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Island will Europa mit Strom versorgen#

75 Prozent der Kapazitäten sind ungenutzt. Island will ein Meeresstromkabel nach Großbritannien verlegen. London zeigt bereits Interesse.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 12. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von WZ-Korrespondent

André Anwar


Das Dampfturbinen-Kraftwerk Svartsengi
Das Dampfturbinen-Kraftwerk Svartsengi in der Nähe von Keflavik: Aus den Abwässern entstand das berühmte Kurbad "Blaue Lagune".
© corbis

Stockholm. Island ist eine Vulkaninsel. Das birgt zwar Unannehmlichkeiten. Aber es ermöglicht der kleinen Nordatlantiknation auch, umweltfreundlichen Strom in großem Umfang zu produzieren - und künftig nach Europa zu exportieren. Die Abschaltung von Atomkraftwerken in Europa und die Abwicklung von Kohlekraftwerken im Zuge des Klimaschutzes könnte den Strom aus Island zudem zu einer wichtigen Alternative auf dem Kontinent machen. Auch politische Unsicherheiten wie derzeit wegen der Spannungen mit Russland könnte das politisch stabile Island in der Gunst der Stromkunden steigen lassen.

Seit der isländischen Wirtschaftskrise von 2008, bei der sämtliche Großbanken pleitegegangen sind, ist die nordische Nation auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Die Regierung in Reykjavik schätzt, dass rund 75 Prozent der isländischen Energiekapazitäten derzeit ungenutzt sind. Die rund 325.000 Einwohner Islands brauchen eben nicht so viel. Deshalb will Reykjavik für die Stromversorgung des weit entfernten europäischen Kontinentes ein gigantisches Meeresstromkabel legen lassen und befindet sich derzeit dazu in Gesprächen mit Großbritannien, heißt es vom Energieministerium.

Dorthin soll das rund 1170 Kilometer lange Unterwasserstromkabel führen und mit dem europäischen Stromnetz verbunden werden. Das ist ohne große Stromverluste dank modernen Hochspannungsgleichstromübertragungsleitungen möglich.

Die Vorbereitungen für die Leitung nach Großbritannien seien "mit mehreren Projekten" in vollem Gange, heißt es aus Reykjavik. "Diesen Sommer haben wir untersucht, was genau zu tun ist", sagte Industrieministerin Ragnheidur Arnadottir unlängst in einem Interview. Sie habe sich mit dem britischen Energieministerium getroffen, "was das Interesse des Vereinigten Königreichs an dem Projekt bestätigt hat", so Arnadottir.

Erdwärme reichlich vorhanden#

Island braucht Partner. Es kann ein solch gewaltiges Vorhaben nicht alleine stemmen. Der größte Energieproduzent Landsvirkjun hat errechnet, dass die Vernetzung etwa 2 Milliarden Euro (2,42 Milliarden Franken) kosten wird. Das sind rund 17 Prozent des Bruttoinlandsproduktes Islands. Neben der Kostenteilung für den Bau des Stromkabels braucht Island auch verbindliche Strombestellungen, um die eigene Stromproduktion auszuweiten.

Derzeit wird rund 73 Prozent des isländischen Strombedarfs mit Wasserkraft an den isländischen Gletschern generiert. Der Rest wird durch die reichlich verfügbare Erdwärme generiert. Gegenwärtig wird nur unter 40 Prozent der Erdwärme zur Stromerzeugung genutzt.

Das Land produziert derzeit 17 Terawattstunden Strom. Doppelt so viel wäre möglich, heißt es vom Stromversorger Landsvirkjun. Damit sich die Ausweitung der Stromproduktion lohnt, müsste Island rund fünf Terawattstunden über das Meereskabel verkaufen, sagte Landsvirkjun-Chef Hordur Arnason im Mai. Für Island könnte dies eine große wirtschaftliche Chance sein. "Wenn dies so vielversprechend ist, wie einige Leute behaupten, wird dieser Zug nicht ohne uns abfahren", sagt Arnadottir.

Vorbilder vorhanden#

Ähnliche Stromverbindungen gibt es schon in Europa. So verbindet seit 2008 ein 580 Kilometer langes Seekabel die Stromnetze Norwegens und der Niederlande. Erbaut wurde es innerhalb von zwei Jahren vom Schweizer ABB-Konzern. Elektrische Energie kann damit in beide Richtungen übertragen werden. Die gesamten Kosten des sogenannten NorNed-Kabels beliefen sich auf rund 600 Millionen Euro. Schon nach vier Monaten Betrieb soll das Kabel einen Ertrag von etwa 70 Millionen Euro eingebracht haben, was knapp 12 Prozent der Baukosten entspricht.

Wiener Zeitung,Freitag, 12. September 2014