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Die Seele des Bieres#

In Österreich trinkt man nicht nur gerne Bier, sondern man produziert auch die Rohstoffe dafür. In drei Regionen wird Hopfen angebaut. Ein Besuch im Mühlviertel.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 5. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Simon Seher


Brauereiunternehmen Grafik
Brauereiunternehmen
Quelle: Wiener Zeitung

Rohrbach. Sepp Reiter steht zwischen seinen sieben Meter hohen Hopfenreben und lächelt zufrieden. Es ist Mitte August und der Hopfen noch nicht ganz reif. Reiter sieht sich seine Pflanzen genau an, pflückt eine Dolde und riecht daran: "Das wird eine gute Ernte." Sepp Reiter ist Obmann der Erzeugergemeinschaft (Genossenschaft) für Mühlviertler und Waldviertler Hopfen. Mit Schauanlagen in ganz Österreich, Erlebnisfahrten durch seine Felder und Veranstaltungen in seinem Bauernhof will er erklären, was Hopfen ist und wo er herkommt.

Wasser, Malz und Hopfen. Das sind die Grundzutaten von Bier. Vereinfacht lässt sich sagen: Das Wasser ist die Basis, das Malz bringt die Stärke und der Hopfen das Aroma. Hopfen ist dabei der teuerste der drei Rohstoffe. Über Preise sprechen weder Brauereien noch Erzeuger gerne. Er wird jedenfalls nicht in Tonnen, sondern in Kilogramm gehandelt. Für kleine Brauer kostet ein Kilogramm Hopfen - je nach Sorte - bis zu 300 Euro. Allerdings braucht man nicht viel von der Pflanze zum Brauen, für einen Liter Märzenbier reichen schon ein paar Gramm Hopfen. Große Brauereien, die gleich mehrere Tonnen einkaufen, haben zudem bessere Konditionen.

Wachstum bis zu 35 Zentimeter täglich#

Hopfen kann prinzipiell zwischen dem 35. und 55. Breitengrad angebaut werden, also beinahe in ganz Europa, tatsächlich wird er aber nur in einigen Regionen kultiviert. "Wichtig sind lange Tage und kühle, feuchte Nächte im Sommer", erklärt Sepp Reiter. Der beste Ertrag werde auf lehmigen, sandigen Böden erzielt. Bis zur Sonnenwende wächst der Hopfen sehr schnell. Es gibt Sorten, deren Pflanzen täglich bis zu 35 Zentimeter wachsen. Nach der Sonnenwende beginnt dann das Breitenwachstum. Für die Biererzeugung sind ausschließlich die weiblichen Ranken relevant. Nur sie tragen die Dolden, die das gelbpulvrige Lupulin in sich haben. Im Lupulin reichern sich Hopfenöle und Hopfenbitterstoffe an, die dem Bier das Aroma (und seinen Schaum) geben.

Der Zyklus des Hopfenanbaus beginnt im Frühjahr. Ab Ende März wird der Hopfen unter die Erde zurückgeschnitten. Danach spannt man in den Gerüstanlagen die Steigdrähte für die Pflanzen. Der mit dem Hanf verwandte Hopfen ist eine Schling- und Würgepflanze und wächst an diesen Steigdrähten hoch. Beim "Anleiten" legt man die drei aussichtsreichsten Triebe im Uhrzeigersinn um den Draht. Die übrigen Triebe entfernt man.

Deutschland und USA als Hauptanbaugebiete#

In Österreich gibt es drei Hopfenanbaugebiete. Das größte ist im Mühlviertel, dort wird auf einer Fläche von mehr als 150 Hektar angebaut. Die Genossenschaft mit Sitz im Mühlviertler Neufelden umfasst auch das Waldviertel, wo acht Betriebe Hopfen anbauen. Das dritte Anbaugebiet ist in der Gegend um Leutschach in der Südsteiermark und umfasst rund 90 Hektar. Insgesamt wird in Österreich auf 249 Hektar Hopfen angebaut, das ist eine kleinere Fläche als der 1. Wiener Gemeindebezirk.

Am meisten Hopfen wird in Deutschland und den Vereinigten Staaten produziert. Rund zwei Drittel der weltweiten Erzeugung stammen aus den beiden Staaten. Österreich ist im internationalen Vergleich nur ein kleines Erzeugerland. Der österreichische Hopfen wird aber auch fast ausschließlich von heimischen Brauereien gekauft. Sepp Reiter betont immer wieder, wie gut das Verhältnis zwischen Landwirten und Brauereien ist: "Unsere Brauer stehen zu uns und unterstützen uns." Tatsächlich profitieren beide Seiten vom österreichischen Hopfen: Die Brauereien können mit Regionalität werben, dafür sind sie auch bereit, etwas mehr zu bezahlen.

Dass nicht mehr Landwirte Hopfen anbauen, liegt am hohen Grad der Mechanisierung. 1969 kaufte man in der Mühlviertler Genossenschaft die erste Pflückmaschine. Anfang der 1970er Jahre mussten sich die Bauern entscheiden: Entweder sie investieren oder sie hören auf. Familie Reiter kaufte sich 1972 eine derartige Pflückmaschine. Der Umstieg auf Hopfenerzeugung kostet viel Geld: "Für einen Betrieb mit zehn Hektar Anbaufläche muss man heute mindestens eine Million Euro investieren", sagt Reiter.

Je nach Sorte und Vegetation beginnt die Hopfenernte Ende August oder Anfang September. Bei Sepp Reiter herrscht zu dieser Zeit dann Hochbetrieb. Innerhalb von lediglich zwanzig Tagen müssen sämtliche 50.000 Pflanzen geerntet, getrocknet und an die Genossenschaft geliefert werden. Um den Hopfen zu trocknen, verheizte er früher in der Erntezeit mehrere tausend Liter Heizöl. Seit einigen Jahren hat er eine Hackschnitzelheizung, mit der er nicht mehr vom unbeständigen Ölmarkt abhängig ist: "Wenn die Saudis kein Öl mehr liefern, kann ich immer noch Hopfen trocknen."

Dürre zerstörte im Vorjahr die Hälfte des Hopfens#

Voriges Jahr gab es wegen der Dürre eine historisch schlechte Hopfenernte. 2014 ernteten die Bauern der Mühlviertler Erzeugergemeinschaft 315 Tonnen, ein Jahr später nur die Hälfte davon. Grundsätzlich sind die Hopfenbauern aber nicht mehr vom Klimawandel betroffen als andere Landwirte.

Für Hopfenbauern gibt es allerdings keine Dürreversicherung. Nur gegen Hagelschäden sind sie versichert. Die Prämie - sie beträgt zehn Prozent des Hektarertrages - übernehmen zur Hälfte Bund und Land, die andere Hälfte zahlen die Landwirte selbst. Für dieses Jahr rechnet man bei der Mühlviertler Hopfengenossenschaft mit einer durchschnittlichen Ernte mit Potenzial nach oben.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 5. Oktober 2016