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Weniger Emissionen trotz Wachstums#

Rückgang der Emissionen allerdings noch nicht dauerhaft - Pflanzen-Photosynthese verändert sich durch CO2 in Atmosphäre.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 5./6. Dezember 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Photosynthese in den Chloroplasten statt - hier im Blatt von Laubmoos
Bei Pflanzen findet Photosynthese in den Chloroplasten statt - hier im Blatt von Laubmoos. Der Klimawandel verändert diesen lebenserhaltenden Prozess.
© Kristian Peters/Fabelfroh/wiki commons

Paris/Wien. (est) In der entscheidenden zweiten Woche des Pariser Klimagipfels geht es um die Einigung auf einen Weltklimavertrag. Sollte kein Papier zustande kommen, das die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt, "droht die Klimakatastrophe", warnt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon.

Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Forschungsergebnisse des "Global Carbon Project" der Universität Stanford wie eine gute Nachricht aus. Klimaforscher haben berechnet, dass der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe heuer leicht sinken könnte. Weltweit sei von einem Rückgang um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 35,7 Gigatonnen CO2, auszugehen, berichten sie in den Fachzeitschriften "Nature Climate Change" und "Earth System Science Data".

Das besonders Überraschende daran ist, dass der Rückgang trotz des weltweiten Wirtschaftswachstums zu verzeichnen sei. "Während frühere Rückgänge der Emissionen bei Wirtschaftskrisen aufgetreten sind, wäre dies der erste Rückgang in einer Periode starken Wirtschaftswachstums", berichtet Studienleiter Rob Jackson, Professor für Erdsystemwissenschaften an der Universität Stanford in Palo Alto im US-Bundesstaat Kalifornien.

Weniger Kohleverbrauch im Schwellenland China#

Schon 2014 waren die CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen und Industrie mit (ebenfalls) plus 0,6 Prozent nur mehr leicht gestiegen. Das ist eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu den Anstiegen in den zehn Jahren davor, in denen der CO2-Ausstoß um durchschnittlich 2,4 Prozent jährlich zugelegt hatte.

Die neuen Prognosen beruhen auf Daten zum Energieverbrauch in China und den USA, sowie auf dem erwarteten Wirtschaftswachstum im Rest der Welt. Eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des CO2-Ausstoßes spielt das Schwellenland China, das 2014 mit mehr als einem Viertel aller Emissionen der größte Verursacher war. "Die vorhergesagte Abnahme ist größtenteils auf Chinas zurückgegangene Kohle-Nutzung zurückzuführen", erklärt Ko-Autorin Corinne Le Quere von der britischen Universität East Anglia: "Nachdem ein Jahrzehnt lang Chinas Emissionen in einer steilen Kurve angestiegen waren, verlangsamte sich das Wachstum im Vorjahr auf 1,2 Prozent und soll heuer um 3,9 Prozent sinken."

Im Jahr 2014 war China für 27 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich, gefolgt von den USA mit 15,5, der EU mit 9,5 und Indien mit 7,2 Prozent. Bereits 2014 deckte China laut den Forschern seinen Energiebedarf zur Hälfte aus nicht-fossilen Quellen - wie Wasser-, Nuklear-, Wind- und Sonnenenergie. Außerdem kommen im Reich der Mitte immer mehr erneuerbare Treibstoffe zum Einsatz.

Dennoch sei zunächst noch nicht mit einem dauerhaften Rückgang der Emissionen zu rechnen, denn das Wachstum in aufstrebenden Volkswirtschaften beruhe weiter vor allem auf Kohle, erklärt Le Quere. Dass die Emissionen des klimaschädlichen Treibhausgases dauerhaft den Scheitelpunkt überschritten hätten, sei daher unwahrscheinlich.

Zudem sei der Rückgang in manchen Industrieländern immer noch bescheiden. "Die globalen Emissionen müssen auf nahe null abnehmen, um eine Klimastabilisierung zu erreichen. Wir stoßen nach wie vor jedes Jahr massive Mengen CO2 aus - 36 Milliarden Tonnen allein aus fossilen Brennstoffen und der Industrie", warnt die Klimaforscherin. Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre sei nun auf dem höchsten Wert seit mindestens 800.000 Jahren - mit gravierenden Auswirkungen nicht nur für Mensch und Tier.

Pflanzen benötigen das für Mensch und Tier schädliche Kohldioxid, um zu wachsen. Im Prozess der Photosynthese nehmen sie CO2 auf und wandeln es in Sauerstoff um. Je mehr CO2, desto mehr Pflanzenwachstum und desto mehr Sauerstoff in der Atmosphäre: Ein erhöhtes Pflanzenwachstum würde den Klimawandel bis zu einem gewissen Grad abfedern, nehmen viele Forscher an. Jedoch zeigt sich nun, dass das Pflanzenwachstum mit den steigenden CO2-Emissionen nicht mithält, berichten US-Forscher der University of Minnesota in "Nature Climate Change". Hoffnungen, die Vegetation würde den Klimawandel abfedern können, seien zu optimistisch, warnen die Forscher anhand von Satellitendaten. Als Gründe nennen sie Wassermangel durch die Erderwärmung und ein erhöhtes Schadstoffaufkommen.

Vegetation verliert ausgleichenden Effekt#

Schwedische Forscher haben nun überprüft, wie dieser Prozess genau funktioniert. Bisherige Annahmen über die Auswirkungen des höheren CO2-Gehalts in der Atmosphäre auf die Pflanzenwelt hatten sich nur auf Simulationen gestützt. Die Wissenschafter der Universität Umea und der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften konnten sich anhand historischer Proben ein exaktes Bild machen, wie steigende Konzentrationen an Kohlendioxid im Laufe des 20. Jahrhunderts die Photosynthese verändert haben. Die in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften veröffentlichten Ergebnisse werden wohl in künftige Berechnungen zur CO2-Konzentration einfließen.

Bei der Photosynthese regulieren Pflanzen die Aufnahme von Kohlendioxid über einen Prozess namens Photorespiration. Wie an den Proben zu erkennen war, vollbrachten die Gewächse mit zunehmendem CO2-Anstieg immer weniger Photorespiration und immer mehr Photosynthese. Dadurch konnte die globale Vegetation ein Drittel des menschengemachten CO2-Ausstoßes aufnehmen. Allerdings wird mehr Photorespiration durchgeführt, je wärmer es wird. Wenn also die Temperaturen weiter steigen, arbeiten die Prozesse gegeneinander und die Vegetation verliert ihren ausgleichenden Effekt. Ein weiterer Grund, warum Paris nicht in halbgaren Maßnahmen enden darf.

Wiener Zeitung, Sa./So., 5./6. Dezember 2015