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Wie aus den Sumpfwiesen ein Kurort wurde#

1834 wurden die sauren Wiesen von Gleichenberg trockengelegt, die lange vergessenen Quellen des Heilwassers gefasst und großzügig ein Kurort angelegt, den Europas Hochadel gerne besuchte.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Römer-Brunnen
Römer-Brunnen
© MANG

„In einer von Wald umgebenen sumpfigen Wiese erkannte man an aufperlenden Kohlensäurebläschen jene Stelle, an der die Heilquelle dem Schoße der Erde entsprang“, berichtete Georg Ensbruner zur 100-Jahrfeier der Gründung des Heilbades Gleichenberg 1934 in seiner Broschüre „Geschichtliches über Bad Gleichenberg und dessen Umgebung“. „Nur die Bauern der näheren Umgebung kannten damals die Quelle; auf Brettern gelangten sie zu ihr und trugen in Krügen das köstliche Wasser als erfrischenden Zusatz zu ihrem Getränke oder als Heilmittel bei Erkrankungen der Atemwegsorgane heim.“

Zwar hatten schon die alten Römer diese Heilquellen genutzt, das Wissen darüber war aber während der Völkerwanderungszeit weitgehend vergessen worden. Den entscheidenden Fund für die römische Nutzung des Gleichenberger Sauerwassers machte man 1845 mit dem „Römer-Brunnen“, einem gut erhaltenen Brunnenkranz in vier Meter Tiefe, der 74 römische Münzen und 12 versteinerte Haselnüsse aus dem 1. bis 4. nachchristlichen Jahrhundert enthielt.

Constantins-Quelle
Constantins-Quelle
© MANG

Erst als Maria Theresia die Heilquellen ihrer Länder näher untersuchen ließ, kam es 1772 zur ersten Analyse der Gleichenberger Quellen - mit sehr erfreulichem Ergebnis. Erste Versendungen des Mineralwassers nach Italien wurden aber bald wieder wegen Unrentabilität eingestellt. Dann kam der Grazer Arzt Doktor von Frauenberg auf die Idee, das heilende Wasser gleich an Ort und Stelle zu trinken, denn er litt unheilbar an den Folgen einer schweren Lungen- und Rippenfellentzündung. Er quartierte sich in der Gegend ein und kam fünf Wochen lang täglich zur Trinkkur zur Sulzleitenquelle - danach kehrte er geheilt nach Graz zurück. Eine geschäftstüchtige Kaufmannsfrau namens Johanna Reybauer aus Marburg las davon 1815 in der Grazer Tageszeitung „Der Aufmerksame“ und kaufte kurzerhand die Sulzleitenquelle. Dazu pachtete sie die Stradener Quelle auf 30 Jahre und durfte sie seit 1819 Erzherzog Johann zu Ehren „Johannisbrunnen“ nennen. Jahr für Jahr wurden 30.000 Flaschen des Heilwassers verschickt, 1837 waren es bereits 68.840 Stück, Tendenz steigend. Immer mehr Ärzte wurden auf das Heilwasser aufmerksam und Dr. Ignaz Werlé, ein Schwager Erzherzog Johanns, verfasste eine Schrift über seine günstige Wirkung. Auch machte er den damaligen Gouverneur der Steiermark, Matthias Constantin Capello Reichsgraf von Wickenburg, auf die große Heilkraft der Gleichenberger Quellen und die klimatischen Vorzüge der Region aufmerksam. 1833 besichtigten die zwei Herren die Quellen und Graf Wickenburg war so begeistert, dass er diesen Naturschatz der Allgemeinheit zugänglich machen wollte. Zur Finanzierung der ersten Infrastruktur und zur Trockenlegung der einst sumpfigen Gebiete gründete er 1834 einen Actienverein und kaufte mit Hilfe bekannter Persönlichkeiten die Quellen samt den umliegenden Grundstücken. Nun ging es Schlag auf Schlag. Die Quellen wurden zweckdienlich gefasst, 1836 errichtete der Grazer Zimmermeister Ohmeyer das erste Gebäude Gleichenbergs für Kurgäste, dessen erste Besucher Graf Wickenburg samt Familie und Fürst Carl von Liechtenstein waren. 1837 legte man die sumpfigen Wiesen trocken, welche die Quellen umgaben. Ein prächtiger Park mit vielen exotischen Gewächsen wurde im selben Jahr als „grüner Salon“ von der Gattin des Grafen Constantin von Wickenburg, Emma, angelegt. Nach beiden wurde das Wasser der zwei ergiebigsten Quellen benannt: Constantin- und Emmaquelle.

Ria Mang Gründerin und Leiterin des Curmuseums Bad Gleichenberg
Ria Mang Gründerin und Leiterin des Curmuseums Bad Gleichenberg
© R. Engele

Im selben Jahr begann auch die erste Kursaison mit 118 Gästen, „von denen zwei Drittel Brustkranke waren, welche teilweise gründlich geheilt, teils wesentlich gebessert die Anstalt verließen“, heißt es im „Jahrbuch der in- und ausländischen Medicin“ aus dem Jahr 1840. Ein Badehaus wurde errichtet, in dem neun Kabinen mit 16 Holzwannen untergebracht waren. Unterkünfte für Kurgäste, Pavillons, Kaffeehaus, Kirche, Kloster. Hospital, Hotels und eine Schweizerei wurden errichtet. „Die Trinkkur frühmorgens um 7 Uhr war ein gesellschaftliches Ereignis, das einer fixen Zeremonie folgte: Mit einem Glas Wasser in der Hand, für dessen schluckweise Leerung man sich eine halbe Stunde Zeit lassen sollte, promenierten die Herrschaften auf den Promenaden des Kurparks - stets begleitet von der Kurmusik“, erzählt Ria Mang, engagierte Gründerin und Leiterin des Curmuseums Bad Gleichenberg, das sinnigerweise in der alten Wandelhalle für Trinkkuren untergebracht ist.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele