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Vom Kühlhaus ins Treibhaus#

Welttemperatur der letzten 11.300 Jahre zeigt Erwärmung seit dem 20. Jahrhundert#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 8. März 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Roland Knauer


Tiefschnee
Obwohl die Zeichen für den Norden auf Abkühlung stehen, steigen die Temperaturen.
© RK

Auch wenn der Mensch versucht einzulenken, wird die Erde wärmer.#

Berlin. Ernsthaft bestreitet kein Klimaforscher mehr, dass es auf der Erde in den letzten Jahrzehnten kräftig wärmer wurde. Allerdings war es bisher nicht so einfach, die steigenden Temperaturen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, weil brauchbare und genaue Daten über das Weltklima nur für die letzten 1500 Jahre vorlagen. In den Augen eines Klimaforschers wie Shaun Marcott von der Oregon State University in den USA aber ist dieser Zeitraum ein Klacks und als Grundlage für eine zuverlässige Analyse nicht so recht geeignet. Gemeinsam mit seinen Kollegen aus Oregon und von der Harvard Universität in Massachusetts hat der Klimaforscher diese Basis daher in der Zeitschrift "Science" kräftig erweitert.

Die Forscher stützen sich dabei auf insgesamt 73 bereits vorhandene Untersuchungen zwischen dem Eis der Antarktis, den Meeren vor den Küsten Südamerikas, Afrikas und Neuseelands bis hin zu Seen in Skandinavien. Aus Korallen, den Schalen verschiedener Meeresorganismen oder den Pollen von Pflanzen hatten Kollegen dort das Klima der jeweiligen Region für etliche Jahrtausende ermittelt. Mit allen Möglichkeiten der Statistik errechnen Shaun Marcott und seine Kollegen aus diesen Daten die durchschnittlichen Temperaturen in den vergangenen 11.300 Jahren auf der Erde.

Abkühlung traf nur die nördlichen Regionen#

In den ersten 1800 Jahren dieses Zeitraums erholte sich das Weltklima offensichtlich noch von der letzten Eiszeit und die Temperaturen kletterten um 0,6 Grad Celsius. In den nächsten 4000 Jahren veränderte sich wenig und die Temperaturen lagen ungefähr 0,4 Grad Celsius über dem Wert, den Meteorologen für die Zeit von 1961 bis 1990 ermittelt haben und der eine Art internationaler Standard ihrer Zunft ist.

In den letzten 5500 Jahren kühlten die Temperaturen dagegen langsam aber sicher um insgesamt 0,7 Grad Celsius ab. Dieser Rückgang beschleunigte sich in den letzten tausend Jahren weiter und erreichte zum Ende der Kleinen Eiszeit vor rund 200 Jahren die tiefsten Temperaturen der vergangenen 11.500 Jahre.

Die lange Abkühlung traf allerdings nur die Regionen nördlich der Tropen. Im großen Rest der Welt änderten sich die Temperaturen dagegen kaum. "In dieser Zeit befand sich die Erde in einer Position, in der die Nordhalbkugel im Sommer etwas weniger Sonne abbekam", fasst der Klimaforscher Shaun Marcott die Hintergründe dazu zusammen.

Durch den Ausstoß von Kohlendioxid verursacht#

Theoretisch sollte die Bahn der Erde gerade in unseren Tagen die Voraussetzung für die tiefsten Temperaturen dieser Abkühlung schaffen. Statt dessen aber beobachten die Wissenschafter genau das Gegenteil: Maßen sie zwischen 1900 bis 1909 noch Temperaturen, die kühler als fast alle Perioden der gut 11.000 Jahre davor waren, hat das Klima in den vergangenen hundert Jahren die 0,7 Grad Abkühlung der 5000 Jahre davor in einer rasanten Entwicklung wieder wettgemacht. Shaun Marcott kennt nur einen Faktor, der diesen für die vergangenen 11.300 Jahren unvergleichbar raschen Temperaturanstieg erklären kann: "In den letzten hundert Jahren nahm der Ausstoß von Kohlendioxid durch menschliche Aktivitäten ebenfalls rasant zu", erklärt der Forscher.

Am Ende ihrer Studie wagen die Wissenschafter noch einen Ausblick: Auch wenn die Menschheit in nächster Zeit überall auf der Erde den vorherrschenden Klimawandel mit aller Kraft zu bremsen versucht, wird sie nicht verhindern können, dass die Erde im Jahr 2100 deutlich wärmer als zu allen Zeiten seit der letzten Eiszeit sein wird.

Wiener Zeitung (Freitag, 8. März 2013)