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Es ist schon lange 5 vor 12.00 #

Wie es unseren Enkel im Jahr 2100 gehen wird, lässt sich nur schwer voraussagen. Wie derzeit sollten wir aber auf keinen Fall weitermachen.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 12. November 2015)

Von

Christine Ax


Baby
Wird wirklich alles schlechter? Bis zur Gegenwart hatten alle Eltern die Hoffnung, ihre Kinder mögen es besser haben als sie selbst.
Foto: © Istockphoto

Wird wirklich alles schlechter? Bis zur Gegenwart hatten alle Eltern die Hoffnung, ihre Kinder mögen es besser haben als sie selbst. Doch ist der Wunsch heute noch realistisch? In puncto Umweltbelastung oder Finanzierung von Sozialsystem und Pensionen sieht es schlecht aus. In Portugal zeigen sich bereits die Folgen einer Politik, die weder generationengerecht noch nachhaltig ist: Die Jugend wandert in Massen aus. Redaktion: Sylvia Einöder

Als ich geboren wurde, lag Deutschland in Trümmern. Zehn Jahre später fuhren die ersten Autos auf den Straßen und kurz darauf kündigte John F. Kennedy an, dass die Menschheit zum Mond fliegen werde. Ich habe in der kurzen Lebensspanne, die mir bisher gegeben wurde, erlebt, wie die gemeinsamen, lustigen Waschtage meiner Mutter und ihrer Nachbarinnen durch die Anschaffung einer eigenen vollautomatischen Waschmaschine überflüssig wurden. Für meine Mutter war das ein Segen. Es sparte Zeit und Kraft. Der Freundschaft mit den Nachbarinnen hat es nicht geschadet. Nach der Waschmaschine kam das Auto und die autogerechte Stadt, der Fernseher als heimliches Lagerfeuer der Nation und das Telefon.

In die Büros zogen Computer ein. Inzwischen ist das Smartphone ein „Must“, in den Fabriken von morgen überwachen Computer die Menschen. Autos fahren bald ohne Menschen. Wir machen es uns demnächst auf ihren Rücksitzen bequem. Und wenn es nach der Industrie und dem Mainstream der Innovationspropheten geht, sorgt die App nicht nur dafür, dass uns selbstfahrende Autos von ganz alleine finden. Das Smartphone checkt von unterwegs auch den Inhalt des Kühlschranks und löst eine Bestellung beim Supermarkt unseres Vertrauens aus. Über ein Drittel aller Arbeitsplätze sollen digitalisierbar sein - und damit überflüssig werden. Was davon mit den Erfordernissen des Klimawandels vereinbar ist, weiß man nicht so genau.

Kein ganzheitliches Denken und Handeln #

Wir leben in krausen Widersprüchen: In der Online-Ausgabe einer großen deutschen Tageszeitung las ich kürzlich, US-Forscher hätten das Klima modelliert, das Ende des Jahrhunderts in den Golfanrainerstaaten zu erwarten sei. Gegen Ende dieses Jahrhunderts könnten sich dort Menschen in den Sommermonaten nicht mehr im Freien aufhalten. Die feuchte Hitze hat dann ein Niveau erreicht, das die körpereigene Kühlung – das Schwitzen - unmöglich macht. Direkt darunter war zu lesen, wie gravierend die unausweichlichen Folgen des Abschmelzens des ewigen Eises sind.

Der nächste Klick führt mich – über eine geschickt platzierte Nachricht – in den Reiseteil. Abu Dhabi, steht dort, habe große Pläne. Der Emir von Abu Dhabi baut ein Museum, das den gleichen Stellenwert wie der Louvre in Paris haben soll und zahlt allein für die Namensrechte 400 Millionen Euro. Und überhaupt sei Abu Dhabi inzwischen ein internationaler Hotspot, der auch unter deutschen Urlaubern immer beliebter würde. Warum, das macht dann ein Foto direkt daneben klar: Wir sehen einen deutschen Geländewagen durch die Wüste rasen. Ein bisschen Spaß muss sein. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden mehr als 80 Jahre vergehen. Das ist ein langer Zeitraum. Es gibt nur wenige Entwicklungen, die wir guten Gewissens prognostizieren können. Und selbst für die gilt: Nur bis zum Beweis des Gegenteils. Die Bevölkerungsentwicklung etwa ist ein sehr träges System und wäre folglich besonders gut für Langfristprognosen geeignet. Es braucht mehrere Generationen, um einen Trend umzukehren. Bis vor kurzem waren sich die Experten einig: Die Bevölkerung in fast allen Ländern Europas wird schrumpfen und altern. Die letzten 12 Monate haben uns eines besseren belehrt. Hunderttausende verzweifelte Menschen aus Syrien und anderen Ländern machten sich auf den Weg zu uns. Und alle Prognosen müssen auf den Prüfstand gestellt werden.

In diesen Tagen könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich die Pforten der Hölle geöffnet haben. Nicht nur die schnell wachsende Zahl der Konflikte, sondern auch deren Brutalität macht Angst. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Westen viele Fehler gemacht hat: Waffenexporte, Krieg und Zerstörung als Mittel der Wahl, um westliche Werte durchzusetzen; Ausbeutung, Ungerechtigkeiten, aber auch falsche Werte und trügerische Signale, die unsere nicht nachhaltige Wohlstandsgesellschaft aussendet. Außerdem ist der Erste Weltkrieg, der 17 Millionen Menschen das Leben kostete, gerade einmal 100 Jahre her. Millionen waren und sind auf der Flucht oder auf der Suche nach einer besseren Zukunft.

Es ist so viel außer Kontrolle geraten, dass einem Angst und Bang werden kann. Wir lernen jetzt, wie wichtig politische Stabilität ist und wie gefährlich es ist, Öl ins Feuer von Konflikten zu gießen. Staatliche Strukturen sind schnell zerstört, aber so schwer aufzubauen. Das gilt auch für Unternehmen. Wir brauchen Resilienz und müssen alle Maßnahmen vermeiden, welche das Chaos fördern. Dies sind keine Zeiten für Maximalforderungen – von keiner Gruppe der Gesellschaft.

Ein kleines Wunder wäre schön #

Angesichts der starken Beschleunigung auf so vielen Ebenen ist es heute nahezu unmöglich vorauszusagen, was Ende dieses Jahrhunderts der Fall sein wird. Aber noch ist (fast) alles möglich. Im Guten wie im Schlechten. Sicher ist, dass alles irgendwie mit allem zusammenhängt. Nur gemeinsam, in Kooperation, könnten die Regierungen dieser Erde die Risiken und Chancen managen. Nationale Egoismen müssen endlich zurückstehen. Wir sind träge geworden in unserem Wohlstand, haben lange genug die Augen verschlossen. Das ist – um auf unsere Verantwortung zurück zu kommen – weder gerecht noch fair. Larmoyanz ist aber das letzte, was wir brauchen, und schon gar kein Selbstmitleid. Alte Gewissheiten und Gewohnheiten gehören auf den Prüfstand gestellt.

Umdenken Der Verbrauch von Ressourcen und CO2-Emissionen müsste verteuert werden
Umdenken Der Verbrauch von Ressourcen und CO2-Emissionen müsste verteuert werden.
Foto: © Istockphoto

Auch vorherige Generationen haben nicht nur Gerechtigkeit erfahren. Mein Großvater musste als Soldat in zwei Weltkriege ziehen. Mein Vater durfte niemals selber seinen Beruf entscheiden. Die Umstände haben ihm die Entscheidung abgenommen. Ist es fair, wenn die einen schon bei der Geburt verloren haben – weil es das falsche Jahrhundert, der falsche Ort, die falsche Familie war? Während andere mit einem golden Löffel im Mund auf die Welt kommen oder das Glück haben, in Sicherheit und als geliebte Kinder aufzuwachsen? Gab es jemals eine Zeit, in der es nur gerecht zugegangen ist auf dieser Erde? Vermutlich nicht. Das darf aber keine Ausrede dafür sein, jetzt nicht zu handeln.

Es ist das große Verdienst des Brundtlandt Reports, das Recht der heute lebenden und nachfolgenden Generationen auf eine Teilhabe an den Ressourcen dieser Erde ins Zentrum zu rücken. Eine Idee, die nur dann eine Chance hat, wenn wir in den nächsten 30 Jahren unseren Wohlstand acht- bis zehnmal ressourceneffizienter herstellen und nutzen.

Wir wissen im Grunde schon lange, was zu tun wäre. Die UNO hat in diesen Tagen die „Sustainable Development Goals“ verabschiedet, die alle Nationen dieser Erde dazu verpflichten, in 17 Handlungsfeldern das Ziel der Nachhaltigkeit zu erreichen. Ein bisschen Nachhaltigkeit reicht nicht. Wir brauchen einen tiefgreifenden Transformationsprozess. Wir müssen achtsamer und sparsamer wirtschaften und leben. Unser größtes Problem ist der ungebremste und viel zu hohe Ressourcenverbrauch mit all seinen katastrophalen Folgen.

Der Wandel wäre möglich #

Dass es geht, beweisen die in diesen Tagen veröffentlichen Ergebnisse des großen europäischen Forschungsvorhabens „Polfree“. Das Team hat drei Szenarien berechnet, wie Europa und die Welt bis 2050 die Nachhaltigkeitsziele erreicht könnten: Eines, in dem alle Regierungen der Welt zusammenarbeiten und entschlossen handeln. Eines nach dem Motto „Europa geht voran“. Und eines, wonach die Zivilgesellschaft in die Presche springt. Alle drei Szenarien zeigen auf, wie eine Wende hinzubekommen wäre. Das Gedankenspiel zeigt: Wenn die Politik versagt, gibt es auch die Möglichkeit, dass die Zivilgesellschaft den Wandel selber in die Hand nimmt. Interessanter Weise entstehen genau dann die meisten neuen Jobs.

Wir brauchen so oder so schnellstmöglich einen klugen Politik- und Maßnahmenmix: Der Verbrauch von Ressourcen und alle CO2-freisetzenden Prozesse müssen verteuert werden. Wir Bürgerinnen und Bürger müssen endlich ernst machen mit neuen Mobilitäts- und Essgewohnheiten. Wir können und müssen Vermögen und Arbeit fair verteilen.

Den Medien kommt dabei sehr viel Verantwortung zu. Wir brauchen Medien, die weder mit Katastrophenszenarien ein Gefühl von Ohnmacht erzeugen, noch Medien, die mit ihrer Berichterstattung die wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart unter einer nicht enden wollenden Flut von irrelevanten Nachrichten zudecken – bis am Ende Neuigkeiten über irgendwelche Stars und Sternchen gleich wichtig erscheinen wie der Klimawandel.

Kevin Hendrawan, ein junger Mann aus Indonesien, der in seinem Land als Moderator und Model arbeitet, war kürzlich mit vier anderen jungen Leuten aus Australien und Deutschland in der Arktis, um sich mit den Folgen des Klimawandels persönlich auseinanderzusetzen. Er sagte in einem Interview auf www.n21.press: „Ich glaube, dass jeder von uns einen Beitrag leisten muss. Vielleicht reicht eine Kerze nicht aus, um die Welt zu erleuchten, aber sieben Milliarden Kerzen reichen aus, damit der Welt ein Licht aufgeht. Wir sind die Lösung. Jeder einzelne von uns.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Autorin ist eine deutsche Nachhaltigkeitsforscherin, Philosophin, Ökonomin.

DIE FURCHE, Donnerstag, 12. November 2015

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