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Unerwünschte Wärme#

Der CO2-Ausstoß führt zur Erderwärmung und das scheinbar "ewige" Eis an den Polen beginnt zu schmelzen.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 18. Juni 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Pinter


ESA-Satellitenaufnahme von Grönlands Eisdecke
Der ESA-Satellit CryoSat vermisst die schwindende Höhe der Eisdecken mittels Radar. DIe Grafik hier zeigt Grönland,das über 250 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr verliert.
Foto: © ESA/CPOM/Planetary Visions

Gäbe es nur einen ausreichend langen Hebel und einen festen Punkt, um ihn anzusetzen - schon ließe sich die Welt damit aus den Angeln heben. Diesen Ausspruch des griechischen Mathematikers Archimedes zitiert Jules Verne in seinem Roman "Der Schuss am Kilimandscharo", erschienen 1889 in Paris. Das sarkastische Werk kam vor 125 Jahren erstmals auf Deutsch heraus, und zwar in Wien.

Im Roman des französischen Science-Fiction-Autors wird das Territorium jenseits des 84. Breitengrads - die Arktis - versteigert: Schließlich "darf es nichts geben, was niemandem gehört", so Verne. Die Arktis fällt an die USA und wird an die "Praktische Nordpolgesellschaft" überschrieben. Noch ist sie wertlos, da die Eisbedeckung den Abbau der Bodenschätze vereitelt. Doch "die Industrie ist auf Kohle angewiesen, ob sie nun mit Dampfkraft oder Elektrizität arbeitet". Um sich der lästigen Eisdecke zu entledigen, will die Nordpolgesellschaft das ewige Eis abschmelzen.

Die Riesenkanone#

Korrigierte man den Winkel der Erdachse um gut 23 Grad, stünde sie genau senkrecht auf die Erdbahnebene. Jahreszeiten und Polarnächte wären Geschichte, am Nordpol herrschte stets ein Klima "wie im norwegischen Trondheim". Die Arktis würde eisfrei und dem Bergbau zugänglich. Die Nordpolgesellschaft lässt im Geheimen einen 600 Meter tiefen, 27 Meter weiten Stollen in den Kilimandscharo treiben und diesen mit Sprengstoff füllen. So entsteht eine Riesenkanone. Ihr Rückstoß soll die Erdachse aufrichten.

Verne: "Die Klügsten erkannten aber sehr bald, dass die Erdenbewohner von einem grundsätzlichen Klimawechsel betroffen würden." Der Meeresspiegel stiege in etlichen Regionen der Welt an. Teile Indiens, Chinas und Japans stünden unter Wasser. Petersburg, Kalkutta, Bangkok, Saigon, Peking oder Tokio versänken im Meer. "Eine weltweite Völkerwanderung setzte ein, wogegen die historische Völkerwanderung nur ein Familienausflug war."

Im Roman macht ein Rechenfehler alle Befürchtungen obsolet. Auch Riesenkanonen sind zu schwach, um an der Erdachse zu rütteln. Was selbst Verne nicht ahnt: Zu seinen Lebzeiten hat die Menschheit bereits begonnen, den Hebel des Archimedes anzusetzen. An die Stelle der Superkanone tritt allerdings Kohlendioxid (CO2). Das Gas wird seit Beginn des Industriezeitalters in immer größeren Mengen freigesetzt - und zwar vor allem bei der Verbrennung fossiler Energieträger. Dazu zählen Braunkohle, Steinkohle, Erdöl und Erdgas.

Als Verne seinen Roman schrieb, schwebten statt 280 schon 285 CO2-Teilchen in einer Million Luftteilchen. 1960 waren es 315, im Jahr 2013 erstmals mehr als 400. Jetzt wächst die CO2-Konzentration alle zwei Jahre um ein Prozent. Die Erde empfängt Sonnenlicht. Die langwelligere Wärmestrahlung schickt sie zurück ins All. Doch das CO2 schluckt diese zum Teil und hält sie in der Lufthülle gefangen. So legt sich eine unsichtbare Decke auf den Planeten.

