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Noch wäre die Erderwärmung aufhaltbar#

"Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten", sagt ein Hauptverantwortlicher für den neuen Weltklimabericht.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Dienstag, 15. April 2014)

Von

Heiner Boberski


Umstellung auf erneuerbare Energien
Die rasche Umstellung auf erneuerbare Energien ist ein Gebot der Stunde.
© apa/dpa/Berg

Berlin/Wien. Während ganze Inselgruppen wie die Malediven um ihre Existenz kämpfen, kamen in Berlin harte Fakten zum Klimawandel, aber auch Vorschläge, wie die Erderwärmung noch gestoppt werden könnte, auf den Tisch. Der neueste Teilbericht des Weltklimarates IPCC (International Panel on Climate Change) hält fest, dass die Emissionen von Treibhausgasen trotz gegenteiliger Bemühungen weiter merklich gestiegen sind. In den Jahren 1970 bis 2000 haben sie um 1,3 Prozent jährlich, von 2000 bis 2010 aber sogar um 2,2 Prozent pro Jahr zugenommen. Im Jahr 2010 trug aus Sicht der Experten zum menschengemachten Treibhauseffekt der Kohlendioxid-Ausstoß 76 Prozent bei, Methan 16 Prozent, Stickstoffdioxid 6 Prozent, die restlichen 2 Prozent entfielen auf spezielle fluorhaltige Gase.

Bis zum Jahr 2100 ist mit einer durchschnittlichen Erwärmung der Luft um 3,7 bis 4,8 Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung zu rechnen. Das Ziel, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, würde das Risiko kaum vorhersehbarer Folgewirkungen des Klimawandels beim Erreichen sogenannter Kipp-Punkte im Klimasystem zu verringern. Beispiele solcher Kipp-Punkte wären das Absterben des Amazonas-Regenwaldes oder das Auftauen von Permafrostböden, Ereignisse, deren Auswirkungen kaum abschätzbar oder beherrschbar wären. Das 2-Grad- Ziel wäre erreichbar, so die Experten, würde die Welt bis Mitte des Jahrhunderts die Treibhausgas-Emissionen um 40 bis 70 Prozent drosseln und bis zum Jahr 2100 nahezu auf null bringen.

Die nötigen Maßnahmen kämen gar nicht so teuer, versichert der Ökonom und Klimaexperte Ottmar Edenhofer, Vorsitzender der Arbeitsgruppe für den jüngsten IPCC-Teilbericht: "Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten." Die Beträge bewegten sich im Rahmen dessen, was bei Steuererhöhungen oder in einer Finanzkrise passiere. Investitionen verstärkt auf erneuerbare Energien zu lenken, sei aber nur möglich, wenn Kohlendioxid in einem internationalem Abkommen einen Preis bekomme, sagte Edenhofer. Es ist ein Dreh- und Angelpunkt - für den Emissionshandel bis hin zu Energiesteuern.

Eine Kernbotschaft, auch für die Entwicklungsländer, laute: Wirtschaftswachstum wird durch Klimaschutzmaßnahmen kaum gebremst. Die Experten empfehlen eine rasche und klare Umstellung der Energiemaßnahmen: Statt der Verbrennung von Kohle, Gas und Öl gehören rasch und vermehrt erneuerbare Energien gefördert. Laut IPCC-Berechnungen wirkt sich der notwendige Wechsel bei einem Wirtschaftswachstum von 1,6 bis 3 Prozent im Jahr nur mit einem Minus von rund 0,06 Prozentpunkten aus.

Etliche Umweltschutz-Organisationen begrüßten diese ökonomische Argumentation. So könnten auch Politiker überzeugt werden, die bisher Investitionen in Klimaschutz als wirtschaftliche Schwächung ihres Landes gesehen haben. "Das ist die Schwelle zum Durchbruch", erklärte etwa Karsten Smid, Klima- und Energieexpertin von Greenpeace: "Wenn man das ernst nimmt, wird es zu einem wirtschaftlichen Umbruch führen."

Da bisherige IPCC-Berichte aber noch zu keiner grundlegenden Veränderung der Klimapolitik in maßgeblichen Ländern geführt haben, herrscht auch jetzt viel Skepsis, denn laut Aussage der Experten wird die Zeit, in der man die Klimaerwärmung noch einigermaßen kostengünstig in den Griff bekommen kann, knapp. "Der Hochgeschwindigkeitszug zur Treibhausgasminderung muss jetzt schnell abfahren, und die Welt muss darauf aufspringen", betonte IPCC-Chef Rajendra Pachauri. Dafür müsse die Welt besser denn je kooperieren. Bis zur Mitte des Jahrhunderts sei es nötig, dass die kohlenstoffarme Energieerzeugung verdreifacht bis vervierfacht wird und auf mehr als 80 Prozent der gesamten Energieerzeugung steigt.

John Kerry, Außenminister der Weltmacht USA, nannte den IPCC-Report einen "Weckruf" für Unternehmen, vor allem im Energiesektor. Es habe bereits "Warnsignal auf Warnsignal" gegeben, die aufgezeigte "globale ökonomische Gelegenheit" sollte ergriffen werden. Der globale Energiemarkt macht derzeit 4,3 Millionen Euro aus, bis 2035 wird auf dem Energiesektor mit Investitionen in der Höhe von fast 12,3 Millionen Euro gerechnet.

In Österreich empfindet Umweltminister Andrä Rupprechter den Bericht als Auftrag zum Handeln. "Die EU muss in den Verhandlungen für eine globale Klimaschutzstrategie eine Vorreiterrolle einnehmen", forderte er, die Zeit bis zur Weltklimakonferenz 2015 in Paris dürfe nicht ungenützt verstreichen. Eine Renaissance der Atomkraft lehnt Rupprechter klar ab, die Trendwende müsse auf erneuerbaren Energieträgern und mehr Energieeffizienz beruhen: "Die Atomkraft ist eine Technologie von gestern."

Landnutzung verändert Klima#

Die veränderte Landnutzung ist einer der wichtigsten Treiber des Klimawandels, stellt ein internationales Forscherteam aktuell im Fachmagazin "Nature Climate Change" fest. Diesem Sektor rechnet man etwa ein Viertel aller Treibhausgas-Emissionen zu. Helmut Haberl vom Wiener Institut für Soziale Ökologie der Universität Klagenfurt, einziger österreichischer Experte in Berlin, arbeitete dort am Kapitel Landnutzung mit. Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase in diesem Bereich, zum Beispiel die Steigerung der Kohlenstoffspeicherung von Wäldern oder die Produktion von Bioenergie, sind auch mit Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit verbunden.

Haberl meint dazu: "Die Veränderung von Ernährungsgewohnheiten in Richtung eines verringerten Konsums tierischer Produkte wie Fleisch und die Verringerung von Lebensmittelabfällen können einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Beim Ausbau der Bioenergienutzung ist Vorsicht geboten: Manche Optionen können einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, andere jedoch die Treibhausgas-Emissionen sogar erhöhen, etwa wenn sie zu einer Entwaldung beitragen."

Wiener Zeitung, Dienstag, 15. April 2014