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Der Nachhall der Atomkatastrophe #

Der Reaktorunfall von Tschernobyl hat der Welt vor Augen geführt, was passiert, wenn ein nukleares „Restrisiko“ zum nicht mehr beherrschbaren Ernstfall wird. In Wien erinnert eine Fotoausstellung an die Opfer und die desaströsen Folgen für die Region. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 12. Juni 2014)

Von

Martin Tauss


Reaktor von innen
Reaktor von innen. Der Fotograf Gerd Ludwig durfte mit Arbeitern in das verstrahlte Innere des zerstörten Reaktors von Tschernobyl vordringen. Der Aufenthalt war auf 15 Minuten pro Tag beschränkt.
Foto: Naturhistorisches Museum Wien / © Gerd Ludwig / Edition Lammerhuber

Es war einer jener Tage, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben: Am 26. April 1986 um 1:23 Uhr nachts unterlief den Mitarbeitern im Kontrollraum des Atomkraftwerks Tschernobyl bei einer Sicherheitsprüfung ein folgenschwerer Fehler. Im Block 4 erfolgte ein starker Leistungsanstieg, der Reaktorkern erhitzte sich bis zum Schmelzpunkt. Die manuelle Notabschaltung kam zu spät, das Graphit im Reaktorinneren geriet in Brand. Durch das zerstörte Gebäude wurden Kernteile und Brennelemente in die Luft geschleudert. Das Feuer dauerte zehn Tage. Große Mengen radioaktiver Stoffe, vor allem Jod 131 und Cäsium 137, gelangten in die Atmosphäre. Mit dem Wind verteilten sie sich über die ehemalige Sowjetunion und ganz Europa. 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags sind im südlichen Weißrussland niedergegangen.

Welche Konsequenzen dieser Super-GAU nach sich zog und wie es heute rund um den Reaktor aussieht, führt derzeit die Sonderschau „Der lange Schatten von Tschernobyl“ im Naturhistorischen Museum Wien vor Augen. Der Fotograf Gerd Ludwig dokumentiert in seinen Bildern, wie der Störfall einen riesigen Landstrich devastiert hat. Blieb die Sperrzone um den Reaktor zunächst auf 30 Kilometer Radius beschränkt, wurden ihre Grenzen seitdem mehrfach der gemessenen Kontamination angepasst. Heute umfasst sie 4.300 km2.

Katastrophentourismus in die Geisterstadt #

Trotz der Strahlenbelastung sind hunderte alte Menschen in ihre Heimatdörfer in der Sperrzone zurückgekehrt. Manche von ihnen hat Ludwig in Porträts verewigt. „Sie ziehen es vor, auf ihrem eigenen verseuchten Stück Erde zu sterben als irgendwo in einer anonymen Vorstadt an gebrochenem Herzen“, bemerkt der Fotograf. Und auch ein Katastrophen-Tourismus hält Einzug in die „verbotene“ Zone von Tschernobyl. Die ukrainische Geisterstadt Prypjat, nur drei Kilometer vom Reaktor entfernt, ist für Besucher aus aller Welt zu einer schaurigen Attraktion geworden. Langsam wird die verfallende Stadt von der Natur in Besitz genommen: Auf einst prunkvollen Promenaden wächst Gras, Bäume stoßen durch zerbrochenes Glas – doch die grüne Idylle trügt: An eine Neubesiedelung ist hier mehrere hundert Jahre nicht zu denken.

Krebspatienten. Oleg Schapiro, 54, und Dima Bogdanowitsch, 13
Krebspatienten. Oleg Schapiro, 54, und Dima Bogdanowitsch, 13, leiden an Schilddrüsenkrebs. Schapiro war bei den Aufräumarbeiten nach dem Reaktorunfall hoher Strahlung ausgesetzt.
Foto: Naturhistorisches Museum Wien / © Gerd Ludwig / Edition Lammerhuber

Menschen in der Sperrzone waren Strahlendosen von bis zu 380 Milli-Sievert ausgesetzt, dem 150-fachen der natürlichen Strahlung. So genannte „Liquidatoren“, jene circa 800.000 Soldaten, Feuerwehrleute und Freiwilligen, die sich über die Jahre an den gigantischen Aufräumarbeiten beteiligten, waren noch stärkeren Strahlungsdosen ausgesetzt, in den ersten Tagen sogar weit über 7 Sievert, was als tödlicher Schwellenwert gilt. Wie viele Todesopfer und Krankheitsfälle der Super-GAU verursacht hat, wird kontrovers diskutiert, zumal manche Erkrankungen erst nach Jahrzehnten auftreten. Während einige Forscher die direkte Verursachung von Geburtsschäden, Entwicklungsstörungen und manchen Krebsarten in Frage stellen, sieht Alexei Okeanov, Medizin-Professor an der Universität Minsk, die gesundheitlichen Folgen des Unfalls als „ein Feuer, das zu unseren Lebzeiten nicht mehr gelöscht werden kann.“ Der deutliche Anstieg der Schilddrüsenkrebsrate in den betroffenen Regionen jedenfalls wird unumstritten auf den Reaktorunfall zurückgeführt. Denn das radioaktive Jod 131 wurde von den jungen Menschen in jodarmen Gegenden rasch über die Nahrung aufgenommen und in der Schilddrüse abgelagert. Unbestritten ist auch die historische Zäsur durch Tschernobyl. Für Michail Gorbatschow, damals Staatspräsident der Sowjetunion, handelt es sich rückblickend, vielleicht mehr noch als die Perestroika, um „die wirkliche Ursache für den Zusammenbruch der UdSSR fünf Jahre später“.

92-jährige Karatina Descha ist in die Evakuierungszone zurückgekehrt
Leben in der Sperrzone. Die 92-jährige Karatina Descha ist in ihren Geburtsort innerhalb der Evakuierungszone zurückgekehrt.
Foto: Naturhistorisches Museum Wien / © Gerd Ludwig / Edition Lammerhuber

Umgang mit unsicherem Wissen#

Im Nachhall der Atomkatastrophe erhielt der weit verbreitete Glaube an eine „hellauf strahlende Energiezukunft“ ebenso ernsthafte Risse, wie der Kulturwissenschafter Sebastian Vehlken (IFK) kürzlich bei einem Vortrag in Wien erörterte: Angesichts der Verknappung der Ölreserven hatten Atomreaktoren in den 1970er Jahren noch quasi unbegrenzte Energiereserven und weitgehende Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffen versprochen. Die Atomenergie war laut Vehlken ein „avantgardistischer Forschungsbereich“, eines der ersten Felder, in dem der Umgang mit unsicherem Wissen mittels Computer-Simulationen erprobt wurde. Risikoprognosen und globale Zukunftsabschätzungen wurden etwa am IIASA-Institut in Laxenburg bei Wien durchgeführt, an dem der Kulturwissenschafter heute seine Quellenforschung betreibt.

Verfallende Gebäude
Verfallende Gebäude. Zwei Jahrzehnte nach dem Reaktorunfall wuchert die Natur in einer leer stehenden Schule in der Sperrzone.
Foto: Naturhistorisches Museum Wien / © Gerd Ludwig / Edition Lammerhuber

Mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl freilich wurden alle vorherigen Szenarien zur Nuklearforschung zunichte gemacht. Auch am IIASA-Institut werden ab Mitte der 1980er Jahre gänzlich andere Energiezukünfte berechnet. Die Vorhersagelogik der Computersimulationen hat sich jedoch als Alternative zur Auswertung empirischer Daten etabliert. „Die Welt wird zunehmend aufgesplittert in eine Vielzahl möglicher Szenarien“, bemerkt Vehlken, der auf heutige Anwendungen von Computermodellen in der Teilchenforschung (CERN), Meteorologie oder Klimaforschung verweist.

Einstweilen schwelen die radioaktiven Reste des zerstörten Reaktors von Tschernobyl nach wie vor im Inneren eines hart ummantelten „Sarkophags“, der nach dem Unfall hastig als Schutzhülle errichtet wurde. Die Konstruktion, die nur als Übergangslösung geplant war, ist brüchig geworden. Ein zweiter High-Tech-„Sarkophag“ mit Kosten von 2,2 Milliarden Euro soll das Bild des zerstörten Reaktors bald für immer umhüllen. Bleibt nur zu hoffen, dass es zu einem Mahnmal mit weltweiter „Strahlkraft“ wird, ebenso wie die Bilddokumente von Gerd Ludwig: „Im Umfeld von Tschernobyl habe ich viele verzweifelte Menschen getroffen, die bereit waren, ihr Leiden öffentlich zu machen – einzig in der Hoffnung, dass es dazu beitragen möge, Tragödien wie diese künftig zu verhindern“, so der Fotograf.

DIE FURCHE, Donnerstag, 12. Juni 2014


30 Jahre Tschernobyl: dramatische gesundheitliche Auswirkungen#


Wien (OTS) – 30 Jahre nach Tschernobyl sind die Auswirkungen des schwersten Reaktorunfalls aller Zeiten noch lange nicht ausgestanden:

Eine neue, unabhängige wissenschaftliche Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen des Tschernobyl-Super-GAUs kommt zum Ergebnis, dass in Summe mindestens 40.000 Todesfälle weltweit durch die Reaktorkatastrophe zu beklagen sein werden. Besonders die Freisetzung von radioaktivem Jod 131 wird in der Studie zum ersten Mal in einen internationalen Kontext gestellt: die Ostregion Österreichs wurde in den Tagen nach dem 26. April 1986 stark von einer Wolke mit radioaktivem Jod getroffen, das sich in der Schilddrüse besonders von Kindern und Jugendlichen ablagert und dort Schilddrüsenkrebs verursachen kann. Die Auswirkungen zeigen sich laut dem Studienautor genauso deutlich wie in anderen betroffenen Regionen weltweit: Verstärkte Überwachung, Diagnose und medizinische Expositionen zu radioaktivem Jod sind teilweise die Ursache, aber acht bis 40 Prozent der erhöhten Schilddrüsenkrebsfälle in Österreich nach 1990 sind wahrscheinlich von Tschernobyl verursacht.

Quelle#