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Befreiungsdenkmal ("Russendenkmal")#

Befreiungsdenkmal, Russendenkmal
Foto: P.Diem

Offiziell findet man verschiedene Bezeichnungen: (Russisches) Befreiungsdenkmal, Russisches Heldendenkmal und Denkmal der Roten Armee. Die Wiener nennen das hochaufragende Monument am südlichen Ende des Schwarzenbergplatzes meist ein wenig abschätzig „Russendenkmal". Das Denkmal, das an die 18.000 (!) bei der Befreiung von Wien gefallenen Soldaten der Roten Armee erinnert, geht auf einen Entwurf von Major Sergej Jakowlew zurück, der im Zivilberuf ein prominenter Moskauer Architekt war. Die Gesamtleitung des als erstes Bauwerk nach Kriegsende am 19. August 1945 vollendeten Monuments hatte Alexandr Scheinfeld, ebenfalls ein als Offizier dienender Moskauer Architekt. Die 15 Tonnen wiegende Bronzefigur wurde von 40 Mitarbeitern der Wiener Vereinigten Metallwerke in Erdberg gegossen, wobei auch noch übriggebliebene Hitlerbüsten Verwendung fanden.

--> Näheres bei Portisch, Österreich II, a. a. O., 410 ff.

Auf einem insgesamt 20 Meter hohen, marmorverkleideten Sockel, im unteren Teil in Form eines fünfzackigen roten Sterns, verziert durch Fahnen und Gardeabzeichen, steht die 12 Meter hohe Figur eines Rotarmisten. Der Soldat trägt einen vergoldeten Helm und die bekannte russische Maschinenpistole mit Rundmagazin. Mit der Rechten umfasst er die Fahne, mit der Linken hält er einen runden goldenen Schild mit dem Sowjetwappen. Im Hintergrund erhebt sich eine breite, acht Meter hohe Balustrade, an deren Enden sich je eine Gruppe von zwei kämpfenden Männern befindet - ein Paradebeispiel für sozialistischen Realismus, der allmählich zur kunstgeschichtlichen Rarität wird. Eine der Inschriften in russischer Sprache lautet übersetzt:

Ewiger Ruhm den Helden der Roten Armee, gefallen im Kampf gegen die deutsch-faschistischen Landräuber für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas (Michalkow).

Das Monument befindet sich in der Obhut der Gemeinde Wien. Österreich ist bekanntlich nach den detaillierten Bestimmungen in Artikel 19 des Staatsvertrags vom 15. Mai 1955 verpflichtet, Kriegsgräber und Kriegsdenkmäler der alliierten Mächte auf österreichischem Boden „zu achten, zu schützen und zu erhalten".

Hochstrahlbrunnen
Foto: P. Diem

Vor dem Befreiungsdenkmal erhebt sich der anlässlich der Vollendung der Ersten Wiener Hochquellenwasserleitung am 24. Oktober 1873 in Anwesenheit des Kaisers in Betrieb gesetzte Hochstrahlbrunnen, der nach den ursprünglichen Plänen vor der Votivkirche, dann vor dem Neuen Rathaus stehen hätte sollen. Der Erbauer der Wasserleitung und des Brunnens, Anton Gabrielli, war ein Freund der Astronomie. Demgemäß symbolisiert die jeweilige Zahl der Wasserstrahlen die Tage des Jahres, die Monate, die Monatstage, die Wochentage und die Stunden des Tages.

Rotarmist
Foto: P.Diem

Zwischen 1945 und 1956 stand vor dem Brunnen auf dem damaligen „Stalinplatz" ein russischer Panzer, der sich jetzt im Heeresgeschichtlichen Museum befindet. Manchmal führt die Erinnerung an die schlechten Erfahrungen, die die Österreicher mit den Besatzungssoldaten - insbesondere mit den sowjetischen - in den zehn Jahren der alliierten Besetzung gemacht haben, zum offenen Ressentiment gegen Mahnmale wie das „Russendenkmal". Dennoch - je größer der Abstand zur Kriegs- und Nachkriegszeit wird, desto mehr müsste man sich doch eigentlich darüber Rechenschaft geben, wieviel unschuldiges Blut gerade die Völker der ehemaligen Sowjetunion im Kampf gegen die Hitlerherrschaft geopfert haben, und wie wenig das österreichische Volk zu seiner eigenen Befreiung beigetragen hat. Solche Gedanken werden einem in den Sinn kommen, wenn man sich etwas Zeit nimmt, die kyrillischen Goldbuchstaben an einem „Russendenkmal" zu entziffern - egal ob an jenem am Wiener Schwarzenbergplatz oder irgendwo draußen in den weiten Gefilden Niederösterreichs, wo bis hinauf ins Waldviertel noch kleine sowjetische Soldatenfriedhöfe bestehen.

Stark im Gedächtnis geblieben ist den Wienern der Mord an der 21-jährigen Modeschülerin Ilona Faber, deren halbverscharrte Leiche am Morgen des 15.4. 1958 gefunden worden war. Ein weiteres Vorkommnis war die Entdeckung einer "Höllenmaschine" am 18.8.1962. Hinter dem Denkmal waren in einer Sporttasche 5 Kilo Sprengstoff (TNT) deponiert worden. Nach der Entdeckung der Tasche konnte der Zündmechanismus rechtzeitig abgeschaltet werden - bei einer Detonation wäre vermutlich der Obelisk des Denkmals eingestürzt. Nach zwei weiteren Sprengstoffanschlägen in Oberösterreich 1963 konnten die italienischen Behörden die Hintergründe der Anschläge klären. Aufgefundene Ausweise führten zu einer Organisation namens "Giovane Italia". Auf Grund von Hausdurchsuchungen konnte der damals 24-jährige Giorgio Massara als Haupttäter dingfest gemacht werden. Er starb kurz nach seiner Verurteilung eines ungeklärten Todes.

Eine Umfrage des Gallup-Instituts, veröffentlicht im „Standard" am 11. Februar 1992, wies nach, dass das Denkmal 71 Prozent der Wiener bekannt ist. Eine deutliche Mehrheit (59 Prozent) ist für die Erhaltung des Denkmals. Nur 9 Prozent der 1.000 Befragten stimmten der Meinung zu, das Denkmal solle als Überrest des Stalinismus beseitigt werden. Haben die Österreicher also doch ihren Frieden mit der Zeitgeschichte geschlossen?


Standort: Wien 3, Schwarzenbergplatz

--> Literatur: Matthias Marschik/Georg Spitaler (Hg.): Das Wiener Russendenkmal, Turia+Kant, Wien, 2005

Redaktion: P. Diem