hat es Euch nicht geschmöcket?“

alte Klobeispiele
Zwei alte Klobeispiele im Sanitärmuseum Leibnitz.
Foto: © LENHARD

Jahrtausendelang war die Entsorgung menschlicher Exkremente in der Natur etwas ganz Selbstverständliches. Wie die Katzen bedeckten auch die Menschen ihren Kot mit Erde und Blättern, den Rest vollbrachte die Natur. Problematisch wurde das erst, wenn viele Menschen auf einem Fleck lebten.

Römische Latrine aus Ephesos
Römische Latrine aus Ephesos – der ideale Ort, um„Latrinengerüchte“ zu verbreiten oder gute Geschäfte anzubahnen.
Foto: © KK

Überall stank es erbärmlich#

In unseren mittelalterlichen Städten dominierte daher der Gestank an allen Ecken und Enden. Doch Exkremente waren damals nicht nur eine stinkende Last, sondern stellten in Form von Urin, Mist und Jauche auch ein Vermögen dar. Bis ins 20. Jahrhundert war bei uns beispielsweise die Urinwäsche in Tuchfabriken üblich. Jeder Arbeiter musste dafür im Hof in ein sogenanntes „Pissfatt“ urinieren. Mit abgestandenem Urin reinigten und enthaarten auch die Gerber die Tierhäute von Fleisch- und Schmutzresten. Und der feste Mist der Städter spielte als Dünger bei der Bewirtschaftung der Felder eine wichtige Rolle. Ja, der Düngewert der menschlichen Exkremente verhinderte im 19. Jahrhundert lange, dass sich die Entsorgung der Toiletten und Abwässer über eine flächendeckende Schwemmkanalisation durchsetzte, berichtet Brigitte Leidwein, die Kuratorin der hochinteressanten Ausstellung „Jedermanns Thron. Wohin selbst der Kaiser zu Fuß ging!“ in Schloss Artstetten (NÖ).

Aborterker
So sieht der Aborterker einer Burg aus.
Foto: © KK

Die alten Griechen und Römer waren auch auf sanitärem Gebiet sehr früh entwickelt und unserem Mittelalter unendlich weit voraus. So bauten die Griechen schon vor 2500 Jahren Toiletten und Abwassersysteme. Und auch die Latrinen der Römer mündeten in großen Kloaken und waren mitunter sogar wassergespült. Zum Abwischen wurden Stofffetzen oder Meeresschwämme verwendet. Damals war es völlig normal, dass man sich in geselliger Runde entleerte. Dabei wurde fröhlich geplaudert oder es kam zu wichtigen Geschäftsabschlüssen. Daher stammen auch die Begriffe „Latrinengerücht“ und „sein Geschäft verrichten“. Mit dem Untergang der Antike geriet das „moderne“ Abwassersystem wieder in Vergessenheit.

Plumpsklo
Ein altes Plumpsklo, wie es leibt und lebt.
Foto: © STANZER

Aborterker und Plumpsklos#

In den mittelalterlichen Burgen Europas ging es weniger hygienisch zu, hier brachte man an den Außenmauern Aborterker an, aus denen die Exkremente nach unten plumpsten. In den einfachen Grazer Stadthäusern gab es – wie auf dem Land – überhaupt keine Aborteinrichtungen. Da gab es nur möglichst weit weg vom Haus ein Loch im Boden, das in einer Grube endete.

Erst im Spätmittelalter begann man, Gruben mit Brettern und Balken zu überdecken. Die Aborte in den Höfen der Stadthäuser (die meist unweit der Hausbrunnen aufgestellt waren) muss man sich in Graz etwa so vorstellen wie die Plumpsklos mit Holzverschlag, die bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts am Land noch üblich waren. „Sie hießen Sekret oder die Heimlichkeit, auch nach italienischem Sprachgebrauch Ritirata oder Privet“, schreibt Fritz Popelka in seiner „Geschichte der Stadt Graz“. Fortsetzung folgt.

HABEN SIE DAS GEWUSST? #

Statistisch verbringt jeder Mensch neun Monate auf der Toilette.

  • Das Wort „Toilette“ kommt aus dem Französischen, wo man den „Lokus“ im Zimmer stehen hatte, aber mit Tüchern abdeckte. Und „Tuch“ heißt auf Französisch eben „la toile“.
  • Unser Wort „Klosett“ ist da weit älter und stammt vom Lateinischen „claustrum“ ab, das „eingesperrt“ bedeutet (vergleiche auch „Kloster“, „Klause“, „closed“).
  • „00“: Diese Bezeichnung für die Toilette kommt aus dem 19. Jahrhundert, als sich die Toiletten in den Hotels meist in der Nähe des Aufzuges am Gang befanden. Da aber dort auch die Zimmernummerierung begann, erhielten die Toiletten eben die Nummer „0“ oder „00“.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele