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Das Meer als kostbarer Lebensraum#

Artenvielfalt war schon vor 180 Millionen Jahren bedeutsam für die Tiefsee, heute ist sie bedroht.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Mittwoch, 21. Mai 2014)

Von

Heiner Boberski


Lebende Seesterne in der Tiefsee
Lebende Seesterne in der Tiefsee.
© Karl Stanley, Roatan Institute of Deepsea Exploration/NHM Wien

Wien. Die Wirtschaft will verstärkt die Ressourcen der Meere nutzen. Forscher zeigen immer wieder, wie negativ sich Fischerei mit Grundschleppnetzen auswirkt. Dass aber die Tiefsee schon vor 180 Millionen ein Hotspot der Artenvielfalt war, geht nun aus einer Studie im Fachjournal "Proceedings B" der britischen Royal Society hervor. Die Forscher, darunter der Paläontologe Andreas Kroh vom Naturhistorischen Museum (NHM) Wien, korrigieren darin die Ansicht, die Besiedlung der Tiefsee sei nur durch Einwanderung aus flachen Meeresgebieten erfolgt, und untermauern ihre These anhand von Fossilien aus Salzburg.

Die Glasenbachklamm im Salzburger Vorort Elsbethen ist schon lange als Fundort von Fossilien bekannt. "Es gibt dort auch einzelne, 180 Millionen Jahre alte Schichten, die besonders reich an Resten von Organismen aus sehr tiefen Ablagerungen sind, die bisher aber weitgehend ignoriert wurden, weil es nur unattraktive, kleine Bruchstücke sind", sagt Kroh.

Angeregt durch einen Fossiliensammler, der das NHM bei der Bestimmung von Mikrofossilien um Hilfe gebeten hatte, machten sich die Experten an die Entnahme eigener Proben. Kroh arbeitete in einem von Ben Thuy vom Naturhistorischen Museum Luxemburg geleiteten Team mit.

Derart alte Ablagerungen aus der Tiefsee sind sehr selten, was an der Plattentektonik, konkret an der sogenannten Subduktion liegt: Neu entstandener Meeresboden wird an den Rändern der Kontinente in die Tiefe gedrückt und wieder aufgeschmolzen. Sedimente aus der Tiefsee haben nur in Gebirgsbildungszonen die Chance zu überdauern - etwa bei der Auffaltung der Alpen.

Die Salzburger Funde sind nun für die Forscher ein Traum: Überreste von fast 70 verschiedenen Tiefsee-Organismen, etwa Seeigeln, Seesternen, Schlangensternen, Seelilien, Schnecken und Armfüßern, die vor 180 Millionen Jahren in einer Meerestiefe von 500 Meter und mehr gelebt haben. "Bisher stammte, was wir über ältere Tiefsee-Sedimente wissen, vorwiegend aus Bohrungen. Da ist es ein äußerster Glücksfall, wenn man in einem Bohrkern von fünf Zentimeter Durchmesser irgendetwas von einem größeren Organismus findet", erklärt Kroh.

Bemerkenswert ist, dass man die gleichen Tiere auch heute sehr häufig und in großer Artenzahl in der Tiefsee findet. Das lässt die bisher gängige wissenschaftliche These unwahrscheinlich erscheinen, die besagt, dass die Tiefseefauna im Zuge von Massenaussterben und globalen Veränderungen, wie Sauerstoffkrisen in tieferen Meeresregionen, wiederholt ausgelöscht wurde und Arten aus flachen Meeresgebieten, den sogenannten Schelfmeeren, die Tiefen wiederbesiedelt haben. Denn in bekannten Flachwasser-Faunen aus dieser Zeit finde sich "keines der von uns identifizierten Tiefsee-Tiere", so Kroh. Etliche der jetzt in den Alpen gefundenen Organismen kenne man zudem seit Jahrmillionen nur noch aus Tiefsee-Ablagerungen, aber nicht aus Sedimenten von Schelfmeeren. Das deute darauf hin, dass sie im Laufe der Evolution in der Tiefsee selbst aus anderen Vorläuferorganismen entstanden sind.

Erst später tauchen Arten aus der Tiefsee auch in Ablagerungen von Schelfmeeren auf. "Es gab offensichtlich einen dynamischen Austausch zwischen Tiefsee und Schelfmeeren, aber genau in umgekehrter Richtung als wir bisher angenommen haben", sagt Kroh. Aus Sicht der Paläontologen spielt die Tiefsee eine wesentlich größere Rolle als Ort der Entstehung und der Erhaltung von Artenvielfalt als bisher angenommen. Sie warnen vor den Auswirkungen der Schleppnetz-Fischerei und dem geplanten Erzabbau in der Tiefsee.

Warnung vor Raubbau#

Wo oft mit Grundschleppnetzen gefischt wird, nimmt die Artenvielfalt deutlich ab. Die Auswirkungen auf das Tiefsee-Ökosystem seien katastrophal, meinen Forscher um Jacobo Martin vom Institut für Meereswissenschaften in Barcelona in einer Studie in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("Pnas").

Auf einer Konferenz zum Europäischen Tag der Meere in Bremen sprach die zuständige EU-Kommissarin Maria Damanaki die Möglichkeiten an, Meeresressourcen für das Wirtschaftswachstum zu nutzen (etwa zur Energiegewinnung oder für Lebensmittel und Arzneien). Sie warnte aber vor einem zu kurz gedachten Raubbau. Umweltschützer fordern bis zum Nachweis der Umweltverträglichkeit ein Verbot der Ausbeutung von Tiefsee-Ressourcen.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 21. Mai 2014