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Die schleichende Katastrophe #

„Pro Jahr verliert die Erde zwölf Millionen Hektar fruchtbares Land. Versuche, dieser Entwicklung gegenzusteuern, hatten bisher nur geringen Erfolg.“#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 24. Februar 2011).

Von

Oliver Tanzer


Langsam aber unaufhaltsam dehnen sich die Wüsten der Erde aus. Diese Entwicklung ist Mensch und Klima geschuldet. Eine Bestandsaufnahme.#

Wüste Gobi, Foto: © EPA
Wüste Gobi
Foto: © EPA

In den alten Zeiten, als der Regen noch häufiger war, und die Wüste Gobi noch in weiter Ferne, ist der „Gelbe Drache“ nur selten über Peking gekommen. Höchstens alle fünf Jahre, bestaunten die Bewohner der Stadt die schreckliche Naturgewalt der Sandstürme. Nun aber kommt der Drache schon jedes Jahr. Die Luft ist dann gelbrot vor Staub, Atmen nur unter Schutzmasken möglich, der Boden Millimeterhoch von Sand bedeckt. 300.000 Tonnen Sand, so berechnete die chinesische Akademie der Wissenschaften, werden jährlich in die Stadt geweht. Die Wüste selbst ist bis auf 75 Kilometer an Chinas Hauptstadt herangerückt. Langsam, aber unaufhaltsam.

Seit den 70er-Jahren hat sich die Wüstenfläche Chinas um 10.000 Quadratkilometer erhöht. Gleichzeitig gingen 7,8 Millionen Hektar fruchtbares Ackerland verloren oder degenerierten zu unfruchtbarem Steppenboden.

Weltweites Phänomen#

China ist kein Einzelphänomen. Pro Jahr verliert der Planet Erde zwölf Millionen Hektar fruchtbares Land, Boden für mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide. Der Anteil der von Aridisierung betroffenen Regionen an der Gesamtoberfläche hat sich seit 1990 von 15 auf 25 Prozent erhöht. Und dieser Verlust an Boden beschleunigt sich derzeit jährlich schon um ein Prozent. Ganz zu schweigen von dem Effekt den zerstörtes Ackerland auf die weltweite Lebensmittelversorgung hat. „Die Ausbreitung der Wüsten ist ein schleichender leiser Prozess – etwa mit Hautkrebs vergleichbar“, sagt Luc Gnacadja, der Leiter des UNO-Exekutiv-Sekretariats zur Bekämpfung der Desertifikation UNCCD), „dieser Prozess bedroht unser Leben.“

Überweidung, Abholzung, technische Eingriffe in das Ökosystem und die Verschmutzung durch Industrie, sowie landwirtschaftliche Übernutzung sind die Hauptzerstörungsfaktoren. Als „hochgefährdet“ bezeichnete 2009 eine globale Studie des US-Landwirtschaftsministerium den gesamten Nahen und Mittleren Ostens, Zentralasien, Zentralchina und die Mongolei, die Sahelzone am Südrand der Sahara, Die Südspitze Spaniens, Teile Marokkos, den Westabfall der Anden, Teile Ostafrikas und den Norden und Nordosten Australiens. 250 Millionen Menschen so die FAO sind von der Ausbreitung der Wüste direkt betroffen, 135 Millionen davon könnten dazu gezwungen sein, aus ihrer Heimat zu emigrieren.

Den Hauptanteil an der Bodenerosion besonders in steppenartigen Gebieten, welche die großen Wüstenflächen der Erde säumen, hat offenbar die intensive Weidebewirtschaftung. Allein in den 90er-Jahren verdoppelte China seinen Viehbestand.

Aufforstungsprogramm in China
Aufforstungsprogramm in China
Foto: © EPA

Kleine Erfolge#

Das Steppengras diente zur Ernährung der Tiere. China hat 400 Millionen Hektar Grasland. Durch Schafe und Vieh, so der Agrarentwicklungsexperte Guido Kuchelmeister, seien bereits 80 Prozent dieser Fläche degradiert oder versandet. Ein regionaler Weidebann in Nordchina hat in den vergangenen drei Jahren große Erfolge gezeigt. Denn das Grasland breitete sich ohne menschliches Zutun wieder aus: Die Vegetationsrate, also der Anteil des mit Gras bedeckten Bodens stieg in den betroffenen Gebieten von 20 auf 60 Prozent an.

Ein Allheilmittel ist das allerdings nicht. Denn was tun mit Chinas 157 Millionen Schafen und 192 Millionen Rindern? Ihre Zahl hat sich seit 1980 mehr als verdoppelt Die Regierung scheint jedenfalls ratlos, denn bisherige Kampagnen, die Hirtenvölker des Landes zur Stallfütterung zu bewegen, scheiterten.

Ein anderer verzweifelter Versuch besteht in der Errichtung von Schutzwäldern am Rand von Wüsten. Auch hier nimmt China eine Vorreiterrolle ein. Ein Programm, das bis 2050 läuft, 4500 Kilometer langen Schutzwald entlang der chinesischen Mauer schaffen. Allein seit 2006 hat die Regierung in Peking über 2,6 Milliarden Euro in dieses Projekt investiert – mit bescheidenem Erfolg: Die meisten gepflanzten Bäume sterben in der Trockenheit schon nach wenigen Monaten ab.

Trotzdem versuchen nun auch Anrainerstaaten der Sahara, diesem Beispiel zu folgen. Zwischen Dakar und Dschibuti soll ein 7000 Kilometer langer, 500 Kilometer breiter Waldgürtel die Ausbreitung der Wüste eindämmen. Allerdings kritisieren Umweltschutzorganisationen, dass die bloße Pflanzung von Bäumen nichts an dem Grundproblem ändere. Haider El Ali von der Umweltschutzorganisation Oceanum fordert die Umstellung der Weidebewirtschaftung: „Die Aufforstung allein ändert nichts an der falschen Bewirtschaftung der Böden“, so El Ali. Zu den menschlichen Negativeinflüssen kommen noch die Folgen des Klimawandels, wie etwa lange Dürreperioden. Chinas Nachbarland Mongolei klagt über das Versiegen seiner Flüsse. Seit 2007 seien 1000 der 5000 fließenden Gewässer des Landes versiegt und von den ursprünglich 4000 Seen 1000 verschwunden.

Tomatenanbau
Eine chinesische Bäuerin versucht, Tomaten zu ziehen.
Foto: © EPA

Versagen internationaler Politik#

Die Staatengemeinschaft müsste um die dramatischen Entwicklungen eigentlich Bescheid wissen. Tatsächlich verpflichteten sich die UNO-Mitgliedsländer schon 1995, alle notwendigen Maßnahmen zu setzen, um die Verwüstung des Planeten zu stoppen. Doch dem Versprechen folgten vor allem kaum finanzielle Taten. Die Autoren eines Berichtes der Universität der UN im kanadischen Hamilton, üben heftige Kritik, dass im Kampf gegen die Versteppung die Zusagen der Geberländer rund 30 Prozent unter dem eigentlichen Finanzbedarf lägen. Zafar Adeel, Hauptautor der Studie: „Die Politik ist sich über den Ernst der Lage nicht im Klaren.“

Dabei müssten sie aktuell nur einen Blick nach Afrika richten. Seit Monaten versuchen Hilfsorganisationen vergeblich, auf eine Dürrekatastrophe im Osten des Kontinents aufmerksam zu machen. Weitab von der internationalen Aufmerksamkeit sind dort Hunderttausende Hektar Grasland zur sonnenverbrannten Einöde verkommen. Der afrikanische „Gelbe Drache“ hat neue Opfer gefunden. Dieses Mal trifft er sechs Millionen Menschen am Horn von Afrika.

Widerstand #

Seit 1978 versucht die Volksrepublik China, das Problem der Verwüstung mit Aufforstungsprogrammen zu bekämpfen. Wirklichen Erfolg hatte bisher nur ein strenges Weideverbot. Doch das schädigt die Landwirtschaft

Wüstenbauern#

Eine chinesische Bäuerin versucht, Tomaten zu ziehen. Das Zelt soll die Pflanzen vor dem Sand der Wüste Gobi schützen, der jedes Laben zu ersticken droht.


Foto: ©EPA
Foto: ©EPA
Foto: © EPA/Foto: © A. Monithi
Foto: © EPA/Foto: © A. Monithi

Ringen um den Lebensraum Wüste #

Ein Viertel der Erdoberfläche, rund 33,7 Millionen Quadratkilometer werden biologisch den Wüsten zugerechnet. Diese Gebiete sind auch ein sich ständig verändernder Lebensraum. Geschätzte 500 Millionen Menschen leben in und von diesen extremen Trockengebieten, knapp acht Prozent der Weltbevölkerung.

Skorpion
Skorpion
Foto: © Istockphoto

In den letzten zwei Millionen Jahren waren die Wüsten starken Wandlungsprozessen unterworfen: Während des Pleistozäns und in den verschiedenen Eiszeiten schrumpften die Wüsten und wuchsen in Zwischeneiszeiten stark an. Der UN-Bericht „Global Desert Outlook“ warnt vor Eingriffen in das extrem fragile Ökosystem der Wüsten: „Bedingt durch die extrem niedrige biologische Wachstumsrate brauchen diese Ökosysteme Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, um sich von den leichtesten Eingriffen zu erholen.“ Diese Eingriffe gab und an zuvor guten Bodenbeständen haben moderne Großprojekte verursacht, wie Staudammprojekte. Tourismus und Bergbau hätten die traditionelle Lebensweise der Menschen in den Trockengebieten extrem verändert. Die menschlichen Eingriffe in Wüsten und die Errichtung menschlicher Stützpunkte dürften bis zum Jahr 2050 die Fläche der unberührten Wüstengebiete von 59 Prozent (2005) auf 31 Prozent absenken.

