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Der gläserne Mensch hat Angst vor Meinungen#

Befürworter sehen in der Online-Anonymität eine Chance für Demokratie, Gegner einen Deckmantel für Belästigungen und Provokationen#


Von der Wiener Zeitung (Sa/So, 13./14. August 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gregor Kucera


Auf der Suche nach Regeln in der virtuellen Welt. Gute Geschäfte mit der User-Identität.#

digitales 'Vermummungsverbot'
Ein digitales "Vermummungsverbot" für bessere Umgangsformen fordern Google, Facebook und Co.
Foto: © EPA

Wien. Würden Sie in einem Raum mit hunderten Menschen während einer Podiumsdiskussion laut schreiend aufspringen, um einen Diskutanten, der eine andere Meinung vertritt, wüst zu beschimpfen, zu bedrohen oder verächtlich zu machen? Ziemlich sicher würde die Antwort "Nein" lauten. Was aber, wenn Sie unerkannt blieben, keiner wüsste, wer sie sind, noch, wohin Sie gehen? Sie könnten anonym ihrem Unmut freien Lauf lassen und ohne Angst vor Repressalien verschwinden. Wäre es dann nicht schön, "richtig böse" zu sein?

Im Internet passiert dies täglich. Minütlich. Nutzer, getarnt hinter Pseudonymen und im Schutz der Anonymität, wettern gegen Andersdenkende, gegen die Ungerechtigkeit der Welt und sie beschimpfen und bedrohen andere. Einen Begriff für diese Art von Zeitgenossen gibt es – es sind die so genannten "Trolle", die sich durch Mobbing im Internet, auch "Cyber-Bulling" genannt, in diversen Foren und Chatrooms negativ hervortun.

Es reicht ein Blick in die Online-Medien dieses Landes. Zwischen durchaus wertvollen und sinnvollen Kommentaren und Postings finden sich immer wieder Wortmeldungen, die nur auf Provokation aus sind.

"Vermummungsverbot"#

Genau diese Entwicklungen haben die Betreiber der sozialen Netzwerke, wie Facebook und Google+, auf den Plan gerufen. Es soll keine Anonymität mehr im Internet geben, so die Forderung der Konzerne: ein "Vermummungsverbot" in der digitalen Welt.

Nur wer mit seinem richtigen Namen ("Klarnamen") im Internet auftritt, wird sich an die zwischenmenschlichen Konventionen und Regeln halten. Diese Forderung von Randi Zuckerberg, Schwester des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg und seit kurzem nur noch Ex-Mitarbeiterin des sozialen Netzwerks (sie wird sich mit einer eigenen Firma selbständig machen), eröffnete eine neue Diskussion um Anonymität im Internet.

Die Zeit schien reif dafür: Die Ausschreitungen in Großbritannien wurden über soziale Netzwerke ausgemacht, und der Norweger Anders Breivik verteilte seine kruden Ideen über unzählige einschlägige Webseiten, deren Anwender unter falschen Namen seinen blutigen Anschlag in Norwegen positiv bewerteten und bisweilen auch feierten.

Frei schreiben#

Doch es gibt auch eine ganz andere Seite. Digitale Identitäten eröffnen Chancen und Möglichkeiten, die es in der Realität nicht gibt. Pseudonyme und Anonymität bieten die Möglichkeit, die eigene Meinung wirklich frei zu äußern und damit Demokratie lebendig zu machen. Man kann sich austauschen und Stellung beziehen, ohne abgestempelt zu werden. In China scheint politisches Engagement gegen das Regime ohne Pseudonyme unmöglich. Die "grüne Revolution" in der arabischen Welt wäre ohne diesen Schutz nicht passiert. In Ägypten "tarnten" sich Frauen in Internetforen als Männer, um dort an Diskussionen teilnehmen zu können. Versammlungen, Demonstrationen und friedliche Revolutionen wurden über Facebook und Twitter organisiert. Die Problematik dabei war allerdings, dass man nicht verhindern konnte, dass auch regimetreue Spitzel getarnt und anonym in die Netzwerke kommen konnten.

