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Wie die Erdäpfel in die Steiermark gekommen sind#

Lange Zeit wurden Erdäpfel bei uns nur als Schweinefutter eingesetzt. Erst nach der Hungerkatastrophe von 1816/17 führte sie Erzherzog Johann als Volksnahrungsmittel der Steirer ein - und den Sterz gleich dazu.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Bild 'Kartoffel'

Die Jahre 1816 und 1817 sind weltweit als „Hungerjahre“ oder „Elendsjahre“ in die Geschichte eingegangen. Die Witterung hatte sich auffällig verschlechtert. Im Juni und Juli 1816 regnete es fast pausenlos. In ganz Mitteleuropa kam es zu schweren Unwettern, Flüsse traten über ihre Ufer. In der Schweiz schneite es jeden Monat mindestens einmal bis auf 800 Meter und im Juli sogar bis in tiefe Lagen. Gewitterstürme und Hagel vernichteten große Teile der Ernte, notierte der Nördlinger Stadtschreiber Johannes Müller in seiner Stadtchronik. Bereits am 14. September gab es den ersten Frost und ab 12. November wurde der noch nicht eingebrachte Teil der Ernte unter einer Schneedecke begraben. Hungersnot brach aus, die durch die Napoleonischen Kriege ohnehin ausgebluteten Länder verarmten immer mehr.

Dem Nördlinger Stadtschreiber fiel aber auch auf, dass die Sonne nur fahl und verschleiert am Himmel stand - und durch ein mit Ruß bestrichenes Glas erblickte er Flecken auf dem Himmelskörper: Heute weiß man, dass 1816 ein Jahr maximaler Sonnenfleckentätigkeit war, das heißt, dass auf der Sonne enorme Stürme tobten, welche die Oberflächen-temperatur stark abkühlten.

Was Müller nicht wissen konnte, war dass 1815 auch der 4000 Meter hohe Vulkan Tambora in Indonesien ausgebrochen war - der stärkste Vulkanausbruch in der Geschichte überhaupt. Ein gewaltiger Aschenmantel breitete sich in der Erdatmosphäre aus und ließ in der Folge die Temperatur weltweit um weitere 1,5 Grad Celsius absinken. Beide Naturphänomene zusammen waren der Grund, dass 1817 weltweit das „Jahr ohne Sommer“ genannt wird.

Bild 'Kartoffel4'

Im März und April dieses Jahres wurden in der Obersteiermark auch noch mehrere Erdbeben registriert. Die zahlreichen Missernten führten zu einer schrecklichen Hungersnot, ganze Grundstücke tauschte man für einige Laib Brot. In den Notstandsgebieten der Obersteiermark verteilte Erzherzog Johann persönlich Erdäpfel an die Bauern. Aus dieser Notsituation heraus rief der „Grüne Prinz“ eine „Kartoffelunterstützungsanstalt“ ins Leben. Die den Steirern so fremde Knolle war zwar schon von Maria Theresia in Österreich eingeführt, aber von der breiten Bevölkerung nie akzeptiert worden. Einzig als Schweinefutter verwendete man sie. Nun ließ der Erzherzog bessere Sorten aus England, Schottland, aus Brasilien und Holland kommen. Auch importierte Johann neue Maissorten aus Amerika - erst dadurch konnte sich der „Sterz“ als traditionelle Speise der Steirer entwickeln. Anbauflächen wurden gepachtet, das Saatgut für den Erdäpfelanbau kostenlos beigestellt und an alle Interessierten abgegeben. Der Ertrag in Tragöß beispielsweise war besonders hoch: von 28 Metzen Samenkartoffeln erhielt man dort 522 Metzen, also fast die 19fache Menge. „Metzen“ war ein altes Getreidemaß und entsprach in Österreich 61,48 Litern. Bis 1829 waren Erdäpfel schließlich in allen Teilen der Steiermark verbreitet und wurden allmählich zum Hauptnahrungsmittel der Armen, da man für den Anbau weder besonders gute Erde noch teure Geräte oder Zugtiere benötigte - die „Kartoffelunterstützungsanstalt“ des Erzherzogs hatte ihren Zweck erfüllt.

Mit einem genialen „Marketingtrick“ hatte übrigens König Friedrich II. von Preußen die Kartoffeln in seinem Land eingeführt:1756 gab er den ersten seiner „Kartoffelbefehle“ aus, doch die sturen Bauern wollten das fremde Gewächs nicht anpflanzen. Also griff er zu einer List, ließ in seinen Gärten rund um Schloss Sanssouci in Potsdam Erdäpfel anpflanzen und von Gardesoldaten bewachen, die sich aber in der Nacht schlafend stellten. Die Bauern der Umgebung waren neugierig geworden auf diese scheinbar so wertvollen Pflanzen, die der König schwer bewachen ließ, stahlen die fremden Feldfrüchte - und lernten sie schätzen.


Saatkartoffelausgabe
Saatkartoffelausgabe
Bild 'Kartoffel2'
Die Kartoffelesser. Vicent van Gogh. 1885.
Die Kartoffelesser. Vincent van Gogh. 1885.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele