unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
7

Ein Staat aus Müll im Meer #

Unesco will mit Gründung des Staates „Müllfleck“ auf Plastikabfall im Ozean aufmerksam machen #


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung Donnerstag, 11. April 2013

Von

Gerhard Lechner


Fast 37.000 Tonnen Müll sollen in den Ozeanen kreisen. #

Müllinseln
© Wiener Zeitung

Turin/Wien. Am heutigen Donnerstag wird ein neuer Staat proklamiert: „Garbage Patch“ soll er heißen, „Müllfleck“. Die Staatsgründungszeremonie durch die Unesco wird aber nicht auf dem Territorium des neuen Staates abgehalten, sondern im Hauptquartier der UN-Wissenschaftsorganisation in Paris. Das sollte nicht wundern, denn der „Müllfleck“ besteht aus einer Ansammlung von Plastik im Wasser – aus dem Müll, der sich in den Weltmeeren angesammelt hat.

Die Aktion der Unesco geht auf die Initiative von Maria Cristina Finucci zurück. Die italienische Architektin will damit auf das grassierende Müllproblem auf den Weltmeeren aufmerksam machen. Spätestens seit 2009 weiß man, dass in insgesamt fünf Strudeln im Pazifik, im Atlantik und im Indischen Ozean ein großer Teil jenes nicht abbaubaren Kunststoffabfalls treibt, der sich in der Menschheit seit den Fünfziger Jahren angesammelt hat. Mittlerweile soll durch die Meeresströmung vor allem im Nordpazifik eine durchgängige Oberfläche aus Plastikabfällen entstanden sein – sogar von „Inseln“ ist in Medienberichten die Rede. Finucci will mit ihrer Aktion, bei der sie sich eines Liegestuhls und Sonnenschirms in einem Meer von Plastik bedient, laut der italienischen Zeitung „La Stampa“ die öffentliche Meinung aufrütteln. Eine Facebookseite wurde installiert, die die Einwohnerzahl des „Müllflecks“ mit 36.939 bemisst – so viele Tonnen Müll sollen in den Ozeanen kreisen. Auf dem Titelbild der Seite fährt ein Mann in einem Kanu durch ein Meer von Müll – das Bild wird von Medien seit Jahren verwendet, um das Zentrum des nordpazifischen Strudels zu illustrieren. Es hat allerdings einen Haken: Das Bild ist falsch zugeordnet. Der paddelnde Mann im Müll stammt aus der philippinischen Stadt Manila.

Dass es kein Foto der „Plastikinseln“ gibt, ist allerdings kein Wunder. Die durch die Meeresströmungen zusammengetriebenen Mengen an Müll sind nur wenig sichtbar. Der Müllteppich, der laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace die Größe Zentraleuropas erreicht hat, besteht zum überwiegenden Teil aus kleinen Plastikteilchen. „Zu den größten und sichtbarsten Teilchen gehören noch die Kunststoffverschlüsse“, sagt die Greenpeace-Expertin Antje Helms der „Wiener Zeitung“. „Sie werden zum Beispiel von Albatrossen für Futter gehalten. Die Vögel schlucken die Drehverschlüsse und sterben an dem Plastikmüll“, meint Helms.

Pulverisierter Müll
Pulverisiert wird der Großteil des Plastikmülls in den Weltmeeren, bevor er in die Nahrungskette gelangt.
Foto: © Greenpeace/Alex Hofford

Die Ökologin verweist auch besonders auf den Umstand, dass das im Meer treibende Plastik durch Wellenbewegung und UVLicht auf Dauer zerkleinert wird, wodurch ein immer höherer Feinheitsgrad bis hin zur Pulverisierung erreicht wird. „Auf den kleinen Mikroteilen des Mülls lagern sich gerne Giftstoffe ab, Pestizide, die so wieder in die Nahrungskette gelangen“, sagt Helms.

Bei einem hohen Feinheitsgrad wird das Plastikpulver von verschiedenen Meeresbewohnern – unter anderem auch von Plankton – als Nahrung aufgenommen. „Wir haben 2006 mit einer Filteranlage eine Expedition vor Hawaii durchgeführt. Das Ergebnis war, dass die Mägen von Fischen und kleinen Krebsen voller Müll waren“, erklärt Helms. Die Hawaii- Inseln gelten von dem Müllproblem als besonders betroffen, da sie sich mitten im Nordpazifik- Strudel befinden. „An den Küsten dieser Inseln findet man besonders viel Plastikmüll“, meint Helms.

Tsunami-Treibgut in Kanada und den USA #

Die Meere haben freilich nicht nur ein Problem mit den kleinen Kunststoffteilchen – auch voluminösere Teile schaffen den Transport über den gesamten Pazifik: Immer wieder werden an den Küsten der USA und Kanadas Häusertrümmer, Plastikmüll, Holzplanken, Metallcontainer, Fischernetze und sogar ganze Bootsanlegestellen oder Schiffe angeschwemmt. Die Trümmerteile stammen von der Tsunami-Katastrophe in Japan vor zwei Jahren. Millionen Tonnen Treibgut sollen sich noch auf dem Pazifik befinden. Niemand weiß, wo sich die Trümmer genau befinden, die für Mensch und Tier gefährlich sind. „Mit einem einzigen Schlag wurde durch den Tsunami 3200 Mal der Müll in den Pazifik gekippt, den Japan sonst jährlich in dem Meer ablädt“, erklärte die Umweltschutzorganisation Robin Wood. Für Jahre und womöglich Jahrzehnte werden die japanischen Trümmerteile nicht nur eine Gefahr für die Schifffahrt sein, sondern auch für Meeressäugetiere, Schildkröten oder Vögel. Plastik- Kleinstteile können verschluckt, fremde Pflanzen- oder Tierarten in andere Gewässer getrieben werden. So musste einer der Bootsanleger in den USA mit Bleichmittel gereinigt werden, weil an ihm dutzende fremder Algen- und Klettenarten klebten.

Wiener Zeitung, Freitag, 29. März 2013