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Ist nachhaltige Entwicklung möglich?#

Ulrike Bechtold/Harald Wilfing

Der Begriff Nachhaltigkeit geht auf den im 17. Jahrhundert in Deutschland lebenden Forstwirt Hans Carl von Carlowitz zurück, der ihn ursprünglich auf eine bestimmte Bewirtschaftungsweise des Waldes bezog: Einem Wald soll nur so viel Holz entnommen werden, wie auch wieder nachwachsen kann.

Populär im modernen Sprachgebrauch wurde der Begriff ab 1987 durch den Bericht der „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“, den berühmten Brundtlandreport, so benannt nach der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland.

Die darin enthaltene Definition von Nachhaltigkeit zielt besonders auf Gerechtigkeit zwischen den Generationen („intergenerative Gerechtigkeit“). Mittlerweile gibt es noch weitere Definitionen mit unterschiedlichen Gewichtungen und Wertungen.

Im die Nachhaltigkeit erweiternden Konzept der so genannten evolutionability spielt die Freiheit der Wahl eine große Rolle: Künftige Generationen sollen gleich viel oder mehr Optionen haben als gegenwärtige. Mit Entscheidungen, wie z. B. dem Bau eines Netzes von Autobahnen über ganze Kontinente, werden zukünftige Entscheidungsfreiheiten aber reduziert.

Damit erhöhen wir das, was in der Wissenschaft als path dependencies bezeichnet wird. Solche „Pfadabhängigkeiten“ entstehen dort, wo gegenwärtige Bedingungen von einer Reihe von in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen determiniert werden.

Der Nachhaltigkeitsaspekt, der zukünftigen Generationen Sicherung der Ressourcen und Wahlfreiheit bezüglich ihrer Lebensbedingungen garantieren will, birgt mehrere Gefahren: Der Menge der Lebenden steht die Menge der künftigen Generationen gegenüber.

Den Lebenden, vertreten durch „Macher“ und Lobbyisten, stehen jene Stellvertreter gegenüber, die heute für gedachte Nachfahren Partei ergreifen. Die eigenen Nachkommen werden zugunsten der anonymen Menge aller anderen unverhältnismäßig bevorzugt; polemisch formuliert legitimiert heute bereits das erste Kind den Family-Van.

In gesellschaftlich-politischen Schlüsselpositionen herrschen Kräfte der Bewahrung über jene der Veränderung: Tief greifender Wandel, etwa in den politischen Administrationen, wird durch selbst perpetuierende Systeme verhindert. Selbst reformfreudige Amtsnachfolger finden sich mit einer Fülle von path dependencies konfrontiert, die nur schwer zu durchbrechen sind.

Nachhaltigkeit ist kein Ziel, das auf einer Einbahnstraße erreicht werden könnte. Nachhaltigkeit ist keine Flagge, die suggeriert, dass alle im Gleichklang dasselbe zu wollen haben. Wenn man Nachhaltigkeit hingegen als Bedingung sinnvoller und langfristig tragbarer Maßnahmen, Entwicklungen und Programme betrachtet, stellt sie ein Konzept dar, das vermutlich den einzigen Weg darstellt, das Überleben der Menschheit zu ermöglichen.

Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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