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Psychoanalyse und Religion#

Der katholische Psychologe Wilfried Daim hat sich ein Leben lang auf eigenständige Weise mit unterschiedlichsten Fragestellungen beschäftigt. Nun ist er im Alter von 93 Jahren gestorben.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 21. Jänner 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Peter Diem


Wilfried Daim
Wilfried Daim (21. Juli 1923 - 30. Dezember 2016).
Foto: © Diem

Anfang 1963, zwischen der ersten und der zweiten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils, erschien in Österreich ein Buch mit dem damals sehr provokant wirkenden Titel "Kirche und Zukunft". Verfasser waren drei prominente "Linkskatholiken": Friedrich Heer nannte seinen Beitrag "Atheisten und Christen in einer Welt"; August Maria Knoll überschrieb den seinen mit "Katholische Aktion und Aktion der Katholiken"; Wilfried Daim verfasste 29 brisante Thesen zum Thema "Rückkehr zur Brüderlichkeit". Als Letzter der drei Pioniere des österreichischen Linkskatholizismus verstarb Wilfried Daim am 30. Dezember 2016 nach längerem Leiden an den Folgen eines Schlaganfalls.

Wilfried Daim, geboren 1923, wuchs in einer Arbeiterfamilie in Wien-Hernals auf. Als Jugendlicher beteiligte er sich von 1940 bis 1945 in einer katholischen Jugendgruppe am Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Die Erinnerungen an seine Zeit als Soldat an der Ostfront, wo er ein Bein verlor, beschrieb Daim unter dem Titel "Als Christ im mörderischen Krieg 1939-1945" (Verlag Plattform/Historia, Wien, 2011).

Der Tiefenpsychologe#

1948 beendete Daim sein Psychologiestudium unter heftigen Diskussionen mit seinem Doktorvater, dem langjährigen Psychologie-Ordinarius Hubert Rohracher. Während Daim in der Stadt Sigmund Freuds Psychoanalyse studieren wollte, war Rohracher nur an empirischer Forschung und messbaren Ergebnissen interessiert. Daim wandte sich in der Folge ganz der praktischen Tiefenpsychologie und der einschlägigen Publizistik zu - unterstützt von seiner Frau, Johanna Daim (1927-2013), ohne deren nimmermüden Fleiß Wilfrieds Werke kaum je entstanden wären. Seine Gattin gebar ihm einen Sohn (Falko Daim ist ein bekannter Archäologe) und die Töchter Ulrike und Martina - beide erfolgreiche Akademikerinnen.

In dieser Zeit führte der junge Wissenschafter und Therapeut Experimente zur Telepathie in Träumen durch, wobei er farbige Kartonstücke unterschiedlicher Formen als Objekte benutzte. Er verwendete etwa eine kleine orange Pappscheibe, worauf die Versuchsperson von einer orangen Sonnenscheibe in einem Bild des französischen Symbolisten Odilon Redon träumte. Auf ähnliche Weise wurde ein grünes Dreieck im Traum zu einem Tannenbaum verfremdet. Berichte über diese Versuche wurden im Jahr 1949 publiziert.

Später war Daim eine Zeit lang Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychische Forschung (heute Österreichische Gesellschaft für Parapsychologie). In den folgenden Jahren wandte sich sein Interesse anderen Fragen zu, vor zu allem Themen der praktischen Tiefenpsychologie und der politischen Psychologie.

Daim veröffentlichte zunächst Bücher zum Thema Psychologie und Glaube. 1954 erschien "Tiefenpsychologie und Erlösung" - eines von zwei Büchern, in denen der bis heute seltene Versuch gemacht wird, Sigmund Freuds System der Psychoanalyse mit dem christlichen Glauben zu versöhnen. Dabei vertrat Daim die Auffassung, die Entwicklung der Person ziele unmittelbar auf Gott hin: "Wir haben nur die Wahl zwischen Sinnlosigkeit des Seelenlebens und psychologischem Gottesbeweis." Die zentrale Potenz des Menschen sei die Fähigkeit der Kommunikation mit Gott.