Mit den CO2-Emissionen klettert auch die globale Durchschnittstemperatur - rapider als je zuvor. Seit 1880 hat sie um 0,85 Grad C zugelegt. Auch hier ging es zuletzt immer rascher. 2015 lieferte einen globalen Hitzerekord nach dem anderen. Über Festland lagen die Temperaturen schon in den ersten sieben Monaten um 1,34 Grad C über dem Schnitt des 20. Jahrhunderts; über den Meeren waren es 0,67 Grad. Der Ozean schluckt einen Teil der Hitze. Das erwärmte Wasser dehnt sich aber aus: Daher steigt der Meeresspiegel.

Überflutung der Küsten#

Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts registrierte man in den Polarregionen höhere Temperaturen. Spätestens Anfang der Achtziger war klar: Das dort schmelzende Eis wird zur Überflutung kontinentaler Küstengebiete führen. Seit 1979 ist Eis von der 19-fachen Fläche Österreichs verschwunden. Jedes Jahr kommt gleichsam "die Schweiz" hinzu.

Allein der Eisverlust in Grönland lässt den Meeresspiegel von Jahr zu Jahr um weitere 0,6 mm steigen. Ähnlich viel steuert derzeit die Antarktis bei. Ihr Schelfeis wird von oben und unten angegriffen - von erwärmter Luft und erwärmtem Meerwasser.

Je schwächer dieser Eisgürtel wird, desto leichter gelangt auch das antarktische Inlandeis ins Meer. Hier sind 60 Prozent des irdischen Süßwassers gefangen. Würde man alle fossilen Brennstoffe der Welt verbrauchen, verschwände das Eis der Antarktis zur Gänze: Der Meeresspiegel läge dann 50 Meter höher als heute.

Seit Vernes Roman ist er um einen Viertelmeter gestiegen. Jedes Jahr kommen 3,4 mm hinzu. Aber nicht überall. Eismassen ziehen Wasser an; verschwinden sie, wandert es fort. Im Pazifik und im Indischen Ozean steigt das Meer rascher als im Schnitt. Da wurden schon Inseln verschluckt. Wärmere Ozeane produzieren außerdem häufiger Wirbelstürme. Die folgenden Sturmfluten treiben das Salzwasser an den Flachküsten noch weiter landeinwärts.

Zu Hilfe eilt uns die Vegetation. Sie bindet ein Viertel des emittierten CO2 und wurde aufgrund des Überangebots in den letzten 35 Jahren tatsächlich üppiger. Verschärfend wirkt hingegen das zunehmende Auftauen der Permafrostböden. Es setzt weiteres CO2 frei - und dazu noch das Treibhausgas Methan.

Reine, weiße Eisflächen reflektieren Sonnenlicht. Weichen sie grauem Fels oder blauem Meer, fällt diese Kühlung weg. Auch solch schwer erfassbarer Rückkopplungseffekte wegen sind alle Prognosen mit Unsicherheiten behaftet: Die einen lassen den Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um 20 cm steigen, die anderen um zwei Meter.

Er ist Jahrtausende lang recht konstant geblieben. Daher siedelten Menschen gern an fischreichen Küsten oder im fruchtbaren Mündungsbereich von Flüssen. Der intensiven Landwirtschaft wegen sinkt der Boden in jedem fünften Flussdelta außerdem ab: etwa am Nil, am Mekong, am thailändischen Chao Phraya, am Jangtsekiang oder im Ganges-Brahmaputra-Delta. Verzweigte Deltas sind schwer zu schützen. Menschen leben dort bloß einen halben oder wenige Meter über dem Meeresniveau. Bis 2100 könnten, so ein Studie, 187 Millionen Menschen auf der Flucht vor den Wassermassen sein.

Ein Meeresanstieg von bloß einem Meter setzte weltweit Land von der halben Fläche Italiens unter Wasser. Machte man mit fossilen Brennstoffen ungezügelt weiter, hieße es auch in New York, Tokio, Hongkong, Shanghai, Kalkutta oder Hamburg "Land unter!".

Schutz für die Arktis#

Letzten Dezember beschloss die UN-Klimakonferenz in Paris eine drastische Verringerung der Treibhausgas-Emissionen. Das soll den globalen Temperaturanstieg seit Beginn der Industrialisierung auf deutlich unter zwei Grad C begrenzen. Es darf also noch maximal ein Grad wärmer werden als heute! Bis zum Ende des Jahrhunderts wird der Meeresspiegel dann vielleicht nur einen Meter steigen. Bei Nichterfüllung der Pariser Klimaziele drohen allerdings keine Sanktionen.

