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Das Monster aus dem Vulkan#

Die Vielfalt der Auswirkungen einer Klimakatastrophe am Beispiel 1816 - dem "Jahr ohne Sommer".#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 16. Februar 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Heiner Boberski


Caspar David Friedrich 'Frau vor untergehender Sonne'
Caspar David Friedrich greift in "Frau vor untergehender Sonne" möglicherweise die Lichtphänomene nach dem Tambora-Ausbruch auf.
Aus: Wikicommons

Aus welchem Grund lagen die Temperaturen in Europa und Nordamerika im Jahr 1816 weit unter dem Durchschnitt? Warum stiegen die Getreidepreise in Süddeutschland von Anfang 1816 bis zum Sommer 1817 auf das Vier- bis Fünffache? Wieso kletterte die Zahl der Auswanderer aus dem Vereinigten Königreich von rund 2000 im Jahr 1815 auf 35.000 im Jahr 1819?

Im Geschichtsunterricht hat das Jahr 1815 mit der Niederlage Napoleons bei Waterloo und dem Abschluss des Wiener Kongresses einen prominenten Platz. 200 Jahre danach wurde dieser Ereignisse auch ausgiebig gedacht. Über 1816, das als "Jahr ohne Sommer" in die Historie eingegangen ist, und das folgende "Jahr des Hungers" 1817 ist viel weniger bekannt. Dabei liefern gerade die Jahre nach den Napoleonischen Kriegen brisanten Lehrstoff über globale Krisenerscheinungen.

Auslöser dafür war, wie freilich erst 1913 der amerikanische Atmosphärenphysiker William Jackson Humphreys aufgezeigt hat, ein singuläres gewaltiges Naturereignis, dessen direkten und indirekten Folgen der deutsche Historiker Wolfgang Behringer in seinem neuen Buch "Tambora und das Jahr ohne Sommer" auf den Grund geht. Dieses Ereignis, der größte Vulkanausbruch in historischen Zeiten - also in jenen 5000 Jahren, für die geschriebene Quellen vorliegen - begann schon am 5. April 1815 und dauerte etwa zehn Tage. Mehrere tausend Kilometer weit konnte man die Explosionen des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa hören.

Weltuntergangsstimmung#

Der damalige britische Gouverneur auf Java, Sir Thomas Raffles, sammelte per Fragebogen rasch Informationen über die Katastrophe. Laut heutigen Schätzungen über den Ausbruch, der auf dem Vulkanexplosivitätsindex die unglaubliche Stärke 7 erreichte, wurden insgesamt rund 150 Kubikkilometer Staub und Asche sowie Schwefelverbindungen in der Menge eines Schwefeldioxidäquivalents von 130 Megatonnen bis zu einer Höhe von 45 Kilometern in die Atmosphäre geschleudert. Ganze Landstriche wurden zerstört, Ernten vernichtet, es kam zur Vergiftung des Trinkwassers. Zehntausende starben, viele davon sofort, andere aufgrund der folgenden Hungersnot und bald auftretender Seuchen. Die Überlebenden öffneten sogar Gräber, um noch verwertbare Beigaben zu suchen. Um ihr Leben zu retten, verkauften viele Menschen ihre Kinder oder sich selbst an Sklavenhändler. Es verblieb kaum die Hälfte der zuvor etwa 170.000 Bewohner auf Sumbawa.

Nicht nur große Teile Asiens litten unter dem "Höhenrauch", der die Sonne verdunkelte. Durch Winde wurden die Gas- und Schwebepartikel weltweit verteilt und sorgten für verminderte Sonneneinstrahlung und eine globale Abkühlung, insbesondere in Europa und Nordamerika, die bis 1819 anhielt. Unmittelbare Folgen: ein eisiger Winter, wachsende Gletscher, das ganze Jahr hindurch häufige Kälteperioden, extreme Niederschläge. Dubiose Propheten verkündeten den nahen Weltuntergang, am häufigsten wurde dafür als Datum der 18. Juli 1816 genannt. Wie Behringer vermerkt, befassten sich auch seriöse Zeitungen - darunter am 14. Juli 1816 die "Wiener Zeitung" - mit dieser Thematik.

