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Bundeshymne: Bitte sprachlich korrekt!#

Eine Änderung des Textes muss inhaltlich passen, dem Rhythmus des Liedes entsprechen und vor allem aber sprachlich und stilistisch einwandfrei sein.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 22. November 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Gastkommentar von

Peter Diem


Peter Diem
Peter Diem ist Medien- und Symbolforscher sowie Mitherausgeber des österreichischen Wissensnetzes "Austria Forum"

Den für Dienstag, angesetzten Verfassungsausschuss trifft eine hohe Verantwortung. Es geht um die Hymne eines Landes, das sich als Kultur- und Literaturnation versteht. Der Antrag lautet, die vierte Zeile in "Heimat großer Töchter und Söhne" zu ändern.

Diese Formulierung ist suboptimal, ja eigentlich eine sprachliche Katastrophe.

Da ist ein Wort zu viel, und außerdem würde das Wort "Töchter" beim Singen auf der zweiten Silbe betont werden: "TöchTER und Söhne". Das kann Kammersängerin Ildiko Raimondi leicht überbrücken, in der Praxis ist das aber wohl nicht zu vermeiden.

Die Einfügung des Wortes "Töchter" in die erste Strophe der Bundeshymne ist ohne stilistische Verrenkungen nur wie folgt möglich:

1. Strophe:
"Land der Berge, Land am Strome,
Land der Äcker, Land der Dome,
Land der Hämmer, zukunftsreich!
Großer Töchter, großer Söhne
Volk, begnadet für das Schöne,
Vielgerühmtes Österreich,
Vielgerühmtes Österreich.

Es leuchtet doch ein, dass man in die Zeile eines gereimten und vertonten Textes nicht einfach ein Wort aufnehmen kann, ohne den Sprachrhythmus empfindlich zu stören. Man kann ja auch nicht in ein Kugellager einfach eine Kugel hineingeben, ohne eine andere zu entfernen. Deshalb wurde im obigen Vorschlag unter anderem das Wort "Heimat" herausgenommen - passt der Begriff "Heimat" doch ohnedies eher in eine Landeshymne, da er die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, einem Viertel, vor allem aber zu einem Bundesland ausdrückt (wie in Niederösterreichs Landeshymne: "O Heimat, dich zu lieben . . ."). Dazu kommt, dass ein loyal zur Republik Österreich stehender Neubürger bei "Heimat" wohl an einen anderen Ort denkt als an Österreich. Das sollte ihm auch zugestanden werden.

Die Formulierung "Großer Töchter, großer Söhne Volk" ist sprachlich und stilistisch einwandfrei. In einem feierlichen Text ist auch der hier verwendete "hochsprachliche" Genetiv durchaus angemessen.

2. Strophe (unverändert):
Heiß umfehdet, wild umstritten
Liegst dem Erdteil du inmitten,
Einem starken Herzen gleich.
Hast seit frühen Ahnentagen
Hoher Sendung Last getragen,
Vielgeprüftes Österreich.

3. Strophe:
Mutig in die neuen Zeiten
Frei und gläubig sieh uns schreiten,
Arbeitsfroh und hoffnungsreich.
Einig lass’ in Jubelchören,
Vaterland, dir Treue schwören,
Vielgeliebtes Österreich."

Die Ersetzung des Wortes "Brüderchöre" durch "Jubelchöre" ist sprachlich problemlos.

Da das Notenblatt einen "Bestandteil des Gesetzes" bilden soll, muss es korrekt dargestellt sein. Dazu müssen auch Textdichterin und Komponist angeführt werden. Das hätte wie folgt zu geschehen:

Text: Paula von Preradovic
Melodie: Wolfgang A. Mozart zugeschrieben, wahrscheinlich aber Johann Holzer

Wiener Zeitung, Dienstag, 22. November 2011