Am Anfang "gehörte" das Internet einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, die sich kannten und über das weltweite Netzwerk kommunizierten. Ideen und Gedanken wurden in der Frühzeit des Netzes in einer kollegialen, wertschätzenden Weise ausgetauscht.

Als das Internet der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, sah man bald, dass es nicht nur positive Aspekte gibt. Das Internet kann auch missbraucht werden. Doch anstatt eine globale Lösung für dieses Problem zu suchen, ein einheitliches Regelwerk, wurde den Usern empfohlen, möglichst wenig Spuren im Netz zu hinterlassen. Anonymität und Pseudonyme gehören somit seit Anbeginn zum Internet. Jedem Kind wird heute beigebracht, dass es sich möglichst nicht mit seinem richtigen Namen im Internet präsentieren soll. Ebenso gibt es viele Mailadressen, die keinerlei Rückschlüsse auf deren Besitzer zulassen. Es gäbe eine Vielzahl von Bedrohungen und viele Bösewichte, die diese Angaben gegen das Individuum nutzen könnten, so lauten die Warnungen bis heute. Zudem könne man so auch die unerwünschten E-Mails mit teils schädlichem Inhalt, bekannt als "Spam", eindämmen.

Dann kamen die sozialen Netzwerke. Anonymität auf Facebook würde das gesamte System ad absurdum führen. Die Anwender müssen sich als die zeigen, die sie sind, um gefunden werden und Kontakte knüpfen zu können. Durch Facebook und Co. wurde der Umgang im Internet massiv verändert.

Unsichtbar im Netz#

Die Angst vor den Gefahren des Internet und die damit verbundene Vorsicht führte dazu, dass Kommunikation generell entpersonalisiert wurde. Da das Gegenüber auch nicht sichtbar ist, wurden im Lauf der Zeit Verhaltensnormen und ethische wie auch moralische Bedenken immer mehr in den Hintergrund gedrängt und schließlich über Bord geworfen. Die Angst, von Unbekannten kritisiert oder gar beschimpft zu werden, führte letztendlich zu einer Gegenbewegung. Die Anwender erkannten, dass sie selbst auch unerkannt schimpfen und belästigen konnten.

In einer Zeit, in der das große Geld in der Verarbeitung von Informationen aller Art liegt, wird Identität aber zu einer Kostbarkeit. Wenn Unternehmen wissen, wer ihre Nutzer sind, welche Vorlieben sie haben und wie man sie gezielt ansprechen kann, dann ist dies ein unschätzbarer Wert, den man teuer verkaufen kann. Google versteht dieses Geschäft wie kaum ein anderer Konzern. Doch erst Facebook hat geschafft, woran viele andere Unternehmen gescheitert sind: Seine Kunden gaben sich zu erkennen. In einem sozialen Netzwerk, wo man alte Freunde trifft und sich mit der Familie austauscht, ist Anonymität zum ersten Mal in der Geschichte des Internet ein Störfaktor. Denn die Verknüpfung von digitaler Identität mit dem realem "Ich", mit der Person und ihren Vorlieben in der Wirklichkeit, eröffnet ein neues, großartiges Geschäftsfeld.

Die Diskussion, die Facebook und Google losgetreten haben, hat genau diese Thematik zum Inhalt. Auch wenn es offiziell um eine bessere Online-Welt mit weniger Mobbing und Verbrechen geht, steht dahinter das tagtägliche Geschäftsinteresse. Unternehmen, die ihre Kunden bis in kleinste Details kennen und erfassen, können der Wirtschaft maßgeschneiderte Werbung für eindeutig identifizierbare Zielgruppen anbieten.

Mehr Respekt#

Die Befürworter einer weitgehenden Anonymität im Internet meinen, dass die Abschaffung von Pseudonymen nichts verbessern würde. Allerdings müssten die Anwender lernen, dass zwischenmenschliche Konventionen, Regeln und Rechte auch im virtuellen Raum gelten. Längst scheint es notwendig geworden zu sein, Menschen systematisch auf das Leben im virtuellen Raum vorzubereiten, auf Gefahren und Chancen hinzuweisen. Auch hinter einem Pseudonym steht ein Mensch, der mit Respekt behandelt werden sollte.

Wiener Zeitung, Sa/So, 13./14. August 2011