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Nationalratspräsidentin Barbara Prammer verstorben#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 2./3. August 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

grh


Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) ist am Samstag aufgrund ihrer Krebserkrankung im 61. Lebensjahr verstorben. Zahlreiche Weggefährten vor allem aus der Sozialdemokratie aber auch über Parteigrenzen hinweg zollten der Frauenpolitikerin am Abend ihren Respekt und sprachen ihr Mitgefühl aus. Bundespräsident Heinz Fischer zeigte sich ebenso wie die Regierungsspitzen tief betroffen.

Die über die Parteigrenzen anerkannte SPÖ-Politikerin bekleidete als Nationalratspräsidentin seit 2006 das zweithöchste Amt im Staat. Ihre schwere Erkrankung machte Prammer im September des Vorjahres selbst öffentlich und übte ihr Amt nach wie vor aus. Zu Anfang des Sommers waren allerdings Komplikationen aufgetreten, weshalb sie den Zweiten Nationalratpräsidenten Karlheinz Kopf (ÖVP) ersuchte, die Amtsgeschäfte zu führen. Am Samstagnachmittag starb die Politikerin im Kreis ihrer Familie, erklärte ihr Sprecher Gerhard Marschall.

Für Bundespräsident Fischer war Prammer "eine der großen Frauenpersönlichkeiten im öffentlichen Leben unseres Landes und auch über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannt und geschätzt". Bundeskanzler und SPÖ-Parteichef Werner Faymann erklärte: "Barbara Prammer war eine bedeutende Sozialdemokratin, engagierte Frauenpolitikerin, große Demokratin und seit 2006 eine hervorragende Nationalratspräsidentin." Auch Vizekanzler und ÖVP-Obmann Michael Spindelegger unterstrich: "Barbara Prammer hat stets klare Positionen bezogen und sich als überzeugte Demokratin und Österreicherin durch ihre sachpolitische Arbeit ausgezeichnet."

Die Verstorbene wurde von zahlreichen Vertretern der politischen Parteien, aus den Bundesländern und von Organisationen gewürdigt. Für Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl etwa habe Prammer ihr Amt bis in die letzten Wochen ihres Lebens "auf bewundernswerte Weise" wahrgenommen. ÖVP-Frauenchefin Dorothea Schittenhelm zeigte sich ebenfalls betroffen: "Es ist vor allem ein Verlust im frauenpolitischen Sinn."

Auch das Arbeitsmarktservice (AMS) - Prammer war unter anderem als Frauenreferentin im AMS Oberösterreich tätig - erinnerte an ihren starken Einsatz für die Frauen. Volksanwalt Peter Fichtenbauer wusste ebenfalls die Zusammenarbeit zu schätzen: "Ihre politischen und menschlichen Qualitäten haben mich überzeugt."

Die Vereinigung der Parlamentsredakteure trauerte um die Nationalratspräsidentin. Man habe Prammer als Kämpferin für politische Kultur und kompromisslose Verfechterin von Transparenz im Hohen Haus kennengelernt, hieß es in einer Aussendung. In allen Reaktionen auf den Todesfall wurde der Familie und den Freunden Prammers das tiefe Mitgefühl ausgesprochen.

Die Parlamentsdirektion hat für Sonntagvormittag (11.00 Uhr) zu einer Pressekonferenz im Parlament (Abgeordnetensprechzimmer) geladen. Informieren werden der Zweite Nationalratspräsident Karlheinz Kopf, Parlamentsdirektor Harald Dossi und Universitätsprofessor Christoph Zielinski.

Prammer stammt aus dem Hausruckviertel, konkret aus Ottnang. Die Politik lernte sie früh kennen. Ihr Vater war in der Kommunalpolitik aktiv. Nach der HAK-Matura studierte sie Soziologie, anschließend war die geschiedene Mutter eines Sohns und einer Tochter unter anderem im Arbeitsmarktservice als Frauenreferentin tätig.

1991 folgte der erste größere Schritt hinein in die Politik, als Prammer in Oberösterreich Landtagsabgeordnete wurde. 1995 avancierte sie zur Landesrätin für Wohnbau und Naturschutz, als erste Frau in einer oberösterreichischen Landesregierung. Kanzler Viktor Klima (SPÖ) holte sie 1997 als Frauenministerin in sein Kabinett, das allerdings in einer eher heiklen Zeit, da in ihre Amtsperiode das Frauenvolksbegehren fiel, das von ihr freilich selbst unterzeichnet wurde.

Prammer war eine der wenigen prominenten Vertreterinnen der SPÖ, die auch nach der schwarz-blauen Wende in der Spitzenpolitik vertreten blieb. Sie nahm ihr Mandat im Nationalrat wahr und stieg nach dem Wechsel Heinz Fischers in die Hofburg zur Zweiten Nationalratspräsidentin auf, die damals formal höchste Position, die von der SPÖ vergeben werden konnte.

Mit dem Wahlsieg der SPÖ beim Urnengang 2006 kletterte Prammer eine Stufe höher auf das Präsidentenamt. Ihr Wort hatte in der Partei inzwischen Gewicht, auch wenn sie nicht zum engsten Kreis von Kanzler Werner Faymann (SPÖ) gehörte.

Wiener Zeitung, Sa./So., 2./3. August 2014