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Schiefergas statt Veltliner #

Die OMV hat Pläne schubladiert, in Österreich Schiefergas zu fördern. In Polen wird Schiefergas dagegen als Weg aus der Energieabhängigkeit von Russland gesehen. #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 24. Juli 2014)

Von

Ralf Leonhard


OMV-Österreich-Chef Christopher Veit
Experiment der OMV. Vor zwei Jahren gab OMV-Österreich-Chef Christopher Veit bekannt, dass die OMV versucht, „umweltfreundliches“ Fracking zu entwickeln.
Foto: © APA / Proksch

Gas aus dem Weinviertel, das Österreich zur Gänze 30 Jahr lang versorgen könnte. Das versprach die OMV vor zwei Jahren – mit dem kleinen Vorbehalt, dass das Vorhaben technisch und wirtschaftlich machbar sowie ökologisch vertretbar sei. Angesichts der drohenden Lieferengpässe im Gefolge der Ukraine-Krise klingt das wie ein attraktiver Plan. Wozu Southstream? Muss man sich fragen. Doch die für Sommer 2013 vorgesehenen Probebohrungen fanden gar nicht statt. Denn angesichts der vernehmlichen Unruhe der betroffenen Bevölkerung hatte Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll vor den Landtagswahlen vom 3. März des Vorjahres die Umweltauflagen verschärfen lassen. Das Bohren wäre zu teuer gekommen.

Die Hälfte der 130 Mio. Euro Investition war allein für die Bohrkosten vorgesehen. Weitere zehn bis 15 Millionen Euro wurden für das „Aufbrechen“ des Schiefergesteins mit Wasser („Fracking“) berechnet. „Damit das Erdgas auch herausfließen kann“, so damals die OMV.

Explosionsfähige Atmosphäre #

„Explosionsfähige Atmosphäre als Gemisch aus Luft und brennbaren Gasen, Dämpfen oder Nebeln ständig, über lange Zeiträume oder häufig vorhanden“. So beschreibt die OMV die Gefahrenzone 0 im Bereich einer Gasleitung, die demnächst durch das nordöstliche Weinviertel verlegt werden soll. Bis 6. August können Interessierte die Pläne für die über 4000 Meter lange Pipeline in der Weinviertler Gemeinde Rabensburg, Bezirk Mistelbach, einsehen. Ein Sicherheitsabstand von 100 Metern zu Wohngebäuden sei einzuhalten. Betroffen von der Gasleitung wären auch das Vogelschutzgebiet March-Thaya-Auen und das Landschaftsschutzgebiet Donau-March-Thaya-Auen.

Im Weinviertel haben sich vor einigen Jahren schon Bürgerinitiativen wie SCHIEFESgas und Weinviertel statt Gasviertel formiert, die sich gegen die Aktivitäten der OMV zur Wehr setzen. Vor allem die umstrittene Fracking-Technik will man auf keinen Fall zulassen. Offiziell wartet die OMV zwar, dass neue umweltverträglichere Methoden zur Förderung von Schiefergas entwickelt werden. Doch vor mehr als zwei Jahren musste OMV-Österreich-Chef Christopher Veit zugeben, dass bereits wiederholt mit Fracking experimentiert worden sei.

Die weniger umweltschädliche Technologie wird auf der Montanuniversität in Leoben entwickelt. Statt Säuren und Bioziden, wie derzeit in den USA gängig, sollen Wasser, Sand und Maisstärke eingesetzt werden, um das Gestein aufzubrechen und porös zu machen. Aufgegeben hat die OMV ihre Pläne nicht. Sie dürften aber auf Eis liegen, bis sich die ökonomischen oder politischen Rahmenbedingungen zugunsten von Schiefergasförderung verbessern. Bei der Hauptaktionärsversammlung der OMV im vergangenen Mai wurde einer Zweifl erin jedenfalls beschieden, derzeit werde kein Fracking betrieben.

Verzicht auf Gesetze #

Weniger Bedenken als Österreichs Winzer und um die Umwelt besorgte Bürger hat die EU. Die Europäische Kommission verzichtete im vergangenen Jänner auf neue europäische Gesetze gegen Fracking. Und schon werden aus dem nördlichen Polen die ersten erfolgreichen Schiefergasförderungen gemeldet. Der irische Konzern San Leon Energy will dort bis Jänner bereits rund 1700 Kubikmeter Gas aus dem Boden gepresst haben.

Das Bohrloch ist jetzt versiegelt. San Leon Energy wartet auf die Genehmigung der Behörden, um mit einer horizontalen Bohrung von 1,5 Kilometer zu beginnen. Bisher wurde nur vertikal gebohrt: mit einm Förderpotential von etwa 11.000 Kubikmetern täglich. Das in den USA erprobte horizontale Verfahren verspricht die sieben- bis 30-fache Menge.

Nach Polen der Boom? #

Oisin Fanning, Chef des irischen Energiekonzerns, gab sich zu Jahresbeginn gegenüber der Online- Wirtschaftszeitschrift Bloomberg Businessweek optimistisch: „Wenn bewiesen ist, dass Schiefergas in Polen funktioniert, werden weitere Länder nachfolgen“. Weniger euphorisch zeigte sich zuletzt Polens Umweltminister Maciej Grabowski. Exxon Mobil und die italienische Eni hatten Polen schon vor zwei Jahren nach erfolglosen Bohrungen verlassen. Bisher wurden 50 Schiefergasquellen angezapft. Mindestens 200 müssten aber exploriert werden, damit man einen Überblick über das Potenzial in Polen bekommt, meinte Grabowski.

Ökonomisch und politisch gesehen wäre es für Polen ein Segen, wenn sich die Schätzungen des Geologischen Institutes in Warschau als korrekt erweisen. Es ortete im Jahre 2012 förderbare Schiefergasreserven von 346 bis 768 Milliarden Kubikmetern. Damit könnte sich das Land die nächsten 35 bis 65 Jahre selbst versorgen und von Russlands Lieferungen unabhängig machen. So lange wird nicht einmal Wladimir Putin regieren.

DIE FURCHE, Donnerstag, 24. Juli 2014