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Schluss mit der Panikmache#

Den Klimawandel als Bedrohung darzustellen, hat nicht funktioniert. Klimaforscher Kabat setzt auf Chancen.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 8./9. August 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Walter Hämmerle


Pavel Kabat
Pavel Kabat
Quelle: Wiener Zeitung

Wien. Angesichts der Hitze ist einem zwar nicht zum Lachen zumute, aber ein Witz kann dem trockenen Thema "Klimawandel" nur guttun: Treffen sich zwei Planeten. Fragt der eine: "Wie geht es dir?" Sagt der andere: "Nicht so toll, ich habe den Homo sapiens." Erwidert der Erste: "Mach dir keine Sorgen, ich hatte den auch. Das dauert nicht lange."

Galgenhumor liegt Pavel Kabat zwar fern. Doch der Direktor des Internationalen Instituts für angewandte Systemforschung (IIASA), das mit rund 300 Mathematikern, Geisteswissenschaftern, Naturwissenschaftern, Ökonomen und Technologen aus mehr als 45 Ländern in Laxenburg bei Wien seinen Sitz hat, ist bemüht, die Debatte über den Klimawandel in eine neue Perspektive zu rücken. Anlässlich der Hitze sprach die "Wiener Zeitung" mit Kabat über das Wetter und notwendige neue Ansätze von Wissenschaft und Politik.

"Wiener Zeitung": Ganz Österreich stöhnt unter der Hitze, als Klimaforscher müssten Sie sich eigentlich darüber freuen, oder?

Pavel Kabat: Na ja, es kommt darauf an. Ich war gerade neun Tage in den Niederlanden - und die ganzen neun Tage hat es durchgeregnet. So gesehen freue ich mich tatsächlich über die Abwechslung. Aber natürlich erleben wir gerade wieder ein außergewöhnliches Klimaereignis: Es ist nicht nur zu warm, sondern auch zu trocken für diese Region und Jahreszeit. Und so gesehen bin ich nicht wirklich glücklich.

Aber immerhin reden jetzt alle über die Hitze. Diese konfrontiert alle Bürger unmittelbar mit den möglichen Folgen des Klimawandels.

Das ist ein zweischneidiges Schwert: Stellen Sie sich vor, wir hätten auch heuer einen so kalten und verregneten Sommer wie vergangenes Jahr, dann wäre die ganze Debatte ins andere Extrem gekippt. Hinzu kommt der verbreitete Irrtum zu glauben, die Klimaforschung könnte einen bestimmten Sommer auf den stattfindenden Klimawandel zurückführen. Das können wir derzeit nicht und das müssen wir immer wieder auch laut sagen. Statistisch passt ein solcher Sommer natürlich vom Trend in die Ergebnisse der Forschung, aber wir können daraus nicht ableiten, dass diese konkrete Hitze auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Was wir können, ist die Prognose, dass solche außergewöhnlich heißen Sommer wie 2003 und wahrscheinlich eben auch 2015 ab 2050 zum statistischen Regelfall werden.

Eigentlich hat sich die Überzeugung, dass die Erderwärmung der letzten 200 Jahre zum maßgeblichen Teil durch den Menschen verursacht ist, in der öffentlichen Debatte längst durchgesetzt. Sogar fast alle maßgeblichen Politiker übertrumpfen sich bei passender Gelegenheit mit Bekenntnissen zum radikalen Wandel. Was allerdings fehlt, sind konkrete Maßnahmen. Wahrscheinlich werden auch mehr heiße Sommer daran nichts ändern. Warum?

Wir stehen jetzt an einer entscheidenden Weggabelung: Die Strategie der letzten Jahrzehnte, die mit dem Klimawandel einhergehenden Probleme als große Gefahr, als universale Bedrohung darzustellen, hat nicht funktioniert. Notwendig ist deshalb ein neues Paradigma: Wir müssen dazu übergehen, die neue Situation als Chance zu vermitteln, ganz ähnlich, wie es mit der Industriellen Revolution ab 1850 geschehen ist. Aus einer solchen Perspektive können Ressourcenknappheit und erneuerbare Energiequellen Technologiesprünge und einen Innovationsschub im großen Maßstab auslösen. Die Bedrohungen durch den Klimawandel müssen also als Chancen verstanden werden. Das IIASA hat mit dem Forum Alpbach eine Partnerschaft gegründet, um genau diese Botschaft zu verbreiten. Wir alle müssen den Schalter in unseren Köpfen umlegen, dann wird es auch mit konkreten Maßnahmen endlich funktionieren.

