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An der schönen wilden Donau#

Wissenschafter rekonstruierten den Verlauf des Stroms Donau im Raum Wien seit dem Beginn der Neuzeit#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 19. September 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Jahrhundertelanges Ringen der Wiener mit einem äußerst dynamischen Gewässer.#

Der Verlauf der Donau bei Wien, das europaweit eine spezielle Lage aufweist, veränderte sich ständig., Grafik: © apa/B. Lager & S. Hohensinner
Der Verlauf der Donau bei Wien, das europaweit eine spezielle Lage aufweist, veränderte sich ständig.
Grafik: © apa/B. Lager & S. Hohensinner

Wien. (apa/ski) Leicht hatten es die Menschen im Land am Strome früher nicht. Denn das Gewässer, nach dem der bekannteste Strauß-Walzer benannt ist, bescherte ihnen im Lauf der Geschichte oft Probleme. In der Fachzeitschrift "Water History" legten österreichische Forscher jüngst dar, wie sich der Verlauf der Donau im Raum Wien allein seit dem Beginn der Neuzeit wandelte. Daraus erklärt sich auch, warum sich das Wiener Zentrum etwas abseits vom Flachland um den Hauptstrom entwickelt hat.

Vor allem die Gebiete der heutigen Wiener Bezirke Leopoldstadt und Brigittenau litten immer wieder unter Überschwemmungen. Das besonders heftige Hochwasser im Winter 1830 hat der Dichter Franz Grillparzer in seiner Novelle "Der arme Spielmann" thematisiert. Als damals ein Damm aus Eisschollen, der das Wasser oberhalb von Wien aufgestaut hatte, brach, ergoss sich eine eiskalte Flutwelle über die Stadt, richtete verheerende Schäden an und kostete nur in der Leopoldstadt 70 Menschen das Leben. Eine Markierung des Wasserstandes von 1830 findet sich an der Innenseite des Augarten-Haupttors.

Den wechselnden Donau-Verlauf haben Wissenschafter um Verena Winiwarter vom Zentrum für Umweltgeschichte der Universität Klagenfurt, das in Wien ansässig ist, erforscht. Alte Karten, Berichte, Rechnungen für Brücken- und Regulierungsbauten und auch Gerichtsakten dienten als Quellen. "Man fängt dazu in der Gegenwart an, denn man weiß ja, wie die Gegend heute aussieht, geht dann in der Zeit zurück und sucht Schritt für Schritt nach der nächsten historischen Quelle", erklärte die Expertin. Man könne freilich Karten und Berichte aus dem 16. Jahrhundert nicht einfach für bare Münze nehmen, sondern müsse die Sichtweise der Chronisten berücksichtigen, sagte ihr Kollege Martin Schmid.

So ist zum Beispiel auf einer Karte aus dem Jahr 1601 der Wiener Arm (der Vorläufer des heutigen Donaukanals) als breiter, geradlinig fließender Strom eingezeichnet, während der sogenannte Wolfsarm auf der Zeichnung als mickriges Flüsschen im rechten Winkel nach Norden abzweigt, erklärte Severin Hohensinner vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement der Universität für Bodenkultur Wien: "Die Leute haben den Fluss aber nicht so gezeichnet, wie er damals war, sondern wie sie ihn haben wollten." Tatsächlich war damals der Wolfsarm der Hauptarm, und der Wiener Arm drohte zu versanden. Das gefiel aber den Wienern gar nicht, denn sie brauchten den Fluss nahe der Stadt - etwa als Transportweg und zum Schutz bei Angriffen der osmanischen Heere.

Jahrhundertelang versuchten die Wiener, das Wasser mit Regulierungsbauten oberhalb der Stadt bei Nussdorf wieder in den Wiener Arm zu leiten - eine Sisyphusarbeit. "Wenn man in den Berichten nachliest, verzweifelt man fast selbst: Wenn die Bauwerke nicht im selben Jahr von einem Hochwasser weggeschoben wurden, dann hat die Donau sie in zwei bis drei Jahren nach und nach abgetragen", so Hohensinner. Auch die Brücken über die vielen Flussarme hielten meist nur ein paar Jahre.

Ständigem Wandel war auch die Aulandschaft unterworfen. Die Donau spülte Inseln weg und ließ sie anderswo wieder entstehen, egal ob diese laut Besitzurkunden diesem oder jenem gehörten. Das führte zu Konflikten, als die Inseln in der Au als Holzquellen wertvoll wurden. So stritten sich zum Beispiel das Stift Klosterneuburg und das Wiener Bürgerspital (eine karitative Einrichtung) über hundert Jahre lang um Inseln, die verschwunden waren oder ihre Form komplett verändert hatten. Die von diesem Rechtsstreit erhaltenen Texte und Skizzen halfen den Forschern, die Flusslandschaft des 16. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Christoph Sonnlechner vom Wiener Stadt- und Landesarchiv weiß dabei von folgendem Zwischenfall zu berichten: "Als der Streit 1580 eskalierte, stieg der Propst vom Stift Klosterneuburg sogar in eine Zille und tauchte mit einem Gewehr bei einer Insel auf, die Arbeiter des Bürgerspitals gerade befestigen wollten, er bedrohte sie und beschimpfte sie wüst."

Echte Wirkung hatte erst die große Donauregulierung#

Man sei bisher von einem viel zu statischen Bild der Donau ausgegangen, meinte Hohensinner. "Wien hat europaweit eine spezielle Rolle, weil es eine Großstadt ist und an einem Fluss liegt, der an dieser Stelle noch Gebirgsflusscharakter hat", sagte er. Die Wiener hätten im Wasserbausektor Beachtliches geleistet, "auch wenn ihre Anstrengungen bis zur großen Donauregulierung in den 1870er Jahren meist gar nichts bewirkt haben".

Wiener Zeitung, Donnerstag, 19. September 2013