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„Hos’n obi“ oder „Hos’n auffi?“ – das war die Frage#

40 Jahre hat der „steirische herbst“ dieser Tage auf dem Buckel. Zeit für einen Blick auf die Skandale der wilden Anfangsjahre.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


„Gespenster“
„Gespenster“: der Skandal von 1975 mit Krista Stadler (links) und Erhard Koren.
© REPRO TROPPER
Plakat
Das Plakat des Anstoßes aus dem Jahr 1972.
© SCHNEIDER
Hanns Koren
Hanns Koren, „herbst“- Gründer.
© STEIRISCHER HERBST

Vier Jahre lang hatte man dem „steirischen herbst“ seine künstlerische Narrenfreiheit gegönnt. 1972 ging dann das Fass des angestauten Volkszorns über.

Ein Werbeplakat für das damals wohl bekannteste Avantgarde-Festival im deutschen Sprachraum war der Stein des Anstoßes. Darauf von hinten zu sehen: Ein stärkerer Mann, der sich – ja, was nun? – seine Hose rauf- oder eben runterzieht. Ganz diskret, ohne dass man auch nur irgend etwas Nacktes sehen konnte. Aber damals genug für einen handfesten Skandal, der die „gesunde“ Volksseele zum Kochen brachte: „Abstoßend“, „Unerhört, es fehlt nur noch, dass er die Hose herunterlässt“, überschlugen sich die Leserbriefe in der Tagespresse.

Drei Jahre später schlugen die selbst ernannten Retter der abendländischen Kultur wieder zu. Steirische Adelige, rechte Recken, empörte Kirchenleute bildeten mit „Tagespost“- Redakteur Wolfgang Arnold eine Allianz gegen kulturellen Schund, sammelten Unterschriften und setzten die Landeshauptmannpartei ÖVP unter Druck.

Diesmal hatte der Aufruhr mit der Aufführung der „Gespenster“ von Wolfgang Bauer im Grazer Schauspielhaus begonnen. Darin schildert der Autor die Schreibschwierigkeiten eines Dramatikers und die Alkohol- und Sexual- Exzesse seiner fadisierten Clique. Die nackten Tatsachen wurden zum Skandal. Als dann das Stück im ORF übertragen wurde, erregten sich Österreichs Sittenapostel vollends. Pornojäger Martin Humer erstattete Anzeige, Wolfgang Arnold beschimpfte in der „Tagespost“ die Zuschauer als „Saubartel“. Hanns Koren, Gründer des „steirischen herbstes“, Kulturlandesrat und Landtagspräsident, machte man für diese „Pornographie im Fernsehen“ persönlich verantwortlich.

Jetzt riss dem Grazer Autor und Bauer-Freund Gerhard Roth die Geduld. Er schrieb einen offenen Brief gegen Arnold und „das Schnauben, das aus der rechten Ecke zu vernehmen ist“. Arnold klagte, Roth wurde wegen Ehrenbeleidigung verurteilt. Die herbst-Gegner gründeten den „Steirischen Frühling“.

Aber noch war nicht Ruhe angesagt: 1988 hatte Hans Haacke ein Denkmal zum 50. Anschluss-Jahrestag aufgestellt und für Aufruhr gesorgt. Seine „Siegessäule“ fiel einem Brandanschlag zum Opfer. Aber das war nicht mehr skandalös genug, jetzt hieß es: „Ja, früher war die Kunst noch aufregend im steirischen herbst, heute is sie fad geworden.“



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele