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Vom tauben Lehrling zum Liebling der Mächtigen#

Gustinus Ambrosi galt als einer der bedeutendsten Bildhauer und Porträtisten Österreichs, ja ganz Europas - zu seiner Zeit. Er wurde mit Michelangelo und Rodin verglichen und ist heute fast vergessen.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Gustinus Ambrosi, Portrait
Gustinus Ambrosi, Portrait
© R. Engele

Er besaß Ateliers in Rom, Paris, Köln und zog sich schließlich nach Stallhofen in der Weststeiermark zurück. Möglichst naturgetreu sind seine Werke, aber stets dramatisch-pathetisch und doch auch wieder sanft idealisiert. Vor allem aber hatte Ambrosi die Gabe, mit allen Machthabern Europas im 20. Jahrhundert bestens auszukommen und von ihnen gefördert zu werden. Von Kaiser Franz Joseph erhielt Ambrosi 1913 als Zwanzigjähriger in Wien ein Staatsatelier auf Lebenszeit, 1924 schuf er eine Büste von Mussolini, die ihm den Ehrentitel „Commendatore“ einbrachte, auch die Päpste Pius XI. und Pius XII. porträtierte er ebenso wie den austrofaschistischen Kanzler Engelbert Dollfuß. Das wiederum brachte ihn 1938 bei den Nazis in Schwierigkeiten und verhinderte die beantragte Aufnahme in die NSDAP - aber dann wurde kein Geringerer als Albert Speer sein Gönner und beseitigte alle Probleme. Und nach Kriegsende, als die alten ständestaatlichen Seilschaften wieder funktionierten, porträtierte Ambrosi sofort die neuen Machthaber Renner, Raab und Schärf.

Wer aber war dieser Gustinus Ambrosi wirklich? Als Sohn eines k.u.k. Hauptmanns, Chorleiters und Komponisten 1893 in Eisenstadt geboren, fiel er schnell durch seine besondere musikalische Begabung auf. Bereits als Sechsjähriger spielte er in Quartetten die Geige, erkrankte aber 1900 an einer Gehirnhautentzündung und wurde exakt an seinem siebenten Geburtstag völlig taub. „Das letzte, was ich hörte, war die Stimme des Arztes: Gnädige Frau, meine Kunst ist zu Ende, er muss sterben. Gestorben ist aber nur meine liebe arme Geige, die ich dann zertrümmerte“, erinnerte Ambrosi sich Jahrzehnte später. Nun besuchte er die Taubstummenschule in Prag und wurde Lehrling im größten Prager Bildhauer- und Stuckateurunternehmen Jakob Kozourek. Als sein Vater 1908 starb, übersiedelte die Familie nach Graz, wo der junge Ambrosi seine Lehre bei der Firma Suppan, Haushofer & Nikisch fortsetzte und nebenbei auch die Meisterklasse für Modelleure besuchte. Der Lehrling war gerade 15 Jahre alt, als neben ihm ein Dachdecker in den Tod stürzte. „Noch sehe ich diesen Menschen, sich dreimal überschlagend, in die Tiefe fallen ... Der Anblick des Entseelten, der mit geöffnetem Munde dalag, als wollte er noch etwas ... sagen, ergriff mich derart, dass ich dieses Werk schaffen musste.“ Dieses Werk ist Ambrosis „Mann mit dem gebrochenen Genick“, eine Plastik, die ihm ersten Ruhm brachte und die Aufnahme in die Genossenschaft bildender Künstler Steiermarks.

1912 erhielt er den Staatspreis für Plastik und 1913 von Kaiser Franz Joseph ein Staatsatelier auf Lebenszeit. Also übersiedelte der junge Mann nach Wien und studierte als außerordentlicher Hörer an der Akademie der bildenden Künste, heiratete 1918 zum ersten und 1922 zum zweiten Mal. Erst in seiner dritten Ehe mit Berta Mayer fand er ab 1928 sein Lebensglück. In der Zwischenkriegszeit arbeitete Ambrosi in halb Europa, und wirkte auch als Lyriker und Philosoph. 1925 beauftragte man ihn, als Kommissär Österreich bei der 3. Biennale in Rom zu vertreten, wo er Künstler wie Alfons Walde, Gustav Klimt, Egon Schiele und Alfred Kubin präsentierte. 1938 bekam er, wie schon erwähnt, Schwierigkeiten wegen seiner Nähe zum Dollfuß-Regime. Zwar schätzten Hitler und Albert Speer Ambrosis pathetischen Stil, aber die großen Aufträge blieben aus und er wurde auch nicht in die Partei aufgenommen. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörten Bombentreffer Ambrosis Staatsatelier im Wiener Prater und vernichteten 663 seiner Werke.

1951 beschloss der Ministerrat einstimmig, Ambrosi mit einem Neubau zu entschädigen, doch der Zeitgeist der Moderne war nun gegen ihn. 1963 klagte er den Kunstkritiker Alfred Schmeller, später Leiter des Wiener Museums des 20. Jahrhunderts, weil er ihn „einen Bildhauer mittlerer Güte“ genannte hatte. Die Medienberichte über den Prozess kratzten aber sehr am Ruf Ambrosis, auch der Auftrag für ein Haydn-Denkmal in Eisenstadt wurde ihm entzogen. Der Altmeister zog sich verbittert zurück nach Stallhofen in der Weststeiermark, eine Gegend, die er seit der Jugendzeit kannte und liebte. Mit 76 Jahren kaufte er hier ein Grundstück und begann seinen Alterssitz im toskanischen Stil nach eigenen Plänen inmitten eines Parks zu bauen. Doch im Winter 1974/75 erkrankt er an einer Lungenentzündung, durch ein Medikament verlor der taube Künstler nun auch noch den Geschmacks- und Geruchssinn, auch seine Kräfte schwanden immer mehr. Am Morgen des 30. Juni 1975 nahm er sich aus dem Giftschrank seines Ateliers ein Fläschchen Kupfervitriol, trank einen Viertelliter davon und starb am nächsten Tag.

Gustinus Ambrosi liegt in einem Ehrengrab der Stadt Graz auf dem St. Leonhardfriedhof begraben. Sein Haus in Stallhofen wurde von seiner Gattin fertig gebaut und dient heute nicht nur als Trauungssaal der Gemeinde, sondern mit seinen vielen Kunstwerken, Porträtsammlungen und der Original-Einrichtung auch als sehenswertes Ambrosi-Museum (Besichtigung nach Voranmeldung unter Tel. 03142-22038 oder 0664-92 50 333 möglich).

Gustinus Ambrosi. Der Mann mit dem gebrochenen Genick
Gustinus Ambrosi. Der Mann mit dem gebrochenen Genick
© R. Engele
Austinus Ambrosi im Museum Stallhofen
Austinus Ambrosi im Museum Stallhofen
© R. Engele
Austinus Ambrosi. Papst Pius XII.
Austinus Ambrosi. Papst Pius XII.
© R. Engele
Austinus Ambrosi. Denkmal
Austinus Ambrosi. Denkmal
© R. Engele



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele