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Heikle Gratwanderung #

Das Wiener Jüdische Museum widmet sich dem weiten Feld des jüdischen Humors, vom Wien und Berlin der Zwischenkriegszeit bis zur US-Unterhaltungsindustrie.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 25. April 2013

Von

Michael Kraßnitzer


Sigi Hofer, Hans Moser, Armin Berg und Adolf Glinger
Humor ist...Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, ist eines der Grundmotive jüdischen Humors, meint Paul Chaim Eisenberg. Im Bild die Kabarettisten Sigi Hofer, Hans Moser, Armin Berg und Adolf Glinger (v. l.)
Foto: © Sammlung Moniak und Hans Schreiber

Kann man über Gott lachen? Bezogen auf den jüdischen Humor lautet die Antwort klar: ja. Im Katalog zu der Ausstellung des Jüdischen Museums Wien über jüdischen Witz und Humor („Alle meschugge?“) findet sich folgender Witz: „Chaim, was bist Du heute zum Gottesdienst gekommen? Du hast doch gesagt, du glaubst gar nicht an Gott. – Das ist wahr, aber weiß ich denn, ob ich recht habe?“ Gott lache mit seinen Geschöpfen, heißt es schon im Talmud.

„Politisch nicht korrekt zu sein, Autorität als prätentiöses Gehabe zu entlarven, subversiv zu wirken, Vorurteilsstrukturen durch Schmunzeln und Lachen beim Publikum bloßzulegen“: So definiert Frank Stern in seinem Beitrag zum begleitenden Katalog den jüdischen Humor. Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, ist laut Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg eines seiner Grundmotive. Doch über Humor zu sprechen, ist bekanntlich schwierig. Das Jüdische Museum setzt daher in seiner aktuellen Schau auf viele originale Ton- und Bilddokumente, die den jüdischen Witz unmittelbar erlebbar machen. Gezeigt wird ein breites Spektrum dessen, was heute als jüdischer Humor gilt – von seinen Wurzeln in Osteuropa über die Unterhaltungskultur im Wien und Berlin der Zwischenkriegszeit, das Lachen im Angesicht der Shoah bis hin zum popkulturellen jüdischen Humor, der über den Umweg der US-Unterhaltungsindustrie wieder in unsere Breiten gefunden hat.

Kabarettisten im Wien der Nachkriegszeit
Mit Leuten wie Karl Farkas konnte das Kabarett im Wien der Nachkriegszeit an seine große Vergangenheit anknüpfen.
Foto: © Österreichisches Filmmuseum
Karl Farkas
Karl Farkas
Foto: © US-Information Service

Kabarett, Revue und Film #

Bis 1938 war ja Wien gewissermaßen die Hauptstadt des jüdischen Humors. Kabarett, Revue, Operette und Filmkomödie waren damals mit Namen wie Fritz Grünbaum, Hermann Leopoldi, Fritz Löhner-Beda oder Jura Soyfer verbunden. Doch unter dem NS-Regime wurden viele der Stars vertrieben oder im Konzentrationslager ermordet. Damit ging die große, jüdisch geprägte Unterhaltungskultur in Mitteleuropa unter. Anders als in Berlin konnte in Wien in der Nachkriegszeit zumindest das Kabarett an seine große Vergangenheit anknüpfen – dafür stehen Namen wie Georg Kreisler, Gerhard Bronner, Hugo Wiener und Karl Farkas. Doch dieser kulturgeschichtliche Strang ist mittlerweile verschrumpelt. Dafür ist in Kino und Fernsehen jüdischer Humor allgegenwärtig.

Seit den Erfolgen der Marx Brothers ist der jüdische Humor ein fixer Bestandteil der US-Populärkultur. Ende der 1960er Jahre galt das nicht nur für die Form, sondern auch für den Inhalt: Komiker wie Woody Allen oder Mel Brooks brachten jüdische Themen in ihren Filmen aufs Tapet und begründeten damit eine Tradition, die heute Komiker wie Adam Sandler weiterführen. Auch gibt es heutzutage kaum noch eine TV-Serie, zu deren Inventar kein jüdischer Charakter zählt. Vorreiter war hier die Serie „Seinfeld“. Und welcher ältere TV-Konsument erinnert sich nicht an die auch hierzulande ziemlich beliebte US-Serie „Die Nanny“ aus den 1990er Jahren, wo ein gutaussehendes, aber leicht vulgäres Kindermädchen mit absoluter Selbstverständlichkeit immer wieder lustige Witze zum Thema Judentum riss? Damals fanden Humor und Judentum in unseren Breiten endgültig wieder zusammen – zumindest für den passiven Zuschauer.

Marx-Brothers
Seit den Erfolgen der Marx Brothers (u.) ist der jüdische Humor fixer Bestandteil der USPopulärkultur.
Foto: © Österreichisches Filmmuseum

Die feinen Zwischentöne#

In aktiver Form bleibt der jüdische Witz für Nicht-Juden ein heikles Terrain. Witze operieren häufig mit Stereotypen, und vom Sich-lustig-Machen über jüdische Stereotypen ist es nicht mehr weit zum Antisemitismus. „Am besten, man erzählt als Nicht-Jude keine jüdischen Witze“, sagt Ausstellungskurator Marcus G. Patka: Abgesehen von der Gefahr, ins Fahrwasser des Antisemitismus zu geraten, beherrschten Nicht-Juden den richtigen Tonfall, die feinen Zwischentöne des jüdischen Witzes nicht. Außerdem gibt es natürlich auch Witze, die von vorneherein judenfeindlich sind. Ruth Werdigier bringt in ihrem Katalogbeitrag ein Beispiel: „Warum haben die Juden eine so große Nase? – Weil die Luft gratis ist“; „Warum haben die Juden eine so große Nase? – Weil Moses sie 40 Jahre in der Wüste an der Nase herumgeführt hat.“ Welcher von den beiden der antisemitische und welcher der jüdische Witz ist, liegt hier klar auf der Hand. In anderen Fällen scheiden sich die Geister, wann Antisemitismus vorliegt oder nicht. Der jüdische Spott mit der ihm eigenen Subversion richtet sich übrigens auch gegen das Phänomen übertriebener Antisemitismus-Vorwürfe. Dazu ein von Werdigier zitierter, aufgrund seines Personals schon ein wenig bärtiger Witz: „Was ist Antisemitismus? Wenn jemand behauptet, Brigitte Bardot sei schöner als Golda Meir.“

DIE FURCHE, Donnerstag, 25. April 2013