Umdenken bei Wüstennutzung#

Die Forscher orten dadurch eine zunehmende Konkurrenz zwischen Tierarten und dem Menschen, was die Nutzung natürlicher Ressourcen betrifft.

Die menschliche Nutzung arider Flächen für den Anbau von Nutzpflanzen, so die Autoren des UN-Berichtes, bedürfe eines intensiven Revirements. Statt Felder unter freiem Himmel und hoher Verdunstungsrate schlägt der Bericht glashausbasierte Landwirtschaft vor. Auch sollten statt billigen Getreidesorten (Mais, Weizen) angepasstere landwirtschaftliche Produkte angebaut werden (Datteln), während die Billiggetreide importiert werden sollten.

Die zweite große Herausforderung für alle Bewohner der Wüsten ist aber der Klimawandel. Zwischen 1976 und 2000 sind die Durchschnittstemperaturen in neun von zwölf untersuchten Wüstengebieten gestiegen. Prognosen für das Jahr 2100 sehen einen durchschnittlichen Anstieg des Temperaturniveaus von bis zu sieben Grad Celsius. Das hat auch eine Umwälzung der empfindlichen Biosphäre zur Folge: Die Hälfte der Vögel, Säugetiere und Insekten dürfte bereits bis 2055 von anderen Arten ersetzt werden.

Und die Experten sind einig: „Es braucht eine neue behutsamere Vision vom Zusammenleben in der Wüste. Eine Vision, in der die Wüste und ihre Bewohner sowohl durch die Politik als auch durch die Zivilgesellschaft geachtet werden.“ Das betreffe staatliche Einrichtungen – aber auch globale Strategien. Ökosystem Der schwarze Dickschwanzskorpion ist ein wenig aggressiver Sahara- Bewohner. Sein Bestand scheint auch durch die massive Klimaerwärmung nicht gefährdet.

Libyens unterirdisches Süßwassermeer #

Kufra-Oase
Kufra-Oase
Foto: © EPA

Als Libyen im Glauben der europäischen Menschen noch ein Hort des Reichtums war, und wenig darüber bekannt war, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit etwa drei Dollar pro Tag das Auslangen finden muss, trotz des enormen Ölreichtums, da pilgerten Beobachter gerne zur Oase Kufra, wo sich ein Vorzeigeprojekt des libyschen Revolutionsführer Gaddafi befindet.

Schon zu Beginn der 50er-Jahre hatten Wissenschafter im Südosten des Landes riesenhafte Wasservorkommen unter dem Wüstenboden entdeckt. In bis zu 600 Metern Tiefe lagern dort unter hohem Druck bis zu 12.000 Kubikkilometer Wasser. Die Fläche der Vorkommen beträgt fast zwei Millionen Quadratkilometer Nach Berechnung des libyschen Staates müssten die se Reserven eigentlich ausreichen, um das ganze Land mehr als 4000 Jahre lang mit Wasser zu versorgen. 1984 begann das Regime in Tripolis mit der Hebung dieses libyschen Staates müssten diese Reserven eigentlich ausreichen, um das ganze Land mehr als 4000 Jahre lang mit Wasser zu versorgen. 1984 begann das Regime in Tripolis mit der Hebung dieses einzigartigen Schatzes. Mehr als 4000 Kilometer Rohre wurden inzwischen verlegt, über 1100 Brunnen wurden gebohrt, ein Projekt, das insgesamt 15 Milliarden Euro kos tete. Immerhin konnten 1996 die Städte Sirte und Benghasi angeschlossen werden. Täglich fließen heute mehr als 6 Millionen Kubikmeter durch das System.

Von dem Wasser fließen gleich 70 Prozent Richtung Kufra-Oase, wo eines der gewagtesten Bewässerungsprojekte der Gegenwart betrieben wird. 50.000 Hektar Land, das vom Flugzeug aus betrachtet wie ein Muster aneinander grenzender, schwarzer Scheiben aussieht, werden durch die Landwirtschaft genutzt. Bis 2020 sollte diese Fläche auf 160.000 Hektar ausgebaut werden. Doch was passiert, wenn sich die Geologen täuschen und sich doch nicht so viel Wasser unter Libyen befindet? Skeptiker des Projekts gingen jüngst nicht von 4000 Jahren Nutzbarkeit aus, sondern von 50.

DIE FURCHE, 24. Februar 2011