Was stimmt Sie so zuversichtlich? Immerhin gilt Angst gemeinhin als eine der stärksten Antriebskräfte, wenn es darum geht, das menschliche Verhalten zu ändern?

Angst wirkt in diesem besonderen Fall nicht wirklich, weil es sich beim Klimawandel in der Regel um langfristige negative Folgen handelt, die hier und heute nur schwer erfassbar sind. Und einzelne Hitzewellen oder Stürme sorgen allenfalls kurzfristig für öffentliche Diskussionen. Bei der Angst vor Krebs hingegen kann man jederzeit die Folgen dieser Krankheit im eigenen Umfeld beobachten - und das eigene Verhalten ändern.

Dass das Thema Klimawandel womöglich zu komplex für Bürger wie Politiker ist, um in zugespitzten politischen Debatten zu bestehen, befürchten Sie nicht?

Das Thema ist tatsächlich kompliziert, und deshalb braucht es einen simplen Anlass, damit Maßnahmen möglich werden. 2015 ist in dieser Hinsicht ein unglaublich wichtiges Jahr: Heuer gibt es gleich drei Gelegenheiten für internationale Weichenstellungen: Da ist, erstens, der UNO-Gipfel am 25. September zur Weiterentwicklung der globalen Entwicklungsziele; zweitens, der Klimagipfel in Paris im Dezember; und, drittens, die UN-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung, die bereits im Juli in Addis Abeba stattgefunden hat, wo es darum ging, wie die rund 2270 Milliarden Euro zusammenkommen sollen, die zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele benötigt werden. Ich bin zuversichtlich, dass alle diese drei Gipfeltreffen dazu führen, ein gemeinsames globales Bewusstsein zu entwickeln, die Dinge grundlegend zu ändern.

Und was, wenn Sie sich irren sollten?

Wenn wir scheitern, wenn es uns nicht gelingt, diese Entwicklung mithilfe eines globalen Entscheidungsprozesses zu steuern, dann ist nicht nur der Top-down-Zugang passé. Das heurige Jahr wird also auch für die Zukunft der UNO als globale Steuerungsorganisation entscheidend sein. Aber wenn es uns gelingt - und davon gehe ich doch aus -, dann müssen wir auch die Art und Weise überdenken, wie wir solche globalen Abkommen konkret umsetzen. Derzeit sind solche Implementierungsprozesse extrem bürokratisch, und nicht immer werden die richtigen Anreize gesetzt. Ein Beispiel: Sämtliche Energieförderungen im Umfang von 500 Milliarden US-Dollar jährlich gehen in den Primärsektor, um Technologien zu entwickeln, Öl und Gas aus dem Boden zu holen. Dabei wissen wir längst, dass die größten Möglichkeiten am Ende der Kette liegen, wo es um Effizienzsteigerungen bei den Endverbrauchern geht. Der Anteil an Förderungen liegt hier bei null. Wenn wir nur die Hälfte der 500 Milliarden nehmen, die derzeit an den Öl- und Gassektor gehen, und diese in Technologien zum Wassersparen, in nachhaltige Architektur und innovative Firmen investieren, könnten wir bereits in zehn Jahren einen riesigen Unterschied erkennen. Wir haben die Technologien, wir haben die politischen Konzepte, worum es jetzt geht, ist, die Umsetzungsdefizite endlich zu beheben.

Zur Person#

Pavel Kabat ist seit 2012 Direktor des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA). Geboren 1958 in der Tschechoslowakei, lebte und forschte er in Kanada und den Niederlanden. Neben seiner Funktion am IIASA ist der Mathematiker und Hydrologe weiterhin Professor an der Universität Wageningen (NL). Kabat arbeitet auch eng als Autor und Gutachter mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zusammen, das 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Wiener Zeitung, Sa./So., 8./9. August 2015