Das Weltende blieb aus, aber 1816 fiel in Süddeutschland, Westösterreich und der Schweiz extrem feucht aus. Am Genfer See hatte sich in diesem Sommer eine Gruppe junger britischer Literaten einquartiert, angeführt von Lord George Gordon Byron. Die knapp 19-jährige Mary Wollstonecraft Godwin, die ihren Geliebten und späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley begleitete, notierte damals: "Unglücklicherweise können wir jetzt nicht mehr die blauen Himmel genießen, die uns bei unserer ersten Ankunft in diesem Land erfreut haben. Ein fast ständig andauernder Regen beschränkt uns vor allem auf das Haus; aber wenn die Sonne einmal herauskommt, dann mit einer in England unbekannten Helligkeit und Hitze. Die Gewitter, die uns heimsuchen, sind gewaltiger und schrecklicher, als ich dies je erlebt habe."

Die jungen Autoren lasen einander Gespenstergeschichten vor, bis Lord Byron vorschlug, jeder sollte selbst eine Schauerstory schreiben. Er selbst verfasste im Juli 1816 das düstere Gedicht "Dunkelheit". Der junge Shelley schrieb - lange vor Bram Stokers "Dracula" - "The Vampyre", den Prototyp aller erotischen Vampirgeschichten, Byrons Arzt John William Polidori machte daraus eine eigene Geschichte unter dem gleichen Titel. Es war die Geburt der modernen Horrorstory. Die nachhaltigste Wirkung erzielte dabei das Werk, das damals die junge Mary Godwin produzierte: "Frankenstein". Nicht nur Spione kommen manchmal aus der Kälte, sondern auch Vampire und Monster.

Reaktionen auf eine Katastrophe#

Doch indirekt kamen sie gar nicht aus dem kalten Sommer am Genfer See, sondern aus einem heißen Vulkankrater. Aber wer sollte das damals wissen? Behringers Buch listet eine Vielzahl von Entwicklungen auf, die sicher, wahrscheinlich oder auch nur möglicherweise mit dem Ausbruch des Tambora zusammenhängen. Evident sind die katastrophalen Auswirkungen auf das Klima, die Landwirtschaft und die Lebensmittelversorgung in den am meisten betroffenen Gebieten. Natürlich hatten auch die ab 1816 verstärkt einsetzenden Migrationswellen - vor allem nach Russland und in die USA - damit zu tun. Innerhalb der Vereinigten Staaten führten Missernten an der Küste dazu, dass innerhalb weniger Jahre die Staaten Ohio, Indiana und Illinois besiedelt wurden. Armut, Hunger und Seuchen - damals weltweit die Cholera - breiteten sich aus. 1817 wurde in jeder Stadt die Einfahrt des "ersten Erntewagens" groß gefeiert.

Dass Justus von Liebig die organische Chemie entwickelte und zur Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge die Mineraldüngung einführte, lag auch daran, dass er als Jugendlicher das Hungerjahr miterlebt und -erlitten hatte. Das Pferdesterben infolge der Futtermittelknappheit führte zur Entwicklung der Draisine. Sparkassen und Versicherungen kamen als Vorsorge gegen künftige Katastrophen in Mode.

Politisch wurden Sündenböcke gesucht, der Antisemitismus lebte auf. Behringer sieht auch das Selbstmord-Attentat auf den deutschen Dichter August von Kotzebue als indirekte Folge des Tambora-Ausbruches. Einen Aufschwung brachte die Klimaveränderung den Naturwissenschaften, die solchen Phänomenen nun mehr auf den Grund gingen. Auch die Malerei dieser Zeit, die - etwa durch William Turner - äußerst stimmungsvolle Bilder des Himmels hervorbrachte, hat wahrscheinlich vom Tambora-Ausbruch profitiert, obwohl sich das laut Behringer nicht beweisen lässt. Die Sonnenuntergänge im Biedermeier sollen jedenfalls - ausgelöst durch die vielen Schmutzpartikel in der Atmosphäre - buchstäblich alle Farben gespielt haben.

Lernen für die Gegenwart#

Kann unsere Gesellschaft, die den Klimawandel langsam akzeptiert und zu merken beginnt, dass Massenmigration längst zum Alltag gehört, aus der Tambora-Krise etwas lernen? Als im Frühjahr 2010 die Asche des isländischen Gletschervulkans Eyjafjallajökull tagelang den Flugverkehr in Europa lahmlegte, bekam die Menschheit eine kleine Vorstellung davon, was ihr beim Ausbruch eines Supervulkans - wie es sie unter dem Yellowstone-Nationalpark oder unter den Phlegräischen Feldern bei Neapel gibt - blühen könnte: ein "Vulkanischer Winter" mit einer jahrzehnte- oder sogar jahrhundertelangen weltweiten Abkühlung. Aber vielleicht wird uns die nächste globale Katastrophe ja gar nicht von der Natur, sondern von menschlichen Aktivitäten beschert.

Wiener Zeitung, Dienstag, 16. Februar 2016