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Das Leben im Meer erstickt#

Überdüngung lässt den Sauerstoff schwinden - die Tierwelt wird rasch ausgelöscht und die Wiederbesiedelung braucht Jahre.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 24. Juli 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Vielfalt in den Tiefen der Meere
Die Vielfalt in den Tiefen der Meere ist aufgrund von Sauerstoffmangel gefährdet.
© Corbis/Seishi Nakano

Wien. (gral/apa) Genauso wie der Mensch benötigen auch Meeresbewohner und -organismen Sauerstoff zum Leben. Doch dieser scheint sich in gewissen Regionen der Weltmeere massiv zu dezimieren. Etwa 500 solcher sogenannten Todeszonen sind weltweit bekannt. Der Tod kommt dort nicht schleichend, sondern tritt innerhalb von Stunden bis Tagen ein. Allerdings dauert es Jahre bis zur Wiederansiedlung, haben Wiener Meeresbiologen herausgefunden.

Wärme und Nährstoffe#

"Vor allem im Sommer mischt sich das sehr warme Wasser an der Oberfläche nicht mit den kalten Schichten in der Tiefe, und es kommt kaum Sauerstoff zum Meeresboden nach", erklärt Michael Stachowitsch vom Department für Limnologie und Bio-Ozanographie der Universität Wien. Und je wärmer das Wasser, desto weniger Sauerstoff kann sich darin lösen. Durch zusätzliche Überdüngung, also wenn zu viele Nährstoffe in das Meer gelangen, würde dort rasch ein Mangel an dem lebensnotwendigen Gas entstehen. Das Zuviel an Nährstoffen aus der Landwirtschaft lässt etwa Cyanobakterien in Form von Blaualgen sprießen, die sich rasch vermehren und Sauerstoff verbrauchen.

Was in der Natur auf quadratkilometergroßen Gebieten am Meeresboden tatsächlich mit den Meeresbewohnern passiert, hat Stachowitsch mit seinem Team im Mittelmeer in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt erforscht. Die Wissenschafter setzten in der slowenischen Adria Plexiglas-Würfel von einem halben Meter Seitenlänge in 24 Metern Tiefe auf den Meeresboden. Während in den Kammern nach und nach der Sauerstoff aufgebraucht wurde, haben Zeitrafferkameras und Sauerstoffmessgeräte die Entwicklung festgehalten.

"Die Tiere, die dort leben, das sind Würmer, manche Seeigeln und viele Muscheln, kamen an die Oberfläche, wo sie normalerweise ein bisschen mehr Sauerstoff erwarten können", erklärte der Meeresbiologe. So hoben etwa Schlangensterne ihre Körperscheiben an, indem sie mit hochgestellten Beinen umherstelzten. "Sie versuchen damit, ihre Atemorgane in höhere Wasserschichten zu bringen, denn oft ist die Sauerstoffabnahme nur ganz unten so gravierend, dass es schon viel bringt, wenn die Tiere 20 Zentimeter höher kommen", so Stachowitsch.

Ebenso krochen die Schnecken nach oben und sammelten sich an der Decke der Kammer. "Manche der Tiere, die normalerweise nur am Boden herummarschieren, versuchten, ins Wasser heraufzuschwimmen, aber die meisten sind dafür nicht gebaut."

Am empfindlichsten waren die kleinen Fische, die in der Kammer gefangen waren. Sie starben als erste, dokumentierten die Forscher. Als nächste erwischte es die Seesterne, auch Krebse und Garnelen zeigten sich sehr anfällig. Am resistentesten waren einige Wurmarten und Schnecken, doch auch sie raffte letzten Endes der Sauerstoffmangel dahin.

Boxkampf für Ökosysteme#

"Diese Resultate untermauern, dass solche seichten Küstengebiete als empfindlich einzustufen sind und größere Anstrengungen unternommen werden müssen, um sicherzustellen, dass weitere Störungen wie schädliche Fischereimethoden nicht die Schäden erhöhen und die Erholungsphasen verlängern", so die Forscher.

Als die Biologen die Plexiglasboxen wieder wegnahmen, kamen zwar Fische, Einsiedlerkrebse und Schnecken, um die toten Tiere zu verzehren. Dennoch konnten sich die betroffenen Gebiete nicht so schnell wieder erholen. Auch nach zwei Jahren konnte noch keine Wiederbesiedelung der Bodenfauna festgestellt werden, heißt es in der Studie.

"Der Tod kommt also schnell und geschieht innerhalb von Stunden und Tagen, aber die Wiederbesiedlung dauert Jahre", sagte Stachowitsch. Neben der Überdüngung würden überdies auch Schwermetalle, fallweise Radioaktivität und andere Schadstoffe die Tiere schwer belasten. Zum Beispiel sei im Golf von Mexiko die Deepwater Horizon Ölkatastrophe am selben Ort passiert, wie eine große Sauerstoffkrise. "Für die Meeresökosysteme ist das wie in einem Boxkampf, wo man einmal einen Schlag von links kriegt, und gleich darauf auch noch einen Haken von rechts", erklärte der Wissenschafter.

Dehnen sich die Todeszonen im Meer weiter aus, dann wird dies auf Dauer zu einer Abnahme der Fischbestände führen. Wachsen sie gar zusammen, bedeutet dies eine weitere Erschwernis für das Leben in den Weltmeeren, warnen Forscher.

Wiener Zeitung, Freitag, 24. Juli 2015