Zwischen 1955 und 1975 konzentrierte sich Daim auf die politische Psychologie. Er gründete 1956 das "Institut für politische Psychologie", verfasste Zeitschriftenartikel und parteistrategische Konzepte. Sogar die ÖVP orderte die eine oder andere psychologische Analyse - damals hielt sie noch etwas auf wissenschaftlich fundierte Parteiarbeit.

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Wilfried Daim vor allem durch sein Buch "Der Mann, der Hitler die Ideen gab", in dem er sich mit dem völkischen Rassenideologen Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954) beschäftigte. Daim hatte den ehemaligen Zisterziensermönch und fanatischen Antisemiten noch persönlich kennengelernt und für das geplante Werk interviewt.

Das Buch erreichte drei Auflagen (1958, 1985, 1994) und ist heute genau so aktuell wie damals. Es enthält eine detaillierte Darstellung der Lehren von Lanz, der ein "reinrassiges Paradies", einen "Sündenfall" (die Rassenvermischung), ein "Sündenbabel" (das Wien der Jahrhundertwende) und eine (End-)Lösung der Rassenfrage durch Deportation oder Liquidation der "Nichtarier" ("Tschandalen") postulierte. Die Parallelitäten mit der späteren Rassenpolitik der NSDAP sind verblüffend. Nach Daim muss der junge Adolf Hitler mit den in der Zeitschrift "Ostara" verbreiteten Thesen von Lanz unmittelbar in Berührung gekommen sein. Obwohl von Brigitte Hamann in ihrem Buch "Hitlers Wien" (1996) etwas heruntergespielt, bleibt Daims Darstellung grundlegend für das Verständnis der nationalsozialistischen Rassenideologie und ihrer Bedeutung als geistige Wurzel des Holocausts.

Der Kirchenkritiker#

In den Folgejahren begann sich Daim ausführlich mit der Rolle der katholischen Kirche und insbesondere mit ihren "Feudalstrukturen" auseinanderzusetzen. In dem eingangs erwähnten Buch "Kirche und Zukunft" nahm er viele Inhalte des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweg. Mittlerweile sind eine Reihe der Forderungen Daims erfüllt worden, so etwa jene nach der Mobilität des Papstes oder der Reduktion des päpstlichen Zeremoniells.

Doch zur Zeit des Erscheinens verursachte das Buch große Aufregung, besonders im österreichischen Klerus. Prälat Karl Strobl fragte sich, ob sein Jugendfreund Wilfried "verrückt geworden sei", nur um später feststellen zu müssen, dass mit Johannes XXIII. einiges von dem, was Daim in seinen 29 Thesen gefordert hatte, erfüllt wurde. Der später immer als besonders "liberal" geltende Wiener Kardinal Franz König verstieg sich am 13. 9. 1963 zu den Worten: "Das sind falsche Propheten, die die Herde in Verwirrung bringen. Sie schlagen die Kirche ans Kreuz." Der äußerst fromme Mitautor August Maria Knoll konnte diesen Vorwurf bis zu seinem Tod Ende 1963 nicht verwinden. Daim hat seine Gedanken über ein "fortschrittliches Christentum" in weiteren Büchern ("Linkskatholizismus" 1965, "Progressiver Katholizismus" 1967 sowie "Christentum und Revolution" ebenfalls 1967) konkretisiert.

Daims außenpolitisches Denken kreiste immer wieder um das Ost-West-Verhältnis und die österreichische Neutralität als Basis einer internationalen Brückenfunktion unseres Landes. Daim verstand es, die psychologischen Motive der damals noch kommunistischen Sowjetunion in ihrer Konterdependenz zu den USA auf sehr eindringliche Weise darzustellen. So erkannte er wesentliche tiefenpsychologische Elemente im Raketenwettstreit der Supermächte um die "Entjungferung" des Mondes.

Gegen Ende der 70er Jahre folgte eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Bundesheeres. Zusammen mit Günther Nenning war Daim ein führender Protagonist des Volksbegehrens zur Abschaffung des Bundesheeres. Schon 1969 war sein diesbezügliches Buch "Analyse einer Illusion" erschienen.

Natürlich ist es angezeigt, bei manchen der vielen originellen Ideen Daims methodische Zweifel anzumelden. So hatte er 1959 im Buch "Totaler Untergang?" die Theorie aufgestellt, dass sich der Weltuntergang in Form einer selbst verschuldeten Apokalypse ereignen würde: Vom Todestrieb angesteckt, werde die Menschheit mit Hilfe ihres Atomwaffenarsenals dereinst (oder demnächst?) kollektiven Selbstmord begehen. Weniger utopisch waren Bücher über das Verhältnis Chinas zu Europa (1973) oder ein zunächst deutsch, dann englisch erschienenes Werk über die revolutionären Wurzeln von Judentum und Christentum (1967, 1973).

Wilfried Daim ist allen, die ihm begegneten, als stets heiter gestimmt in Erinnerung. Sein wichtigstes Werk ist das 550-seitige Buch "Die kastenlose Gesellschaft". Gestützt auf eine ausführliche empirische Untersuchung (Tiefeninterviews mit Vertretern aller Sozialschichten), konnte Daim nachweisen, dass die meisten Formen von ökonomisch bestimmten Klassengegensätzen mit psychologischen Kastenkonflikten einhergehen oder sogar reine Kastengegensätze darstellen.

Klischee-Vorstellungen und Vorurteile zwischen Angehörigen von ober- und unterschichtigen Gruppen, zwischen Nationen, Rassen oder Ethnien (Migranten) haben tiefsitzende psychologische Wurzeln. Dabei spielen unbewusste Reinheitsvorstellungen ebenso eine Rolle wie unterbewusste sexuelle Ängste. Daim hat sich freilich nie bloß auf Diagnostik und Analyse beschränkt, sondern immer betont, dass es für alles eine Lösung gibt: das von ihm vertretene (urchristliche) Gebot der "universellen Brüderlichkeit" (heute wohl: "Geschwisterlichkeit").

Der Kunstsammler#

Neben seiner engagierten intellektuellen Tätigkeit, von der über zwanzig Bücher und hunderte Artikel Zeugnis ablegen, beschäftigte sich Daim ab den 1970er Jahren immer intensiver mit der Kunst der österreichischen Zwischenkriegszeit. Er war ein sehr geschickter Sammler und so konnte er zwei Ausstellungen mit Werken aus dem eigenen Fundus beschicken. Daim gilt als Entdecker des vorher völlig unbekannten Künstlers Franz Probst. Ab 1980 publizierte Daim ein halbes Dutzend Bücher über seine "Kunstabenteuer", in denen er vor allem das sozialkritische Moment der Maler Probst und Otto Rudolf Schatz hervorhob.

Im Jahr 1981 erhielt Daim, der auch Kuratoriumsmitglied des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes war, den Titel Professor verliehen. Daim war als Mitglied der K.Ö.St.V. Rudolfina bekennender CVler, wenn auch nur wenige seiner Cartellbrüder mit seinen Ansichten etwas anfangen konnten. Mit ihm verliert Österreich einen aufrechten Antifaschisten, einen bekennenden Reformkatholiken und - vor allem - einen originellen Denker und Zwischenrufer, also einen Intellektuellen im besten Sinne des Wortes.

Weiterführendes#

Peter Diem, geboren 1937, lebt als Publizist in Wien. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehört auch die Biographie "Wilfried Daim. Querdenker zwischen Rot und Schwarz" (Edition Steinbauer, Wien).

Wiener Zeitung, Samstag, 21. Jänner 2017