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"6000 Hände schütteln"#

Dagmar Schellenberger startet ihre erste Saison als Operetten-Chefin von Mörbisch#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 10. Juli 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christoph Irrgeher


Die Neo-Intendantin über Eröffnungsreden, Investitionen und Rettung vor dem Regen.#

Dagmar Schellenberger
Keine launigen Reden, aber stets zum Handshake bereit: Dagmar Schellenberger.
Foto: © apa/Georg Hochmuth

Wien/Mörbisch. Jedem Anfang, heißt es, wohnt ein Zauber inne. Mitunter kann es aber auch ein Zweifel sein. Ein Zweifel, wie ihn Dagmar Schellenberger, die neue Intendantin der Seebühne Mörbisch, bekämpft. Nein, beteuert die Deutsche gebetsmühlenartig: Nichts werde sich ändern am Bühnenstil des Operettenmekkas. Neumodische Regie-Fisimatenten, ausgefallene Stücke? Nein danke. Auch im Jahr eins nach Harald Serafin, dem medial allgegenwärtigen Mörbisch-Maskottchen der vergangenen 20 Jahre, sollen die Seefestspiele so gefällig bleiben wie das pannonische Panorama. "Ihr kriegt, was ihr wollt - und noch mehr dazu", buhlt die Nachfolgerin um Kundschaft.

Kein Zutritt zum Gelände#

Klingt ein wenig nach Krisen-PR? Tatsächlich steht Schellenberger, erstmals Intendantin, unter Druck. Das liegt nicht nur an dem Umstand, dass im Operettenreich alles Neue unter Generalverdacht steht - und auch nicht nur an dem kaum wunderbar zu nennenden Verhältnis zwischen Nachfolgerin und Vorgänger (laut Schellenberger hatte ihr Serafin in der Vergangenheit das Betreten des Geländes verboten). Die 55-Jährige, die als Sopranistin auf den Opern- und Operettenbühnen reüssierte, muss in Mörbisch vor allem ein Problem lösen: Im Vorjahr kamen, verglichen mit 2004, 80.000 Besucher weniger. Schellenberger: "Das ist ein erschreckender Abwärtstrend. Ich sage das ganz ohne Häme, denn ich wäre lieber auf einen fahrenden Zug aufgesprungen." Wegen des Publikumsschwunds hat das Festival Motivforschung betrieben - und danach kräftig investiert. Dank Kreditfinanzierung prangt auf dem Areal nun ein Zubau mit 5000 Quadratmetern auf drei Stockwerken. Ein neues Gastronomiekonzept harrt der Kundschaft, mit lokalen Powidldatschgerln, doch auch einer schicken Sunrise-Bar. Zusätzlicher Vorteil: "Wenn wir wegen Regen unterbrechen müssen, kriegen wir die Leute trockenen Fußes vom Gelände."

Auch neu: Der Orchestergraben, bisher zwischen Bühne und Tribüne, gehört der Vergangenheit an. Die Musiker tauschen die nicht immer ganz trockene Unterkunft (Schellenberger: "Da waren Molche drunter") gegen einen eigenen Orchestersaal. Dadurch kann dann auch das Operettengeschehen näher ans Publikum heranrücken. Ab morgen, Donnerstag, wird Millöckers "Bettelstudent" die 3600 Quadratmeter große Bühne füllen. Feststeht jedenfalls, dass weder Bühnenbildner Yadegar Asisi noch Regisseur Ralf Nürnberger das Publikum mit Innovationen vergraulen werden. Auf Schellenbergers Geheiß hat das Duo sein Konzept schon im Frühling ausführlichst vor Pressevertretern erläutert.

Verzicht auf ORF-Premiere#

Neu ist dagegen, dass in Mörbisch künftig jeden Sommer ein neues Kreativteam versuchen soll, "die Riesenbühne zu knacken". Wobei ab 2014 auch ein eigenes Kinderstück geboten wird. Und: Schellenberger verzichtet auf eine ORF-TV-Übertragung am Premierentag. "Früher gab’s das auch nicht. Da wurde eine spätere Vorstellung mitgeschnitten, in der die Sänger keinen Stress mehr hatten." Das werde auch künftig wieder so geschehen; der Mitschnitt kommt dann im Herbst, vielleicht Fasching ins TV. "Wenn die Tante Elfriede in Linz die Premieren-Übertragung gesehen hat: Warum soll sie dann noch nach Mörbisch fahren? Ich denke, das hat uns jährlich tausende Besucher gekostet."

Was Schellenberger ebenfalls denkt: dass sie sich nichts Gutes mit dem Versuch täte, Serafins launige Eröffnungsreden zu imitieren. "Ich finde da mein eigenes Ding. Zur Premiere machen wir eine Eröffnungsveranstaltung um 20 Uhr auf der Seebühne, bei der so viel wie nötig geredet wird. Auch ich werde ein bisschen etwas sagen, und es gibt eine Überraschung." Vor den weiteren Aufführungen soll es zwar keine Reden geben, aber doch eine Intendantin zum Anfassen. "Ich werde vor allem beim Eingang stehen - und, wenn es denn sein soll, 6000 Hände schütteln."

Wiener Zeitung, Mittwoch, 10. Juli 2013