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Green Wash oder wirklich Bio?#

Ob Produkte wirklich nachhaltig sind, hängt vom Transportweg ab.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 1./2. November 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Matthias G. Bernold


Apfel
Apfel
© wz/mozi

Wien. Zwei Plastik-Packungen mit je sechs rotgoldenen, großen Äpfeln. Appetitlich glänzend. Für die Kunden ist auf den ersten Blick kein Unterschied erkennbar. Bei genauem Durchlesen des Etiketts zeigt sich jedoch, dass eine Packung aus dem Mostviertel stammt, die andere aus Chile. Die unterschiedliche Herkunft der Früchte macht einen gewaltigen Unterschied: Der heimische Apfel war gerade einmal dreißig Kilometer unterwegs. Sein Cousin vom anderen Ende der Welt legte hierfür 13.000 Kilometer zurück. Dessen Umweltbilanz ist denn auch - wenig überraschend - ein Desaster.

Es sind Daten und Fakten wie diese, die der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) in seiner aktuellen Studie zusammengetragen hat. Ziel dabei: Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen, dass es bei der Frage, ob ein Produkt als nachhaltig und umweltfreundlich eingestuft werden kann, nicht bloß auf den Herstellungsprozess ankommt, sondern - ganz wesentlich - auch auf die damit verbundenen Transportwege. Hier die sieben wichtigsten Erkenntnisse aus dem Papier:

Regional und saisonal#

Regional und saisonal einkaufen: Rund 30 Prozent der in Österreich transportierten Güter sind Konsumgüter, das sind mehr als 140 Millionen Tonnen pro Jahr. Rund 80 Prozent davon werden mit dem Lkw geliefert. Um bei den eingangs erwähnten Äpfeln zu bleiben: Ein Kilogramm Äpfel aus Neuseeland, die per Schiff nach Europa gelangen, verursacht 513 Gramm CO2, ein Kilo Äpfel per Lkw aus Italien 219 Gramm. Und eine saisonale Ernte aus Wien Umgebung 76 Gramm CO2.

Kennzeichnung der Waren#

Der Lebensmittelhandel in Österreich setzt jedes Jahr rund 1,2 Milliarden Euro mit Produkten aus regionaler Produktion um. Das sind sieben Prozent des Gesamtumsatzes. Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung regionale Produkte schätzt. "Oft verstehen jedoch Produzenten und Händler etwas völlig anders unter ,regional‘ als die Kunden", erklärt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer, der darauf hinweist, dass es derzeit keine verbindliche Regelung darüber gibt, was unter dem Begriff "regional" zu verstehen ist. "Wir finden Gütesiegel sollen Infos zum Transport beinhalten."

Problem: Tiertransporte#

Schlechte Nachrichten für Fleischliebhaber: Die CO2-Bilanz von Schnitzel, Wurst und Co fällt in der Regel immer deutlich schlechter aus als die nicht-tierischer Produkte. EU-weit werden jährlich mehr als 360 Millionen Tiere lebend transportiert. Weil Lkw-Kilometer jedoch (zu) billig sind, werden sie oft nicht zum nächstgelegenen, sondern zum billigsten Schlachthof transportiert. Die Folgen sind nicht nur mehr Lkw-Verkehr, sondern zusätzliche Qualen für die Tiere. Der VCÖ fordert, dass in der EU die Lebendtiertransporte auf eine Maximaldauer von derzeit 30 auf maximal acht Stunden beschränkt werden.

Wahl des Verkehrsmittels#

Freilich ist nicht nur die Lieferung einer Ware ins Geschäft für die Umweltbilanz entscheidend, sondern auch die Frage, wie dieses Produkt zum Endverbraucher gelangt: "Die Umweltbilanz des Einkaufs hängt von der Wahl des Verkehrsmittels ab", erklärt VCÖ-Expertin Ulla Rasmussen. Da seien die Konsumenten gefordert, ihr Mobilitätsverhalten zu ändern und vom Auto auf das Fahrrad oder die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen.

Anpassung der Raumordnung#

Ob Menschen für ihre Einkäufe auf das Auto verzichten können, hängt freilich auch vom Vorhandensein geeigneter Strukturen ab. Die VCÖ-Publikation zeigt, dass der Standort des Geschäfts von zentraler Bedeutung ist. "Raumplanung muss die Nahversorgung stützen", sagt Gratzer: "Wir müssen bestehende Supermärkte an das öffentliche Verkehrsnetz beziehungsweise an das Radwegenetz anbinden und weitere Einkaufszentren am Ortsrand verhindern."

Herausforderung City-Logistik#

Der boomende Online-Handel bringt in den Städten neue Herausforderungen für die Logistik. Durch eine verbesserte Logistik können Lkw-Fahrten verringert werden, etwa durch die Bündelung von Transporten. Mit Hilfe von Güterverteilzentren in den Städten können Transporte gebündelt werden. Die Feinverteilung in Innenstädten kann schadstofffrei mit Elektro-Transporten erfolgen.

Langlebige Produkte#

Viel Verkehr verursacht auch die Müllentsorgung. Österreich verursacht pro Kopf 25 Kilogramm Elektroschrott pro Jahr, um rund ein Drittel mehr, als im EU-Schnitt angfällt. Zudem landen jedes Jahr große Mengen an noch essbaren Lebensmitteln im Müll. "Viel Müll heißt auch viele weggeworfene Kilometer", erklärt Rasmussen. Der VCÖ fordert daher auch im Sinne des Konsumentenschutzes Maßnahmen, die die Langlebigkeit vonProdukten fördern.

Information

Die VCÖ-Publikation "Weniger Verkehr durch nachhaltigen Konsum" gibt es unter www.vcoe.at zum Download.

Wiener Zeitung, Sa./So., 1./2. November 2014