In der Arktis lagern reiche Erdöl- und Erdgasvorräte, ebenso Gold, Zinn, Mangan, Nickel oder Platin. Bisher behinderte Eis den Abbau am Meeresboden. Doch dieses Hindernis schmilzt gerade weg. Die fünf Anrainerstaaten - USA (wegen Alaska), Kanada, Dänemark (wegen Grönland), Norwegen und Russland - liebäugeln mit den Bodenschätzen. Die einen betrachten den Meeresboden gleichsam als ausgedehnte Fortsetzung ihrer Landmasse, Nordpol inklusive. Russische U-Boote setzten dort bereits die Nationalflagge ab.

Andere fordern die sektorale Aufteilung der Arktis entlang der Längengrade, mit dem Pol als gemeinsamem Zentrum. Das größte "Tortenstück" fiele Russland zu. Norwegen und die USA müssten sich mit schmächtigen Sektoren abfinden.

In der Antarktis hatten sieben Staaten schon früher Gebietsforderungen angemeldet. Die USA und die UdSSR behielten sich ähnliches vor. 1961 war der Bergbau dort sowieso unrentabel. Also fror man die teils konkurrierenden Ansprüche ein. 1991 wurde das Abbauverbot für mindestens 50 Jahre verlängert - auch dank der Kampagnenarbeit von Greenpeace.

Für die Arktis fehlt ein derartiger Schutz. Dabei wäre etwa die Bekämpfung einer Ölpest auch dort kaum möglich. Umweltschutzorganisationen fordern daher ein Verbot der riskanten Ölbohrungen - oder gleich ein internationales Schutzgebiet rund um den Nordpol.

Neue Welttechniker#

Die bequeme Alternative zum Einsparen von CO2-Emissionen heißt "Geo-Engineering": Technische Großmaßnahmen sollen das Klima reparieren. Noch klingt alles wie Science-Fiction. So könnten z.B. Heißluftballons oder himmelsstürmende Schläuche Schwefeldioxid in die Stratosphäre tragen. Dort würde es sich global verteilen. Auf natürlichem Weg geschieht dies nach heftigen Vulkanausbrüchen: Die resultierende Schwefelsäureschicht streut dann das Sonnenlicht und senkt so die Temperaturen - ein paar Monate lang.

Alternativ ließen sich Nanoscheiben aus Aluminium und Bariumtitanat in Höhen um 50 Kilometer ausstreuen.

Die Ozeane nehmen einen Teil des freigesetzten CO2 auf, doch um den Preis zunehmender Versauerung. Lebewesen mit Kalkskeletten leiden darunter - auch solche, die eine grundlegende Rolle in der marinen Nahrungskette spielen. Würde man das Meer mit Eisensulfat düngen, holte der so geförderte Algenreichtum noch mehr CO2 aus der Luft. Allerdings würden andere Meeresbewohner dann wohl "nach Atem ringen": Schon jetzt führt die Erwärmung der Ozeane regional zu Sauerstoffarmut.

Niemand weiß, wie effizient solche Techniken wirklich wären. Die Nebenwirkungen auf Klima, Ozonschicht, Bewölkung, Niederschlag, Tiere, Pflanzen oder Menschen sind ebenso unbekannt.

Auch wenn es diesen Begriff vor 125 Jahren noch nicht gab: Jules Verne beschrieb ein fiktives Geo-Engineering-Projekt. Die Gedankenspiele der heutigen "Welttechniker" hätten ihm genug Stoff für weitere derartige Romane geliefert. Vielleicht ist ja ein Verfahren darunter, das unsere Welt wirklich "aus den Angeln" hebt.

Christian Pinter war 1982 einer der ersten Journalisten in Österreich, die auf Klimawandel und Meeresspiegelanstieg aufmerksam machten. Er schreibt seit 24 Jahren in der "Wiener Zeitung".

Wiener Zeitung, Samstag, 18. Juni 2016