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Tschocalada - das Modegetränk der feinen Leute#

Wie das „bittere Wasser“ der Azteken süß wurde und als Modegetränk ab 1694 auch in die Steiermark kam. Die heutige Tafelschokolade gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


La bella chocolatera von Jean-Etienne Liotard, 1744
La bella chocolatera von Jean-Etienne Liotard, 1744
kk

Es war 1694, als für den steirischen Freiherrn Fedinand von Stadl ein Passbrief ausgestellt wurde, der ihm gestattete, für „sein aigene Nothdurft und Gebrauch“ italienische Lebensmittel „alß Tartuffelen, Tschocalada, Saladie und dergleichen mehrer“ mautfrei aus Mailand über Tirol und Salzburg einführen zu dürfen. Das ist der erste erhaltene Beleg für Schokolade in unserer Heimat, private Importe aber wird es sicherlich schon früher gegeben haben. Denn im Nachlassinventar von Johann Georg von Herberstein aus dem Jahr 1687 findet sich „1 Oval Tazza zu der Zoccolata“ aus Silber im Wert von 18 Gulden und 57 Kreuzern, berichtete Benita Wister 2012 in der Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark.

Dieser Passbrief zeigt aber auch, dass man zu dieser Zeit Schokolade (und damit war damals immer das Getränk gemeint) bereits als italienisches Lebensmittel empfand. Der mittelamerikanische Ursprung als xocólatl (sprich Schokolatl), als „bitteres Wasser“ der Azteken in Mexiko, war vergessen. 1528 hatte Hernan Cortés den Kakao nach Europa gebracht, doch unbearbeitet war die Schokolade ungenießbar. Erst durch die Zugabe von Honig und Rohrzucker wurde daraus ein wohlschmeckendes Getränk. 1544 wurde Schokolade erstmals am spanischen Hof getrunken. 1657 eröffnete das erste Schokoladencafé in London und 1673 schenkte ein Holländer erstmals Schokolade in Bremen aus. Da Kakao, Honig und Rohrzucker teuer waren, konnten sich Schokolade lange Zeit nur Wohlhabende leisten. Erst die Pressung des Kakaos und die Vermahlung zu Kakaopulver ab 1828 sowie die Verwendung von günstigerem Kakao aus Amazonien machten Schokolade zum beliebten Massenprodukt.

Aber soweit war es im 17. und 18. Jahrhundert in der Steiermark noch nicht. Noch war Schokolade ausschließlich das Getränk der feinen Herrschaften. Und manche Adelige erkannten schon früh, dass sich mit diesem herrlichen Trunk auch gute Geschäfte machen ließen. Im Nachlassinventar der Gräfin Maria Rosalia von Dietrichstein, geborene Herberstein (1661-1735), wurden 1736 unter der Rubrik Barschaft nicht nur die Bargeldbestände angeführt, sondern auch deren Herkunft: „für verkhauffte Chiocollatte“. Denn damals kaufte der Adel oft Rohkakao ein und ließ ihn ein- bis zweimal im Jahr zu Schokolade weiterverarbeiten. Man kann also annehmen, dass anfangs Schokolade über adelige Familien und ihre Netzwerke im Land verbreitet wurde - und über den zollfreien Schleichhandel ausländischer Hausierer, berichtet Wister. Natürlich waren inzwischen einschlägige Berufsgruppen wie Zuckerbäcker, Lebzelter, Kaffeesieder und Gastwirte hellhörig geworden und schenkten auch Schokolade aus bzw. verarbeiteten sie als Zutat in Lebzelten. Abseits von Graz waren es vorwiegend Gastwirte, die für die Verbreitung der Schokolade sorgten - und damit verhinderten, dass sich auswärtige Schokolademacher in ihrem Ort niederlassen konnten. Aber auch Bürger wie Joseph Kauß aus Radkersburg bezogen aus der Landeshauptstadt Schokolade und versorgten damit wahrscheinlich die ganze Umgebung. So bezog Kauß allein zwischen April und August 1786 rund 33 Pfund Schokolade im Wert von 34,5 Gulden, dazu Zimt, Zucker und Gewürze...

Immer wieder hieß es in der heimischen Forschung, dass der Schokoladenkonsum außerhalb der großen Städte wie Paris, London oder Wien zu gering gewesen sei, um ein eigenes Schokoladegewerbe entstehen zu lassen. Doch nach ausführlichen Recherchen in den Tauf-, Trau- und Sterbematrikeln der Grazer Pfarren konnte Benita Wister nun erstmals belegen, dass von 1720 bis 1828 hier 26 männliche und weibliche Schokolademacher sowie 15 Schokoladerreiber tätig waren. Erstmals mit der Berufsbezeichnung als Schokolademacher genannt wurde ein Matthias Reichenburger aus Ragnitz bei Graz am 14. September 1721 als Taufpate, zwei Jahre später seine Gattin Maria Theresia als Taufpatin. Zur selben Zeit werden auch für Wien die ersten Schokolademacher genannt – somit war Graz zeitlich immerhin gleichauf mit der Reichshauptstadt. Aber auch in kleineren Städten wie Radkersburg, Bruck und Fürstenfeld wurde schon frühzeitig Schokolade konsumiert - lediglich die Versorgung erfolgte zumeist von Graz aus, wo einige wenige Großhändlerfamilien wie der aus Graubünden eingewanderte Wilhelm Gadolla (ein Nachfahre ist übrigens der als „Held von Gotha“ berühmt gewordene Josef Ritter von Gadolla, der am 4. April 1945 von den Nazis hingerichtet wurde) oder David Sigmund monopolartig ihren Sitz hatten und den Kakao importierten.

Josef Manner I. unter dem Motto 'Chocolade für alle' um 1890
Josef Manner I. wollte unter dem Motto "Chocolade für alle" um 1890 in Wien das Luxusprodukt Schokolade in bester Qualität zum erschwinglichen Preis anbieten
kk
Schokolade als Hilfe gegen Migräne, Abgespanntheit und Kopfschmerzen
Schokolade als Hilfe gegen Migräne, Abgespanntheit und Kopfschmerzen. Braunschweig um 1900
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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele