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Im ungeschützten Paradies#

"Gentechnik kann sich positiv auf die Artenvielfalt auswirken"#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (16. Dezember 2010).

Das Gespräch führte

Stefan Knoll


Josef Glößl
Josef Glößl
© Die FURCHE

Gentechnik muss nicht unbedingt ein Feind der Artenvielfalt sein, wird sie nicht gerade eingesetzt, um reine Monokulturen anzubauen, wie das in Südamerika der Fall ist, meint Josef Glößl. In Europa ist Gentechnik auch wegen der möglichen gentechnischen Manipulation von Tieren in Diskussion.#

Josef Glößl ist Vizerektor der Universität für Bodenkultur in Wien. Er sieht die Gentechnik als nutzbringend für die Artenvielfalt und fordert regionale Erleichterungen bei Zulassungsverfahren.


Die Furche: Die Landwirtschaft gilt als Hauptursache für den Verlust der biologischen Vielfalt, die Gentechnik steigert deren Erträge. Gehen die Bemühungen um höheren Output auf Kosten der Diversität?

Josef Glößl: Die Biodiversität ist im landwirtschaftlichen Kontext grundsätzlich eingeschränkt, weil man eine vergleichsweise kleine Zahl von Kultursorten verwendet und die Begleitfauna und -flora einschränkt. Man kann Landwirtschaft gar nicht betreiben, ohne die Biodiversität am Acker einzuschränken. Ob die Gentechnik hier einen negativen Einfluss hat, kann man diskutieren. Die Gefahr einer Abnahme der Artenvielfalt würde dann bestehen, wenn man durch Gentechnik den großflächigen Anbau von Monokulturen fördert und das mit nur wenigen Sorten macht.

Die Furche:Aber diesen Trend gibt es doch.

Glößl: Er ist vor allem in der Landwirtschaft Nord- und Südamerikas vorhanden. In Europa sehe ich ihn nicht, weil hier gentechnisch veränderte Pflanzen nur auf sehr geringer Anbaufläche verwendet werden. Es war sicherlich in den letzten Jahren im Interesse der großen Konzerne, eine möglichst weite Verbreitung auf großen Anbauflächen mit einer vergleichsweise geringen Anzahl von Sorten zu erreichen. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, die Gentechnik im Sinne einer stärkeren Differenzierung hinsichtlich regional angepasster Sorten und mit mehr Kulturarten einzusetzen. Zukunftsweisende Projekte in diese Richtung gibt es genug, man braucht nur in die Forschungspipeline schauen.

Die Furche: Wie würden diese Alternativen zu den großen Monokulturen aussehen?

Glößl: Wir müssen in Richtung einer "Low-Input"-Landwirtschaft gehen, die mit weniger Dünger, Wasser und Energie sowie ohne Spritzmittel auskommt. Gerade Europa könnte hier mit einer auf Zukunftsfähigkeit ausgerichteten Forschungs-, Innovations- und Agrarpolitik gegensteuern. Wir brauchen Pflanzen, die eine höhere Ertragssicherheit haben, eine geringere Empfindlichkeit gegen Umweltstress wie Trockenheit, Hitze, Kälte und weniger Anfälligkeit gegenüber Schädlingen. Wir brauchen Pflanzen als nachwachsende Rohstoffe mit verschiedenartigen Inhaltsstoffen als Ersatz für Erdöl, um eine ausgeglichene CO2-Bilanz zu ermöglichen.

Die Furche: Designpflanzen aus dem Labor?

Glößl: Die konventionelle Pflanzenzüchtung wird nach wie vor benötigt und ist nicht ersetzbar. Aber sie ist durch die Methoden der Biotechnologie und Gentechnik zu ergänzen. Dadurch kommt man zu neuen Qualitäten von Kultursorten, die bisher nicht möglich waren und die sich letztendlich auch positiv auf die Diversität von Kulturpflanzen auswirken. Ich sage nicht, dass die Gentechnik alleine irgendein Problem löst. Aber sie ist ein unverzichtbarer Mosaikstein im Gesamtkontext.

Die Furche: Gentechnik fördert Diversität?

Glößl: Genau dies kann der Fall sein. Ein Beispiel: Durch herbizidtolerante Pflanzen können mehr Beikräuter unter den Kulturpflanzen aufkommen, da sie mit Herbizid nur dann bekämpft werden müssen, wenn sie zu stark aufkommen und damit zu Unkraut werden. Dies kann zu einer erhöhten Biodiversität bei den Beikräutern führen.

Die Furche: Kritiker meinen, die Erbgutübertragung genetisch veränderter Sorten auf Wildpflanzen bedrohe die Vielfalt.

sinnvoll angewandte Gentechnik
sinnvoll angewandte Gentechnik bei der Förderung der Artenvielfalt in der Landwirtschaft
© Die FURCHE

Glößl: In Europa haben nur wenige Kulturpflanzenarten wild lebende Verwandte, weil deren Ursprung nicht in Europa liegt. Möglich wäre eine Auskreuzung etwa bei Raps. In aller Regel haben Kulturpflanzen keinen Selektionsvorteil gegenüber Wildpflanzen. Sie sind an die Natur so angepasst, dass sie ohne Pflege des Bauern überleben. Kulturpflanzen sind auf bestimmte Ertragsmerkmale gezüchtet, was sich häufig negativ auf die Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflüsse auswirkt. Eine über Gentechnik eingebrachte Eigenschaft, etwa Herbizidresistenz, könnte jedoch einen Selektionsvorteil bieten, der durch Auskreuzung auf Beikräuter übertragen werden könnte. Jener wäre aber nur bei Anwendung von Herbiziden am Feld ein Vorteil, kaum jedoch in freier Natur.

Die Furche: Ein Restrisiko bleibt also? Glößl: Ja, aber um Risiken zu minimieren, gibt es strenge gesetzliche Regelungen, die ausreichend sind. Für die Genehmigung des Inverkehrbringens gentechnisch veränderter Pflanzen müssen wesentlich umfangreichere Auflagen erfüllt werden als bei konventionellen Sorten. Nullrisiko kann es allerdings grundsätzlich keines geben, auch nicht bei konventionell gezüchteten Sorten. Die Furche: Die Zulassungsverfahren in der EU sind restriktiver als jene in den USA.

Glößl: Die Regelungen in Europa sind grundsätzlich sinnvoll. Auf regionaler Ebene sind jedoch oft zusätzliche Hürden aufgebaut, die die Verwendung gentechnisch veränderter Sorten und Freisetzungsversuche für Forschungszwecke praktisch unmöglich machen. Heute ist der Aufwand eines Zulassungsverfahrens in Europa so hoch, dass sich das nur die großen Konzerne leisten können. Wir brauchen Mechanismen, die auch kleinen Züchtern und Unis Chancen ermöglichen. Wenn weiter Blockadepolitik gegen die Gentechnik betrieben wird, werden weiter nur große Konzerne den Markt beherrschen. Manche Kritikpunkte gegen die grüne Gentechnik werden so zur "selffulfilling prophecy".

EU-Regeln: In Europa herrscht aufgrund der kontroversen Standpunkte zur Gentechnik ein rigides Zulassungssystem. Dieses Verfahren wird durch nationale Beschränkungen, wie sie etwa in manchen österreichischen Bundesländern gelten, noch zusätzlich verschärft.

DIE FURCHE, 16. Dezember 2010.